Altes Telegramm

Wie man das Selbstbild der Leni Riefenstahl zerlegen könnte

Feature

Es war ein schweres Erbe, das die SPK vor mittlerweile acht Jahren angenommen hat: Als Horst Kettner, seines Zeichens Kameramann, Lebensgefährte und Nachlasshüter Leni Riefenstahls, 2018 verstarb, gelangte der Nachlass der klagefreudigen Reichsparteitagsfilmerin, Hitler-Vertrauten und lebenslangen Unschuldsbeteuernden in die Obhut der Stiftung. Aber genau für diese komplexen Fälle ist die SPK in ihrer ganzen Interdisziplinarität ja da und hat in den vergangenen Jahren Schicht für Schicht freigelegt, was es in dem von Riefenstahl und Kettner akribisch kuratierten Nachlass freizulegen gibt.

Dieser besteht nämlich aus Teilkonvoluten, beispielsweise Fotos und Filme der Nuba, einer Volksgruppe im Sudan, denen sich Riefenstahl in den 1960er und 70er Jahren widmete. Dieses bis dato relativ unerforschte Material wurde mit Blick auf seinen kolonial-rassistischen Kontext und in gleichberechtigter Zusammenarbeit mit den Nuba aufgearbeitet. Neben einem Symposium und der Website mit den Forschungsergebnissen nuba.images.smb.museen wird im Mai 2026 das Ausstellungsprojekt  „Kunst im Kontext“ von Studierenden der Universität der Künste Berlin im Museum für Fotografie realisiert.

Die Staatsbibliothek hingegen hat sich dem Schrift-Konvolut gewidmet, es erschlossen, digitalisiert und online zugänglich gemacht – quasi bereit zur Erforschung. Forschungsreferent Christian Mathieu erzählt im Interview vom Stand der Dinge, was in den Riefenstahl-Schriften zu finden ist (und was nicht) und warum ein zweites Projekt zu juristischen Rahmenbedingungen notwendig war.

Christian Mathieu

Dr. Christian Mathieu ist Forschungsreferent in der Generaldirektion der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB)
Foto: SPK/Jonas Dehn

Wie ist der aktuelle Stand seiner wissenschaftlichen Erschließung und Digitalisierung?

Mathieu: Wegen seines schieren Umfangs und seiner medialen Vielfalt wird Leni Riefenstahls Nachlass nach materialbezogenen Kriterien dezentral bei den Staatlichen Museen zu Berlin – in der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek bzw. dem Ethnologischen Museum –, in der Staatsbibliothek zu Berlin (Stabi) sowie der Stiftung Deutsche Kinemathek verwahrt.

Angesichts der ungewöhnlichen juristischen Herausforderungen dieses Bestands – sowohl in urheberrechtlicher als auch in leistungsschutz- und persönlichkeitsrechtlicher Dimension – ist für seine analoge wie virtuelle Zugänglichmachung ein gestuftes Verfahren vereinbart: Den Auftakt markierte 2022 die Stabi mit der Einwerbung von Fördermitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für ein mehrjähriges Projekt – mit dem Ziel, die in circa 750 Kästen und Ordnern versammelten etwa 590 Drehbücher, Typoskripte und anderen Textwerke, 17.000 Briefe (ohne Fanpost) und 700 Lebensdokumente wissenschaftlich zu erschließen und in Teilen auch zu digitalisieren. Alle im Verlauf dieses Vorhabens erstellten Erschließungsdaten und Digitalisate werden in Kalliope, dem von der Stabi betriebenen nationalen Nachweisinstrument für Nachlässe, Autographen und Verlagsarchive, im Open Access veröffentlicht. 

