Macht, Einfluss und soziales Fortkommen beruhen oft auf unsichtbaren Beziehungen. Die Historische Netzwerkanalyse kann solche Verbindungen offenlegen, benötigt dafür jedoch Daten, die schwer zugänglich und über viele Einrichtungen verstreut sind. Genau hier setzt SoNAR an: Der innovative Forschungsdatenmarkt bündelt den Zugang zu Hunderten Millionen Aussagen über Akteure und ihre sozialen Beziehungen und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur historischen Forschung mit neuen digitalen Methoden.
Stellen Sie sich vor, es ist das Jahr 1434. In Florenz konkurrieren die mächtigen Familien der Stadt erbittert um Macht. Die Medici triumphieren, nicht durch Waffen oder Vermögen, sondern durch ein strategisches Netz von sozialen Beziehungen, das etwa durch Heirat die Stadt durchzieht. Während Familien wie die Strozzi ihre Kinder lieber untereinander verheiraten, binden die Medici ihre Söhne und Töchter bewusst an Familien aus ganz verschiedenen Stadtvierteln und bauen dadurch Brücken zwischen sonst getrennten Gruppen. So werden die Medici zur unverzichtbaren Schaltstelle des gesellschaftlichen Lebens in Florenz – und darüber hinaus.
Solche verborgenen Gefüge lassen sich durch ein Verfahren namens Historische Netzwerkanalyse aufdecken. Die Heiratsverbindungen werden dabei wie in einem Organigramm aufgezeichnet: jede Familie als Punkt, jede Ehe als Linie zwischen zwei Punkten. Plötzlich sieht man deutlich, dass die Medici nicht durch Zufall erfolgreich waren, sondern weil ihre Position im Netzwerk ihnen alle Macht in die Hände legte. Die Historische Netzwerkanalyse macht sichtbar, wie verborgene Beziehungsmuster Geschichte schreiben.
Um solche Muster zu erkennen, benötigen Forschende jedoch Daten – und hier zeigt sich ein zentrales Problem: Die notwendigen Informationen über katalogisierte Quellen wie Urkunden, Briefe, Bücher und Objekte sind über zahlreiche digitale Kataloge und Sammlungen verschiedenster Einrichtungen wie Archive, Bibliotheken und Museen verstreut. Eine systematische Recherche wird dadurch immens erschwert. Die Datenerhebung ist fast unmöglich.
Das ist die Herausforderung, die SoNAR, eine neue Forschungsdateninfrastruktur, adressiert. Sie wird derzeit an der Staatsbibliothek zu Berlin in enger Kooperation mit dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin aufgebaut. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und läuft von Oktober 2025 bis März 2028.
Was ist SoNAR?
Der Name SoNAR steht für Social Network Analysis and Related Research. SoNAR ist ein Datenmarkt, der mehrere hundert Millionen Aussagen über Akteure – Personen, Organisationen, Familien – und ihre Beziehungen bereitstellen wird. Das ist eine bisher unerreichte Datenmenge für die historische Forschung. Das Kernprinzip liegt darin, die Informationen aus verschiedenen Archiven, Museen und Bibliotheken zu verbinden und zugänglich zu machen. Forschende können über SoNAR gezielt nach Daten suchen, sie filtern und herunterladen, um sie anschließend mit ihren digitalen Werkzeugen auszuwerten. Damit reagiert das Infrastrukturprojekt auf das wachsende Interesse in den Geistes- und Sozialwissenschaften, sich historischen Fragestellungen mit neuen digitalen Methoden zu nähern.
Netzwerkanalysen werden zum Beispiel von Historiker*innen, Literaturwissenschaftler*innen, Wirtschaftswissenschaftler*innen oder Soziolog*innen genutzt, um ganz verschiedene Beziehungsgeflechte zu untersuchen, die oft tief in den Daten verborgen sind: wissenschaftliche Kontakte, archäologische Materialnetzwerke, politische Bewegungen oder Wirtschaftsbeziehungen. Was all diese unterschiedlichen Forschungsinteressen verbindet, ist eine relationale Perspektive, also der Blick darauf, wie Menschen, Objekte oder Ideen miteinander verbunden waren.
