Bibliotheksoberrätin Petra Figeac betreute die von Annett Martini (FU Berlin) kuratierte Ausstellung „Materialisierte Heiligkeit. Jüdische Buchkunst im rituellen Kontext“ (19. Oktober 2025 – 25. Januar 2026 im Stabi Kulturwerk). Hier beantwortet sie Ihre Fragen.
Können Sie uns mehr über die Hebraica-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin und deren Besonderheiten erzählen?
Die Hebraica-Sammlung der Staatsbibliothek ist eine der wichtigsten in Europa, weniger aufgrund der Anzahl der Manuskripte als durch ihre außergewöhnliche Vielfalt und der großen Bedeutung der Manuskripte. Die genaue Anzahl der Handschriften ist nicht eindeutig zu beziffern, da es Sammelhandschriften gibt, bei denen mehrere Einzelwerke zum Teil willkürlich zusammengebunden waren. Mit den gezählten Einzeltexten kommt man auf knapp über 1.000 Einheiten, zählt man nur die Einzelkodizes, sind es ca. 590 Handschriften in hebräischer Schrift, darunter 22 Torarollen und 25 Esterrollen, einschließlich der Fragmente.
Einige der Spitzenstücke wie die sogenannte Rösel-Bibel waren schon im Gründungsbestand. Sie erhielt ihren Namen von einer jiddischen Inschrift, die besagt, dass eine Frau Rösel dem Kurfürsten die vierbändige Bibel für seine Bibliothek geschenkt hat. Der erste Band trägt die Signatur Ms. or. fol. 1, er ist also der Beginn der Folio-Reihe der orientalischen Handschriften.
Im 19. Jh. wurde der Bestand signifikant erweitert. In dieser Zeit arbeitete der führende Hebraica-Forscher Moritz Steinschneider (1816-1907) für die Bibliothek als Berater.
Für unsere Ausstellung sind vor allem zwei Provenienzen von Bedeutung: Erfurt und die Sammlung Hamilton. Die „Erfurter Handschriftensammlung“ wurde 1880 angekauft, von den 15 Handschriften sind vier der bedeutendsten ausgestellt.
Die Provenienz Hamilton verweist auf die Herkunft von neun hebräischen Handschriften aus der 792 Bände umfassende Sammlung des Alexander Douglas Duke of Hamilton (1767-1852), die der Preußische Staat 1882 beinahe geschlossen erworben hat. Die Ausstellung zeigt drei davon.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Hebraica-Sammlung der Staatsbibliothek ein klug aufgebauter Bestand ist, der es ermöglicht, eine Ausstellung wie die „Materialisierte Heiligkeit“ ganz ohne Leihgaben zu gestalten.
Materialisierte Heiligkeit, was bedeutet das eigentlich? Und wie materialisiert sich denn Heiligkeit eigentlich?
Der Titel „Materialisierte Heiligkeit“ hat seinen Ursprung in einem Forschungsprojekt, das unsere Kuratorin, Annett Martini erfolgreich an der Freien Universität durchgeführt hat. Bei dem Projekt ging es um „Torarollen als kodikologisches, theologisches und soziologisches Phänomen der jüdischen Schriftkultur in der Diaspora“. Es wurden Rollen nicht nur nach ihrem Inhalt, sondern nach ihrer Materialität, eben den konkreten Beschreibstoffen und Tinten untersucht. Im Fokus stand auch die Literatur über das Schreiben an sich und die Einbeziehung heutiger Schreiberinnen und Schreiber. Es entstand ein sehenswerter Film über die ersten Torarollen-Schreiberinnen weltweit, der in der Ausstellung gezeigt wird.
Das Heilige spiegelt sich in den verwendeten Materialien, das Schreiben ist eine „Arbeit des Himmels“, so der aus dem Talmud entlehnte Titel eines Buches von Martini. Das Heilige liegt auch im Prozess der Arbeit des Schreibens, der Herstellung von Tinten und Pergamenten für die Rollen; es sind aber nicht nur Tora- und Esterrollen, die auf diese Weise hergestellt werden, sondern auch Tefillin (Gebetsriemen) und Mezuzot (Schriftkapseln an Türpfosten).
Als eine der Ergebnisse des Forschungsprojektes entstand ein reich bebildertes Buch im Deutschen Kunstverlag, das ebenfalls den Titel „Materialisierte Heiligkeit“ trägt. Es werden die vielfältigen Aspekte des Themas wie beispielsweise die „Magie des Schreibens“ oder die „Materialität des Schreibens“ beleuchtet.