Schwarz-Weiß-Foto einer rauchenden Frau
"Starfotos von Leni Riefenstahl, Tiefland", 1956. Foto: SBB, CC0 1.0
Eine Seite Schreibmaschinengetippter Text
"Womit hätte ich Hitler gedient?" Ausschnitt einer Gegendarstellung, die Riefenstahl 1976 als Reaktion auf den Beitrag "Blut und Hoden" an DER SPIEGEL schickte. Foto: SBB, CC0 1.0

Allerdings stehen keineswegs nur juristische Restriktionen der digitalen Bereitstellung großer Teile von Leni Riefenstahls Nachlass entgegen – diese normativen Hindernisse adressiert die Stabi gegenwärtig im Rahmen eines neuen, ebenfalls von der DFG ermöglichten rechtswissenschaftlichen Verbundprojekts. 

Um auch die ethischen Anforderungen an eine angemessene Online-Präsentation gerade der im Riefenstahl-Nachlass enthaltenen (Bewegt-)Bilder anzugehen – z.B. in Bezug auf Einsatz und Darstellung von NS-Gewaltopfern im Film Tiefland (1944/54) –, wurde in den vergangenen Jahren an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ein weiteres flankierendes Forschungsvorhaben durchgeführt: Das von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderte Projekt von Kunstbibliothek und Ethnologischem Museum Rassismus – Kolonialismus – Faschismus? Deutsch-Sudanesische kollaborative Erschließung und Präsentation des Nuba-Werks von Leni Riefenstahl zielt darauf, bei der Digitalisierung dieser Fotografien die Perspektiven, Wünsche und Bedürfnisse der abgebildeten indigenen Bevölkerungsgruppen einzubeziehen.

Mehrfach beschriebener Briefumschlag
Statt Adresse schrieb Leni Riefenstahl "wichtiger Brief an Mutti" auf das Kuvert, das einen unversendeten Brief an ihre Mutter enthielt (1947). Foto: SBB, CC0 1.0
Altes Telegramm
Adolf Hitler bedankt sich bei Leni Riefenstahl per Telegramm für Geburtstagsglückwünsche. Foto: SBB, CC0 1.0

Der von der Stabi übernommene Teilbestand umfasst Riefenstahls weitverzweigte Privat- und Geschäftskorrespondenz. Mit wem hat sie korrespondiert?

Mathieu: Als ausgesprochen klagefreudige und bis ins hohe Alter produktive Künstlerin unterhielt Leni Riefenstahl ein ausgedehntes internationales Korrespondenznetzwerk. Das Gros ihrer Geschäftsbriefe tauschte sie mit Anwaltskanzleien, ihren Produktionsunternehmen, Verlagen und Galerien aus. Ansonsten ging Post an Foto- und Filmschaffende wie Gunter Sachs, Maximilian Schell, Jodie Forster, Sharon Stone und Paul Verhoeven – diese drei Hollywood-Stars planten nämlich ein Biopic über Leni Riefenstahl.

Von besonderer Forschungsrelevanz – etwa im Kontext des Verbundprojekts Die radikale Rechte in Deutschland (1945–2000) des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam – ist vor allem ihre Korrespondenz (ebenso wie die von ihr aufgezeichneten Telefonate) mit Albert Speer, Hjalmar Schacht und anderen Angehörigen der NS-Elite. Die an diese Adressaten gerichteten Briefe in ihrem Nachlass stammen freilich ganz überwiegend aus bundesrepublikanischer Zeit, was die durch Andres Veiels Dokumentarfilm plausibel gemachte These stützt, Leni Riefenstahl habe ihren Nachlass gezielt kuratiert, um sich als unpolitische, nur der Kunst verpflichtete Ästhetin zu inszenieren.

Vorder- und Rückseite eines Zeitungsausschnitts
Zeitungsausschnitt eines Porträts von Albert Speer "z.H. Frau Leni Riefenstahl", 1933. Foto: SBB, CC0 1.0
Weihnachtskarte von Adolf Hitler mit Reichadler und Hakenkreuz
"Herzlichste Weihnachts- und Neujahrswünsche" 1935. Foto: SBB, CC0 1.0

Woran merkt man ansonsten, dass Leni Riefenstahl ihren Nachlass kuratiert hat? Und kann man dieser Intention, das eigene Nachleben zu steuern, entgegenwirken und falls ja, wie?