Datenquellen
Eine Stärke von SoNAR liegt in der systematischen Zusammenführung von heterogenen Datenbeständen. Anfänglich werden fünf große Datensammlungen integriert: Die Gemeinsame Normdatei ist das zentrale Referenzsystem im deutschsprachigen Raum und sorgt dafür, dass beispielsweise Personennamen eindeutig zugeordnet werden können. Kalliope verzeichnet Archivbestände wie Nachlässe und Autographensammlungen – darunter Briefe, Tagebücher und Manuskripte – aus Bibliotheken, Archiven und Museen. museum-digital, bereits international aufgestellt, ermöglicht großen wie kleinen Museen eine professionelle Katalogisierung. SoNAR wird außerdem durch Social Networks and Archival Context (SNAC) gestärkt. SNAC ist eine internationale Kooperative aus den Vereinigten Staaten, die Archivquellen auf der Basis eindeutig identifizierter Personen, Organisationen und Familien sowie ihrer Beziehungen vernetzt. Die Zeitschriftendatenbank (ZDB) komplettiert das Angebot mit Nachweisen zu Zeitungen und Zeitschriften aus mehreren Jahrhunderten. Weitere digitale Sammlungen sollen in den kommenden Jahren hinzukommen.
Aber diese Datenbestände zu verbinden, ist knifflig: Jede Institution katalogisiert nach ihren eigenen Regeln. Bibliotheken machen es anders als Archive, Archive anders als Museen. So entstehen sehr unterschiedliche Datensätze. SoNAR hat deshalb eine intelligente Vermittlungsschicht konzipiert. Sie übersetzt diese verschiedenen „Katalogsprachen“ und bringt sie in ein einheitliches Format. Das hat einen großen Vorteil: Wenn derselbe Mensch in mehreren Quellen auftaucht, etwa eine historische Person, die sowohl Briefe geschrieben hat (in Kalliope erfasst) als auch als Co-Herausgeber einer Zeitschrift tätig war (in der ZDB vermerkt), erkennt SoNAR mithilfe von Normdaten nicht nur, dass es sich um dieselbe Person handelt, sondern identifiziert auch nähere Zusammenhänge: Wer stand mit wem in welcher Art von Austausch, wer war wo aktiv?
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Was SoNAR leistet – und was nicht
SoNAR wird das Erheben, das Kuratieren von Daten, deren Auswahl und Aufbereitung erleichtern und dokumentiert, woher jede einzelne Aussage kommt. Das macht die Forschung mit diesen Daten transparent und reproduzierbar. Andere können sehen, was gemacht wurde, und Untersuchungen wiederholen.
Aber SoNAR ist nur ein Baustein im Forschungsprozess. Mehr Daten führen nicht automatisch zu besseren Ergebnissen und SoNAR ist keine Knopfdruck-Lösung. Die Forschungsarbeit bleibt Aufgabe der Wissenschaftler*innen. Sie müssen prüfen und abwägen, welche Daten für die jeweiligen Forschungsfragen relevant sind und einen Erkenntnisgewinn versprechen und welche nicht. Wichtig ist auch: SoNAR kann nur mit bereits vorhandenen Daten arbeiten, die von Kulturerbeeinrichtungen oder aus früheren Forschungsprojekten stammen. Für manche Forschungsinteressen wird es daher weiter notwendig sein, zunächst andere bzw. ergänzende Daten zu erheben.
Open Science statt Datenmacht
SoNAR wird offen zugänglich sein, ohne Nutzungsbeschränkungen. Das unterscheidet die Infrastruktur fundamental von den Angeboten großer Konzerne der Datenwirtschaft. SoNAR wird durch öffentliche Gelder finanziert und verfolgt kein Gewinninteresse. Forschende sollen das Angebot ohne Hürden nutzen können. Die bewusste Haltung hinter SoNAR: Wer Zugang zu Daten hat, kann frei forschen. Und freie Forschung ist ein Gewinn für alle.


















