Was können Museen tun, um der hybriden Kriegsführung Russlands zu trotzen? Eine Tagung der OBMIN-Stiftung sucht nach Antworten.
Der Krieg Russlands zielt nicht nur auf die territoriale Eroberung der Ukraine, sondern auch auf die Vernichtung ihrer kulturellen Identität. Um dem entgegenzuwirken, haben sich ukrainische Museen nach dem Einmarsch zur OBMIN-Stiftung zusammengeschlossen – die ukrainische Vokabel bedeutet „Austausch“. Gerade weil das international so essentiell ist, lud die Organisation kürzlich zu einer dreitägigen Tagung, die in Warschau begann und im Berliner Humboldt Forum endete. Thema der Veranstaltung im Schloss: „Culture versus Disinformation – A Cultural Guardians Debate“.
Małgorzata Ławrowska-von Thadden, Vorsitzende der OBMIN Stiftung, stellte gleich in ihrer Begrüßung klar, was Russland bezweckt: Desinformation ist eine scharfe Waffe in der hybriden Kriegsführung. Und da Museen faktenbasiertes Wissen bieten und so die Urteilskraft und Mündigkeit stärken, seien sie besonders im Visier. Ławrowska-von Thadden macht den Dreisatz zur Bedeutung von Kultur für die Widerstandskraft: Ohne Kultur gebe es keine Identität und ohne Identität nichts, worum es sich zu kämpfen lohne.
SPK-Vizepräsident Gero Dimter fühlt sich an das Bullshit-Asymmetrie-Prinzip erinnert, also daran, dass der Aufwand, falsche Behauptungen zu widerlegen, um ein Vielfaches größer ist als der Aufwand, sie in die Welt zu setzen. Kurz gesagt: Social-Media-Algorithmen sind auch Munition. Museen müssten dagegenhalten, was keine leichte Aufgabe sei, aber der Vertrauensvorschuss in Kultureinrichtungen sei zum Glück groß. Internationale Vernetzung sei dabei essentiell, darum ist sie ein wichtiger Baustein in der Arbeit der SPK.
Ebenso wichtig wie Flugzeuge: Psychologische Verteidigung
Auch Magnus Hjort von der Psychological Defence Agency des schwedischen Verteidigungsministeriums sagt in seiner Keynote: „Wir sitzen alle im selben Boot“. Und man müsse „eine Schippe drauflegen, denn Demokratie ist bedroht, in ganz Europa und weltweit.“ Ob Desinformation, psychologische Kriegsführung, Manipulation - Kreml-gesteuerte PR-Firmen würden jeden Trick nutzen um zu manipulieren, „wie wir Dinge betrachten, wie wir wählen, wie wir Entscheidungen treffen und um unsere Demokratien zu untergraben. Sie haben sich mittels dieser hybriden Kriegsführung bei den meisten Wahlen in Europa eingemischt – und arbeiten kontinuierlich weiter daran, unsere Demokratie zu untergraben.“

Und Magnus Hjort weiß, wovon er spricht. Seine Agentur wurde im Zweiten Weltkrieg gegründet, um psychologische Kriegsführung abzuwehren und die Resilienz in der Bevölkerung ebenso zu fördern wie den Verteidigungswillen. 1941 schrieb eine schwedische Zeitung, dass dies „ebenso wichtig wie Flugzeuge“ sei. Nach der russischen Invasion 2022 wurde die Agentur in Karlstad reaktiviert.
Seine Agentur hat Trainingskurse in Sachen Fact-Checking für Journalisten entwickelt, bietet Bildung zu Medienkompetenz oder Social-Media-Workshops für Ältere an, kooperiert mit Jugendorganisationen in dem sogenannten „Youth Resilience Hub“. Information wird als Waffe eingesetzt, sagt Hjort und ein Kampfplatz sei Geschichte. Denn wie schon George Orwells in „1984“ schrieb: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft: Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ So benutzt beispielsweise Russland den Zweiten Weltkrieg als Rechtfertigung für den Angriff auf die Ukraine, indem dieser auf krude Weise als Fortführung des Kampfes gegen Nazi-Deutschland umgedeutet wird.
Wie Geschichte umgeschrieben wird, um sie für strategische politische Ziele einzusetzen, macht auch der sehr wandelbare Blick Russlands auf das Massaker von Katyn deutlich, bei dem die Rote Armee am 3. April 1940 Tausende polnische Offiziere und Intellektuelle ermordete: Nachdem die Sowjetunion das Verbrechen jahrzehntelang leugnete und erst 1990 unter Michail Gorbatschow die Verantwortung übernahm, ließ der Kreml 2023 wider besseres Wissens verlautbaren, dass die deutsche Wehrmacht in Katyn gemordet habe und zwar erst 1941.
