Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors, über seine Ukraine-Reise: Wir dürfen in unserer Hilfe für die Kolleg*innen nicht nachlassen!

Stefan Simon ist Direktor des Rathgen-Forschungslabor und konzentriert sich in seiner Arbeit auf die naturwissenschaftliche Untersuchung und Erhaltung von Kunst- und Kulturgütern sowie auf nachhaltige Konservierungsstrategien. Zuvor war er unter anderem an der Yale University tätig und verbrachte bis Juni 2025 einen Forschungsaufenthalt an der Carleton University in Ottawa als Fulbright Distinguished Research Chair.
Herr Simon, Sie waren im Frühjahr in Ukraine, genauer in Kiew und Lwiw. Was haben Sie dort erlebt?
Stefan Simon: Ich bin kein Museumsmacher, sondern jemand, der sich primär um den Erhalt von Kulturgütern kümmert. Auch und gerade in Kriegsgebieten. Ich war zum Beispiel in Syrien 2016 im Bürgerkrieg. Klar ist, es geht in bewaffneten Konflikten immer zuerst um Menschen, und erst dann um die sogenannten „Steine“. Das ist in der Ukraine nicht anders. Ich bin aber der Meinung, dass ich meinen Job nicht richtig mache, wenn ich nicht hinfahre und mir vor Ort ein Bild von dem mache, was passiert. In der Ukraine spürt man allenthalben einen unheimlichen Willen, eine große Entschlossenheit, die eigene kulturelle Identität, und das eigene kulturelle Erbe zu retten, zu bewahren. Egal, ob dafür nun Unterstützung aus dem Westen kommt oder nicht.

Und wie ist die Situation?
Ich bin auf meiner Zugfahrt von Przemysl nach Kiew durch drei Flugalarmzonen gefahren. Und wenn Sie dann vor der St.-Andreas-Kirche in Lwiw stehen und Sie sehen, wie eine russische Drohne das UNESCO-Weltkulturerbe nur um wenige Meter verpasst hat, dann ahnen Sie, dass hier auch ein Krieg direkt gegen die Kultur geführt wird. Das ist reiner Terror, nichts anderes. Nach Angaben der UNESCO sind bislang über 500 Kulturerbestätten in der Ukraine beschädigt oder zerstört worden. Es sind vor allem diese unglaublich mutigen ukrainischen Frauen, die die Museen verteidigen. Ob in den besetzten oder freien Gebieten, ob nahe oder fern vom aktuellen Frontverlauf. Vor ihnen kann man sich nur verneigen! Es was für mich sehr bewegend, als wir das ukrainische Museumsnetzwerk OBMIN im Juni 2024 auf unsere Museumsinsel nach Berlin eingeladen hatten und dort über 100 vor allem Frauen zusammenkamen, die sich seit Kriegsbeginn tagtäglich gegen die Zerstörung stellen, weil die Männer ja beim Militär sind.
Was können wir, was kann der Westen tun?
Ich denke, dass die Zusammenarbeit im Kulturbereich auch im vierten Kriegsjahr nicht aufhören darf. Es wird immer noch Verpackungsmaterial benötigt, um Kulturgüter zu evakuieren. Polen baut gerade ein großes Zentraldepot, eine halbe Stunde von Warschau entfernt. Auch in Lwiw soll ein regionales Evakuierungs- und Konservierungszentrum entstehen. Es wird gerade heftig darüber diskutiert, wohin Objekte jeweils verlagert werden sollen, denn die ukrainische Regierung hat angeordnet, dass alle Museen, die näher als 50 Kilometer an der Front liegen, geräumt werden sollen. Kaum jemand hatte anfangs mit der Massivität und Brutalität dieses Krieges gerechnet. Gleichzeitig haben wir es mit Museen zu tun, die geplündert wurden und deren Objekte nun in russischen Datenbanken auftauchen. Das Khanenko-Museum in Kiew zum Beispiel ist leer, aber nicht ohne Programm! Gemeinsam mit der Smithsonian Institution in Washington und dem Penn Cultural Heritage Center in Philadelphia werden digitale Museen aufgebaut, z.B. mit der Raphael Lemkin Gesellschaft in das „Museum of Local Lore“ in Mariupol. Das dokumentiert nicht nur die völkerrechtswidrige Zerstörung 2022, sondern bietet eine gute Grundlage für eine spätere juristische Aufarbeitung und vielleicht auch dafür, um nach Kriegsende Kulturgüter zurückzubekommen.

Es ist wichtig, die Verluste zu dokumentieren. Und das gemeinsam mit phantastischen ukrainischen Kollegen zu tun, die auch nach diesen furchtbaren vier Kriegsjahren nicht aufgeben. Deshalb sollten , nicht nur der Westen, sondern wir alle, die wir uns für die Erhaltung des kulturellen Erbes weltweit einsetzen, weiter helfen und unterstützen! Das sage ich auch und gerade an die Adresse des BKM und des Auswärtigen Amtes: Reisestipendien, Mittel für die Restaurierungsaus- und fortbildung ukrainischer Kollegen, Speicherkapazitäten, vielleicht auch mehr solche Projekte wie die beeindruckende Ausstellung „Von Odesa nach Berlin“ – das würde ich mir wünschen. In unserem ICOM International Committee Security planen wir für November und in Kooperation mit den ICOM Nationalkomitees der Ukraine und Deutschland zu einer Konferenz nach Lwiw einzuladen. Da soll es um alle Aspekte von Museumssicherheit und Risikomanagement in Konfliktregionen gehen, auch um Cyber-Security und den den illegalen Kunsthandel. Wir sind gut beraten, den ukrainischen Kollegen aufmerksam zuhören und können viel im Austausch mit ihnen lernen.

Bei letztgenannter Ausstellung, einer Kooperation der Gemäldegalerie mit dem Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa, ging es ja nicht nur um Rettung, sondern vor allem auch um mehr Verständnis für die kulturelle Identität der Ukraine.
Genau! Wir haben in der Stiftung doch auch dazugelernt durch diesen brutalen Angriffskrieg. Was macht Kultur und Kunst in der Ukraine aus? Betrachten wir die Krim-Tartarische Sammlung im Museum Europäischer Kulturen nicht heute mit anderen Augen? Es hat nicht alles etwas mit Geld zu tun, sondern viel mit einem besseren Verständnis füreinander. Dieses Verständnis auszubauen, dafür möchte ich mich auf meinem Feld der Kulturguterhaltung gern weiter einsetzen.

Expert*innen-Treffen im Bohdan and Varvara Khanenko National Museum of Arts, Kyiv, 26. März 2026
Mit Olha Sahaidak (Senior Expertin für Kulturpolitik, institutionelle Entwicklung und Kulturreformen), Anastasiia Cherednychenko (Präsidentin ICOM Ukraine), Fabian Mühlthaler (Goethe-Institut, Kyiv), Danylo Hurin (stellv. Direktor für Forschung des Ivan Kavaleridze Museum-Studio), Anastasiia Oleksii (Geschäftsführerin Raphael Lemkin Society), Daryna Pidhorna (Juristin und Analystin, Raphael Lemkin Society), Ihor Poshyvailo (Generaldirektor des National Museum of the Revolution of Dignity – Maidan Museum), Olha Salo (stellv. Direktorin für Entwicklung und Ausstellungsarbeit, National Museum of the Revolution of Dignity), Stefan Simon (Vorsitzender ICOM IC Security) sowie Mariana Varchuk (stellv. Direktorin für digitale Transformation von Museumsdaten, Khanenko-Museum). Foto: Stefan Simon











































































