Historisches Porträt des Ethnologen Adolf Bastian (1826–1905).

200 Jahre Adolf Bastian: Ein Mann, den es wieder zu entdecken gilt

Artikel

Anlässlich des 200. Geburtstag des Mitgründers der Ethnologie und Begründers des Ethnologischen Museums Berlin erinnert Nikolaus Bernau an Adolf Bastian und dessen enormes Vermächtnis 

Für die auf Jubiläen und Jahrestage fixierte Erinnerungskultur in Deutschland müsste der heutige 26. Juni eigentlich ein Datum sui generis sein. Allein schon mit Blick auf die in Universitäten, der Öffentlichkeit und kulturhistorischen Museen tobenden, diversen post- und dekolonialen Diskurse: Es ist der 200. Geburtstag des eminenten, einst wortwörtlich weltberühmten Menschheits-Forschers Adolf Bastian. Bastian war einer derjenigen, die in Deutschland und Europa seit den 1860er-Jahren die Kulturen analysierende und vergleichende Wissenschaft der „Völkerkunde“ oder Ethnologie begründeten. Er initiierte das 1873 gegründete heutige Berliner Ethnologische Museum mit, organisierte dessen Sammlungstätigkeit und die Finanzierung, plante mit am Neubau des Völkerkundemuseums – und stand oft in eisenharter Konkurrenz mit den archäologischen und kunsthistorischen Sammlungen.

Kurz: Ohne das Vermächtnis Adolf Bastians, seiner immensen Arbeitskraft, seiner offenbar nie erlahmenden Neugier, seinem wissenschaftlichen und durchaus auch humanistischen Ethos hätte das heutige Humboldt Forum nicht begründet werden können. Und doch, sein 200. Geburtstag wird in Deutschland nach allem Überblick nicht groß begangen. Keine Sonderausstellungen im besagten Humboldt Forum oder einem anderen Ethnologischen Museum Deutschlands, keine Reden des Kulturstaatsministers, weder Sonderführungen, noch Vorträge, Vorlesungen oder Universitätsseminare, die Bastian wahlweise ahistorisch als ruchlosen Zerstörer, Ausbeuter oder als edlen Retter des physischen Kulturerbes „indigener“ Kulturen in Afrika, Asien, Australien und dem Pazifik, Europa, Süd- und Nordamerika analysieren. Bastian scheint vergessen.

Vergraben und Vergessen

Zwar sind die wichtigeren der mehr als achtzig Schriften Bastians seit etwa 2017 digitalisiert zugänglich. Sein von den Nazis vom Matthäus-Friedhof in Schöneberg nach Stahnsdorf verlegtes Grab ist weiter ein vom Senat von Berlin unterhaltenes Ehrengrab, nach ihm ist seit 1906 die Bastian-Straße im Stadtteil Gesundbrunnen benannt –und trotzdem haben bisher nicht einmal sich selbst als antikolonial bezeichnende Aktivist*innen diese Widmungen in Frage gestellt. 

Doch um mehr zu erfahren über Bastians zeitgenössische Bedeutung und bis heute reichende Wirkungsgeschichte muss man schon etwas tiefer zurückgreifen in die Literatur, etwa auf den von Manuela Fischer, Peter Bolz und Susan Kamel herausgegebenen hervorragenden Tagungsband „Adolf Bastian and his universal archive of humanity“ (Olms Verlag 2007), auf einen -Artikel von Peter Bolz aus dem Jahr 2020 [https://www.logos-verlag.de/PDFS/mbgaeu.41.6.pdf ] oder die immer wieder faszinierenden museums- und ethnologiehistorischen Studien von H. Glenn Penny, darunter „Im Schatten Humboldts, Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie“ (Beck Verlag 2019).

Sie alle machen deutlich: Bastians Erbe ist bis heute in fast jeder Sicht überwältigend und bei weitem nicht aufgearbeitet – die 2023 veröffentlichten Forschungen von Benédicté Savoy und ihren Studierenden haben etwa im „Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland“ gezeigt, dass viele der zu Bastians Zeiten gesammelten Bestände bis heute nicht wissenschaftlich bearbeitet wurden.