Mathieu: Die bemerkenswerte Dichte ihres schriftlichen Nachlasses aus der Zeit nach 1945 steht in einem eigentümlichen Kontrast zur Zahl der Dokumente aus den Jahren davor. Dieser Befund mag den Zwangslagen und Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs geschuldet sein oder das Resultat gezielter Eingriffe, worauf auch die fehlenden Seiten in Leni Riefenstahls Adressbüchern hindeuten. 

Offenkundig wird ihre Absicht, durch planvolle Selbststilisierung ihr Nachleben bzw. die Rezeption ihres Werks über den Tod hinaus zu steuern, jedenfalls an ihrer langjährigen Praxis, zahllose textidentische oder sich nur marginal unterscheidende Fassungen ihrer diversen Einlassungen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu archivieren. Diese für den gesamten Nachlass charakteristische, geradezu penetrante Redundanz betrifft vor allem die verschiedenen Denkschriften zu ihren Filmen sowie die Typoskripte ihrer 1987 publizierten Memoiren – augenscheinlich sollten jene Texte nicht übersehen werden. 

Handschriftlicher Brief, beginnend mit "Mein Führer"
Eine glückliche Leni Riefenstahl schreibt an "Ihren Führer". Foto: SBB, CC0 1.0

Unbeabsichtigt verstärkt unser Digitalisierungsprojekt gewissermaßen noch ihre Intention: Denn mit der Nachlassschenkung wurde der SPK auch das Recht übertragen, Leni Riefenstahls eigenen Werke im Open Access online zugänglich zu machen – ein Schritt, den ansonsten viel zu häufig das Urheber- oder Persönlichkeitsrecht der übrigen beteiligten bzw. abgebildeten Personen verhindert.

Dieses problematische Missverhältnis wollen wir offensiv angehen und das Recht gezielt als Ermöglichungsinstrument einsetzen, um auch größere Teile der nicht alleine von Leni Riefenstahl verfassten Inhalte ihres Nachlasses virtuell zugänglich zu machen: 
Wie eingangs bereits angesprochen, haben sich dazu unser Haus, die Kunstbibliothek sowie der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart mit einem weiteren Vorhaben einer von der Stabi koordinierten Verbundinitiative der DFG angeschlossen. Ziel dieser sogenannten Pilotphase ist die Erprobung juristischer, organisatorischer bzw. technischer Lösungen zur Digitalisierung und Bereitstellung (noch) rechtebewehrter Sammlungsobjekte aus Archiven, Bibliotheken und Museen. Besagtes rechtwissenschaftliches Teilprojekt mit Beteiligung der drei SPK-Einrichtungen wird von Prof. Dr. Katharina de la Durantaye (Humboldt-Universität zu Berlin) und Prof. Dr. Benjamin Raue (Universität Trier) verantwortet.

Neben Musikwerken und zeitgenössischen Positionen der Medienkunst widmet es sich dem multimedialen Nachlass Leni Riefenstahls in seiner ganzen rechtlichen Komplexität: An diesen Fallbeispielen sollen die normativen Rahmenbedingungen und juristischen Gestaltungsmöglichkeiten der digitalen Zugänglichmachung noch nicht gemeinfreien Kulturerbes material- bzw. spartenübergreifend ausgemessen werden.

Mit diesem Vorhaben ist nicht zuletzt die Erwartung verknüpft, durch Absenkung der Zugangshürden die Erforschung von Leni Riefenstahls Nachlass zu stimulieren – mal sehen, ob das von ihr gezeichnete Selbstbild einer intensiveren wissenschaftlichen Beschäftigung standhalten wird. Schließlich – so jedenfalls die Historikerin Heike B. Görtemaker – „findet sich bei einem derart umfangreichen Nachlass immer etwas, was bei der Durchsicht vielleicht übersehen wurde.“
 


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