Wir haben es also hier mit einem Dreiklang von Forschungsprojekt, Buch und Ausstellung zu tun. Alle drei Formen befassen sich mit der Herstellung von heiligen Werken, wobei im genau geregelten Prozess des Herstellens sich die Heiligkeit in den Objekten materialisiert.
ForschungsFRAGEN
Wie restauriert man eigentlich Papier? Woran erkennt man, ob ein Gemälde echt ist? Und wie spielt man denn nun Beethoven richtig? Mit den ForschungsFRAGEN geben wir Ihnen die Gelegenheit, uns Ihre Fragen zu stellen. In jeder Ausgabe des Forschungsnewsletters beantwortet ein*e Wissenschaftler*in aus der SPK ausgewählte Fragen aus der Community zu einem speziellen Thema.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Restaurierung und Erhaltung solcher alten Manuskripte? Darf/Kann man die eigentlich ausstellen?
In der Ausstellung ist eine restaurierte Riesenbibel aus der „Erfurter Handschriftensammlung“ zu sehen. Die zweibändige Bibel ist die größte bekannte hebräische Pergamenthandschrift der Welt. Die Bibel wurde – laut Kolophon – 1343 vollendet. Kurz nach ihrer Fertigstellung gab es in Erfurt 1349 ein Pogrom, ca. 15 Handschriften überlebten und kamen in den Rat der Stadt. Von dort wurden sie der Ministerialbibliothek überstellt, die sie 1880 der damaligen Königlichen Bibliothek verkaufte. Im 2. Weltkrieg wurde die Bibel, von der jeder Band 50 kg wog, nicht ausgelagert. Sie wurde in das Reichswirtschaftsministerium gebracht, wo sie durch einen Bombentreffer und Löschwasser schwer geschädigt wurde:
Der erste Band ist nicht so stark geschädigt, so dass die Entscheidung getroffen wurde, ihn „in situ“, d.h. im Buchblock zu glätten. Dieser Prozess ist noch im Gange.
Aufgrund der Größe und des Gewichtes ist die Restaurierung eine enorme Herausforderung. Es müssen eigens angefertigte Hilfsmittel zum Einsatz kommen, die von der Restaurierungsabteilung und Spezialfirmen entworfen und umgesetzt werden müssen.
Die restaurierten Handschriften kann man nicht nur ausstellen, man muss es sogar, denn sie zeigen dem Publikum was oft im Verborgenen Großes geleistet werden kann. Selbstverständlich müssen bei Ausstellungen dieser Art die Bedingungen an Raumklima und Präsentation höchsten Ansprüchen genügen. Fragile, noch nicht restaurierte Objekte würden wir nicht ausstellen, es ist also gerade der Akt der Restaurierung, der die Stücke wieder erfahrbar macht.
Welche Rolle spielen Ausstellungen wie diese für das Bewahren jüdischer Kultur in der heutigen Zeit?
Die Ausstellung zeigt jüdische Handschriften aus vielen bekannten Manuskripttraditionen vom Jemen über den Mittelmeerraum, Sefarad (Spanien und Südfrankreich) bis zu Aschkenas (Nordfrankreich, Deutschland und Osteuropa). Es ist eine Besonderheit der jüdischen Kultur, dass sie ihre eigene Tradition in all diesen „Umgebungen“ bewahrt, jedoch Einflüsse aufgenommen hat. Die Ausstellung zeigt, dass das Judentum zu all diesen verschiedenen Kulturräumen genuin dazu gehört und doch eigene Akzente setzte. Die jüdische Buchkunst des Mittelalters, die diese Ausstellung zum Thema hat, zeigt das reiche Erbe einer Minderheit, die seit jeher zu Europa gehört. Die Befruchtung ist wechselseitig: das Bildprogramm abendländischer Handschriften hat die Mikrografien (jüdische Buchkunst) beeinflusst, umgekehrt wurden christliche Gelehrte von der hebräischen Bibel und Sprache fasziniert, in den Verzierungen einer gezeigten italienischen Handschrift finden sich christliche Elemente, auch diese Aspekte beleuchtet die Ausstellung. Die jüdische Kultur gehört zu Europa, die Bewahrung und Ausstellung ihrer Manuskripte zeigt ihre Wurzeln und reichhaltige Tradition.

























































































