Was werden die sich trauen?

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Bei einem Abend im Haus Bastian sollte es um Provenienzforschung nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gehen – es wurde ein Lehrstück in Sachen liberaler Demokratie

Mut! Das ist das Wort, das sich nach diesem Abend im Haus Bastian im Kopf festsetzt. Mensch, haben die Mut! Mutig in Magdeburg. In Halle. In Dessau. Aus Sachsen-Anhalt sind sie nach Berlin gekommen, um eigentlich darüber zu sprechen, wie es sich mit der Provenienzforschung und der politischen Bildung nach dem Wahlsieg der AfD verhalten wird. Die Veranstaltung findet im Rahmen des Kooperationsprojekts „Kunst, Raub und Rückgabe – Vergessene Lebensgeschichten“ statt, das eben diese Bereiche verbindet und verschiedene Vermittlungsformate für die kulturelle und politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen in Museen entwickelt. Ergänzend dazu werden Interessierte und Akteure aus Forschung, musealer Praxis und Vermittlung an Abenden wie diesem eingeladen, sich fachübergreifend auszutauschen.

Letztlich geht es dann doch um mehr als um das zarte Pflänzchen der Aufklärung über NS-Raubgut, DDR-Verbrechen oder koloniale Untaten. Obgleich es interessant ist, was zwischen Halberstadt und Zeitz passiert, wie nach einem sogenannten „Erstcheck“ das Interesse an den Herkunftsgeschichten erwacht und Rechtssicherheit wieder hergestellt werden kann. 50 Museen betreiben proaktive Provenienzforschung, drei davon widmen sich auch der Kolonialgeschichte, wie Anette Müller-Spreitz von der Koordinierungsstelle Provenienzforschung beim Museumsverband Sachsen-Anhalt betont. Diese wichtige Arbeit war in den vergangenen Jahren immer befehdet, wie aus den Kleinen Anfragen der AfD hervorgeht. Da wendet sich die Partei dann „gegen Provenienzforschung ohne Anlass“, „anlasslosen Generalverdacht“ oder die „künstliche Aufrechterhaltung eines Schuldgefühls“. Konnte man bislang derlei haarsträubende und geschichtsvergessene Vokabeln noch als oppositionelles Getöse zurückweisen, ist seit dem 6. September nicht mehr sicher, ob daraus nicht doch Grundsätze des Regierungshandelns werden. Wird den vielen kleinen und großen Initiativen, die Provenienzforschung betreiben, das Geld gestrichen? Könnte es so kommen?

Was werden sie sich trauen? Das fragt sich der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, Maik Reichel: „Ich bin der AfD ein Dorn im Auge, was aber auf Gegenseitigkeit beruht.“ Seit Jahren donnert die AfD gegen ihn und seine Einrichtung, er war einer ihrer ersten Ziele und rechnet jetzt eigentlich fest mit seiner Ablösung. Doch vorauseilender Gehorsam, sagt Reichel, komme für ihn nicht in Frage. Auch für die neue Regenten gelte schließlich die Landesverfassung. Außerdem setzt er auf die Lehrerschaft im Land: „Sie stützen uns. Die Lehrer können gut gegenhalten, wenn es jetzt darum geht, ein rein nationales Geschichtsbild zu vermitteln. Auch die AfD kann nicht so einfach durchregieren.“ Man hört Stolz aus diesen Worten. Stolz auch auf die Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt, die stärker sei als viele denken. Die demokratische Lust, einen Kompromiss zu finden und damit zu leben, was die AfD völlig ablehnt, ist immer noch ein Gradmesser für das Miteinander. Aber deutlich wird eben auch, dass es nicht reicht, mit ethnologischem Blick auf dieses Land zu schauen. Was hier geschieht, geschieht in Deutschland: „Wir müssen uns gegenseitig stärken, dürfen uns nicht zerbröseln lassen. Und wir werden Hilfe von außen brauchen“, fordert Maik Reichel.

Man hört den Saal förmlich nicken bei diesen Worten. Auch als Regina Bittner, die Vizedirektorin der massiv angegriffenen Stiftung Bauhaus Dessau sagt, man müsse jetzt Räume offenhalten, um damit Polarisierungen und Lagerbildungen entgegenzuwirken. Starke Sätze in diesen Tagen, die aber viel über Demokratiefähigkeit sagen. Und so verlässt man diesen Abend mit dem Gefühl, dass der anfangs beschriebene Mut vielleicht aus dem Zusammenleben erwächst. Das ist ja ein Wert an sich. 

„Kunst, Raub und Rückgabe – Vergessene Lebensgeschichten“ ist ein Projekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste. Es wird gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie von der Friede Springer Stiftung.


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