Vom Schiffsarzt zum Museumsdirektor 

Wer also war Adolf Bastian? Am 26. Juni 1826 in Bremen geboren als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, studierte er in Heidelberg Jura, dann in Berlin, Jena und Würzburg Medizin und Biologie. Schon 1850 wurde er in Prag promoviert, reiste dann aber für acht Jahre als Schiffsarzt nach Australien und Peru, in die Karibik, nach Mexiko, Indien und Afrika. Es war die Grundlage für seine Karriere als Ethnologe und Kulturhistoriker. 1860 erschien das erste seiner vielen Werke, drei Bände stark und, sehr deutsch, nicht nur als faktenreiche Reisebeschreibung gedacht, sondern als deren methodisch-philosophische Überhöhung: „Der Mensch in der Geschichte“. Schnell folgten weitere und oft von Buchprojekten begleitete Reisen nach Südasien, Indonesien, Kambodscha – als erster Forscher überhaupt interpretierte er die Reliefs am Tempel von Angkor Wat als Darstellungen nicht buddhistischer, sondern hinduistischer Schöpfungsmythen. Es ging nach Ostasien, dann wieder nach Lateinamerika. Inzwischen weltweit anerkannt als einer der führenden Ethnologen, wurde Bastian schon 1866 habilitiert und wurde Dozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, die damals als eine der modernsten der Welt galt.

Es war der Beginn einer ungewöhnlichen, von oft jahrelangen Reisen unterbrochenen Beamtenkarriere. 1873 berief Richard Schöne als der für die Museen zuständige Referent im preußischen Kultusministerium Adolf Bastian zum Direktor des von diesem mit begründeten neuen Völkerkundemuseums. Schöne und die preußische Regierung wollten die Berliner Museen auch im ethnologischen Bereich in kürzester Zeit konkurrenzfähig mit den kolonial geprägten Sammlungen in Paris, London, St. Petersburg, Amsterdam oder Kopenhagen machen. Doch Deutschland agierte politisch noch nicht als Kolonialmacht. Um die Sammlungen auszubauen, brauchte es also Geld, ein Konzept, professionelle Methodik und Systematik sowie weltweite Kontakte. Bastian war der richtige Mann für eine solche Aufbauarbeit. Die übrigens gleich mit einer Sensation begann: Dem Bau des ersten eigenständigen Ethnologischen Museums der Welt und zwar in Berlin.

Ein Museumsneubau im Feuer der Kritiker

Entworfen wurde der Neubau von dem angesehenen Berliner Architekturbüro Ende & Böckmann. Der Bau war mit seinen Eisenkonstruktionen und sichtbaren Stahlblechgewölben bautechnisch und ästhetisch hochmodern. Die Entscheidung, den Eingang gegen alle akademische Regel nicht an eine der Breitseiten hin zur heutigen Stresemann- oder zur Käthe-Niederkirchner-Straße zu legen, sondern an die halbrunde Ecke, war neuesten Modellen von Straßenpassagen und Einkaufspalästen entlehnt. 

Das methodische Vorbild der langgestreckten, von zwei Seiten durch hohe Fenster belichteten Hallen waren die Säle des Berliner Neuen Museums, aber auch die Einrichtung von Magazin-Bibliotheken, wie sie sich nach französischem Vorbild genau zu dieser Zeit in deutschen Universitäten verbreiteten, sowie die Raumgestaltung etwa des Berliner Naturkundemuseums. 

Bis heute leidet die Wahrnehmung dieses damals revolutionären Hauses allerdings unter der vernichtenden Kritik von Kunsthistorikern wie Wilhelm von Bode oder Kunstkritikern wie Karl Scheffler. Sie ätzten seit etwa 1905, der Bau sei angeblich vollständig dysfunktional, unkünstlerisch und der Wirkung der ausgestellten Objekte geradezu abträglich. Doch Bode und Scheffler wünschten ein grundsätzlich anders Museum als Bastian, eines, das auf ästhetischen Wertzuschreibungen beruhen sollte. Es war eine Vorstellung, die ganz auf dem als überzeitlich gedachten Begriff „Kunst“ aufbaute, die Kulturgeschichte dagegen als zeitlich, geografisch und ethnisch gebunden betrachtete. Bastian dagegen wandte sich immer wieder gegen die rassistische Überhöhung von “Zivilisation“, betonte den wissenschaftlichen Eigenwert jeder kulturellen Äußerung.

Bode, Scheffler und alle ihre vielen Kolporteure ignorierten zudem vollständig, dass Bastians Völkerkundemuseum in Berlin der erste Staatsbau in den Formen der italienischen Hochrenaissance war. Er brach damit radikal mit dem zunehmend vertrocknenden Schinkelschulen-Klassizismus. Das Völkerkundemuseum – nicht die Kunstmuseen! – markierte also methodisch und architektonisch erstmals den Anspruch Preußens, Berlins, der heutigen Staatlichen Museen und damit des Deutschen Reichs, in die Konkurrenz mit Wien, Paris und Dresden, sogar London eintreten zu wollen.

