Sammler, Verleger, Mäzen – Egidio Marzona hat im Laufe seines Lebens viel für die Kunst geleistet und die SPK verdankt ihm einen unbezahlbaren Schatz an Minimal Art, Conceptual Art, Arte Povera und Kunstbüchern. Jetzt ist Marzona im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben. Unser Autor Louis Killisch erinnert sich an einen denkwürdigen Besuch im Haus des Sammlers.
Herbst 2024, eine Villa im Berliner Westend. Hinter deren Pforte: der berühmte Sammler Egidio Marzona. Davor: Ein etwas aufgeregter Redakteur, der gespannt war, was ihn wohl erwarten werde. Dann ein Moment der Erleichterung, als ein freundlich-agiler älterer Herr mit Pfeife in der Hand besagte Pforte in sein Privatreich öffnete. Schnellen Schrittes führte er in ein stattliches Wohnzimmer. Sein legendäres Accessoire, die Pfeife, sollte er während des gesamten Abends nicht aus der Hand legen.
Das Marzona-Haus schien auf den ersten Blick so, wie man sich das Haus eines Kunstsammlers vorstellt: Bücher bis unter die Decke und natürlich jede Menge Kunst – „obwohl es noch mehr sein könnte,“ wie Marzona damals betonte. Aber aufgrund von Einbrüchen habe die Polizei ihm davon abgeraten, sie allzu einsehbar zu zeigen. Die Gesprächsatmosphäre: sehr freundlich. Marzona zeigte sich humorvoll, interessiert und lockerte immer wieder mit Anekdoten auf. Verschmitzt präsentierte er einen ganzen Korb voll mit Pfeifen, immer griffbereit neben dem Sofa.
Auch auf seinen Lissitzky-Stuhl war er sehr stolz, ließ sich vom Fotografen darauf ablichten und kommentierte „von dem gibt es weltweit nur noch fünf!“ Generell schwärmte er viel von all den Künstler*innen und Sammler*innen, die er im Laufe seiner langen Sammlertätigkeit kennenlernte und zu denen ihn tiefe Freundschaften verbanden. Dabei sprühte er vor Energie und Enthusiasmus – unterbrochen nur von tiefen Zügen an seiner allgegenwärtigen Pfeife.
Was an Egidio Marzona faszinierte, war seine Zugänglichkeit und fast schon jugendliche Begeisterung für seine Herzensprojekte: das berlin modern, das Archiv der Avantgarden in Dresden, sein Skulpturenpark im italienischen Friaul und die Saalecker Designakademie. Letztere, so schien es, lag ihm damals ganz besonders am Herzen. 2018 erwarb er die ehemaligen Saalecker Werkstätten des nationalsozialistischen Rassenideologen, Bauhaus-Hassers und Architekten Paul Schultze-Naumburg, just als diese zu einer Pilgerstätte für Neo-Nazis zu verkommen drohten. „Ich bin ein politischer Mensch,“ betonte er. Mit seiner Design Akademie Saaleck (DAS) als internationalem Studienort wollte er ein Zeichen der Weltoffenheit setzen. Deswegen war ihm sein Engagement in Dresden auch so wichtig in einer Zeit, „als dort Pegida auf den Straßen tobte“.

Hier war also ein Mann, der aus privilegierten Umständen kam (sein Vater besaß ein Betonwerk), sich dessen aber sehr bewusst war und daraus für sich einen gesellschaftlichen Auftrag und Verantwortung ableitete. Über den Freund seiner Tante, ein Rumäne aus dem Dunstkreis Constantin Brâncușis wurde sein Interesse für die Kunst und schließlich auch seine Sammelleidenschaft entfacht. Diese, das wurde in dem Gespräch deutlich, war stets auch an den Wunsch geknüpft, die Gesellschaft an all dem teilhaben zu lassen: sei es der Skulpturenpark („Es gibt keinen Zaun, man kann den Park 24/7 besuchen – und trotzdem gab es noch nie Vandalismus.“), als kollektives Forschungszentrum mit dem Archiv der Avantgarde nach Vorbild des amerikanischen Getty Institutes oder seine zahlreichen Kontributionen an die Einrichtungen der SPK, die auch im berlin modern einen wichtigen Platz finden sollen.

Marzonas Erbe in der SPK
Mit Hilfe von Egidio Marzona ist es gelungen, die erheblichen Lücken bei den Staatlichen Museen zu Berlin zur Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre zu schließen. Zwischen 2002 und 2014 übernahm die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (teils als Ankauf, teils als Schenkung) seine mehr als 600 Kunstwerke und 40.000 Archivalien umfassende Sammlung zur Minimal Art, Conceptual Art und Arte Povera. Zurzeit befindet sie sich im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, der Neuen Nationalgalerie, dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek in Berlin und soll künftig Teil des in Bau befindlichen berlin modern werden. 2025 schenkte Egidio Marzona der Kunstbibliothek der SPK 22 seltene, von Künstler*innen gestaltete Bücher der Konzeptkunst aus den 1960er Jahren.
Visualisierung des berlin modern, 2024 © Herzog & de Meuron
Marzona stand damit im Kontrast zum sprichwörtlichen Tech-Bro-Milliardär des 21. Jahrhunderts: keine blinde Sammelwut mit dem Ziel der Selbstbereicherung, kein Abschotten und Isolieren vom gesellschaftlichen Überbau. Nein, es war eine demokratische Form des Mäzenatentums, das es in Zeiten gesellschaftlicher Krisen umso dringender bräuchte. Seinem Andenken darf man wünschen, dass die vielen Samen, die er in über 50 Jahren Sammlertätigkeit ausgesät hat, weiter aufgehen und gedeihen.













