Magnus Hjort kommt auch auf das Konzept des „Kulturellen Genozids“ zu sprechen, das erklärt, was hier auf dem Spiel steht, nämlich nichts weniger als „die systematische Zerstörung von Traditionen, Werten, Sprache und anderen Elementen, die einem Volk eine Identität geben“.
Was also tun? Magnus Hjort hat dazu einen stabilen Fahrplan, angefangen bei der Umkehr des negativen Trends in Sachen Demokratie über die Stärkung von Medienkompetenz und kritischem Denken, bis zu dem Schutz der Wahlen und dem Schutz von akademischer Freiheit sowie der Integrität und Sicherheit von Museen, Archiven und Bibliotheken. Nicht zuletzt müsse der Druck auf Russland vergrößert werde und wir müssen weiterhin die Ukraine effektiv unterstützen, so lange es nötig ist.

„Wir sind nicht eisern, wir glauben einfach an die Einheit von der Ukraine und Europa“
Dass es weiterhin sehr nötig ist, zeigt sich in der anschließenden Gesprächsrunde, als Expert*innen aus der Ukraine, Polen und Deutschland darüber diskutierten, wie Museen im Zeitalter der hybriden Kriegsführung Vertrauen schaffen können. Yurii Savchuk, Direktor des Nationalmuseums für die Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg in Kyjiw, bestätigt, dass es beim Krieg auch um die historische Wahrheit und um sowjetische Narrative über den Zweiten Weltkrieg gehe.
Das Thema Desinformation sei nach wie vor akut, die Umbenennung des eigenen Museums, das als „Nationales Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945“ gegründet wurde, erfolgte erst 2014 nach dem Beginn des Kriegs im Krim-Gebiet, was viel zu spät gewesen sei. Yurii Savchuk sagt auch, dass zehn Prozent seiner Mitarbeitenden an der Front kämpften – und während man hier in der Runde sitze, werde ein Mitarbeiter des Museums begraben, der als Soldat gefallen ist.
Es ist ein berührender Moment, als Olha Soshnikova, Direktorin des M.F. Sumtsov-Historischen Museums im frontnahen Charkiw das Wort ergreift. Sie sagt, dass die Stadt dank der Einheit der Charkiwer noch nicht gefallen sei und erzählt, wie fünf ältere Frauen trotz der näher rückenden Front ins Museum zogen, um die Objekte zu verteidigen. So entstand ein Rettungshub für die Sammlungen von Museen in der Region.
Außerdem versuche ihr Museum, soviel wie nur möglich über Charkiw und die Charkiwer*innen zu sammeln, um diese Geschichten vor dem Vergessen oder der Umdeutung zu bewahren. Teil der Erzählung ist aber auch jene Museumsdirektorin, die beim Versuch der Rettung ihrer Sammlung starb. „Wir sind nicht eisern, wir glauben einfach an die Einheit der Ukraine und Europa“ erklärt Frau Soshnikova.
Emotionen UND kritisches Denken
Dann ging es um die Frage, inwiefern Museen neutral bleiben müssten – auch angesichts des Krieges. Kathrin Grotz, die stellvertretende Direktorin des Instituts für Museumsforschung, dessen Studie Museen jüngst ein enormes Maß an Vertrauen in der allgemeinen Öffentlichkeit bescheinigte, erinnerte an den Beutelsbacher Konsens: Museen sollte sich an das Überwältigungsverbot halten. Es gelte, kritisches Denken zu fördern – natürlich können dabei Emotionen nicht weggelassen werden, diese sollten aber immer mit Transparenz und Offenheit kommuniziert werden. Es gelte aber auch, die Anforderungen im Blick zu behalten, denn Museen sollten ständig so viel übernehmen, bei dem andere soziale Institutionen versagen.
Plötzlich wird deutlich, dass auch der hierzulande ausgefochtene „Kulturkampf“ letztlich ein europäisches Thema ist. Und so hakt man sich bei der Tagung gedanklich unter und weiß, wofür man gemeinsam streitet – zu historischer Urteilskraft zu finden, um resilient und widerstandsfähig für einen Krieg der Lügen zu sein.
Weiterführende Links
- Website der OBMIN-Stiftung
- Website der Psychological Defense Agency
- “Vertraut den Museen, sie fördern kritisches Denken!”: Interview mit Patricia Rahemipour vom Institut für Museumsforschung
- “Es ist reiner Terror, nichts anderes”: Interview mit Stefan Simon vom Rathgen-Forschungslabor zu seiner Ukrainereise

