Nichts weniger als ein Archiv der weltweiten Menschheitsgeschichte

Noch bedeutsamer aber war Bastian als Sammlungsorganisator. Im Unterschied zu Bode, dem er sonst in vielem sehr ähnlich war, legte Bastian das Museum als systematisch-wissenschaftliches Archiv der Menschheitsgeschichte an. Möglichst jede „indigene“ Kultur sollte im Museum vertreten sein, von Alaska und Nordsibirien bis hinunter nach Feuerland, Australien und Tasmanien. Bastian beauftragte deswegen Kapitäne, Händler, Missionare und Beamte, die um die Welt reisten, möglichst systematisch Zeugen der jeweiligen „indigenen“ Kulturen zu erwerben: Kunstwerke, Waffen, Web- und Tucharbeiten, Keramik, Holzschnitzereien, Schmuck, Kleidung, Hausgeräte, Werkzeuge, aber auch Modelle oder sogar ganze Schiffe und Hauskonstruktionen. Detaillierte, leider viel zu selten vollständig ausgefüllte Fragebögen sollten die kulturellen, religiösen oder alltäglichen Funktionen, ihre Materialität und Herkunft, die Erwerbungsumstände dokumentieren.

Nicht zufällig wurde auch das heutige Museum für Vor- und Frühgeschichte zum Teil des Völkerkundemuseums. Bastians damals weithin geteilte, heute geradezu als absurd geltende Annahme war, dass die Kulturen „der Naturvölker“ weitgehend statisch und ohne Entwicklung aus der Vorzeit bis in die Gegenwart existierten, aber in relativ naher Zukunft „zerstört“ würden durch die dynamische Übermacht „der Zivilisation“. Es wurden zwar fast ausschließlich zeitgenössische Produkte erworben. Dennoch sollte das Museum die physischen Zeugen dieser Kulturen im Zustand vor deren Kontakt mit „der Zivilisation“ bewahren. Das konnte absurde Folgen haben, indem etwa die modernen Reiterkulturen des nordamerikanischen Mittleren Westens als „indigen“ betrachtet, die Kulturen Mittel- und Südamerikas aber vor allem durch archäologisch geborgene Bestände dokumentiert wurden – auch vor Grabraub schreckte man nicht zurück. Sie nämlich seien nicht durch die jahrhundertelange spanische und portugiesische Kolonialpolitik „verdorben“ worden.

Gerade dass Deutschland noch keine Kolonialmacht war, wurde politische Grundlage dieser Systematik: Bastians Sammlungstätigkeit war nicht durch nationale Rücksichten eingeschränkt. Wie wichtig sie für das Deutsche Reich war, zeigte, dass das Berliner Museum den Vorrang bei der Erwerbung von Objekten erhielt, auch die Umverteilung von Sammlungen vornehmen konnte. Der Erfolg Bastians war überwältigend.

Schon zur Eröffnung des Neubaus 1886 war dieser gut gefüllt, seit etwa 1900 drohte die Feuerpolizei regelmäßig mit der Schließung, weil Kisten die Fluchtwege verstellten. Das Berliner Ethnologische Museum ist auch heute noch trotz aller Kriegsverluste mit etwa 550 000 Nummern – die oft viele Unternummern haben – zwar keineswegs das nach Zahlen größte seiner Art. Aber es gilt in der Fachwelt als das absolut führende, in der Breite und Tiefe der Sammlungen. So weit als möglich wurde hier die viktorianische Idee realisiert, die ganze Welt ins Museum zu bringen.

Pionier der Multiperspektivität

Als Bastian am 2. Februar 1905 in Port of Spain auf Trinidad starb, war er hoch geehrt, aber auch bereits sehr umstritten. Sein Nachfolger als Professor für Völkerkunde an der Berliner Universität, Max Schmidt, urteilte schon um 1900 hart: „Die unverständliche Schreibweise Bastians, die häufige Sprunghaftigkeit seines eigenen Denkens, das willkürliche und rücksichtslose Durcheinanderwerfen der Philosophien der verschiedenen Zeiten und Länder machen das Lesen der Bastian‘schen Werke zu keiner leichten und angenehmen Aufgabe“. Eindeutigkeit aber war der Ausweis akademischer Reputation, während Bastian darauf bestand, dass die Vielfalt der menschlichen Kulturen nicht durch einige Raster, sondern nur immer neue Sichtpunkte erfasst werden könne. Gerade diese Uneindeutigkeit aber macht ihn – dessen Schriften immer noch schwer zu lesen sind! – aus heutiger, durch die Postmoderne mit komplizierten Sprachstrukturen und Vielfalt der Perspektiven vertrauter Sicht zu einem Interessanten: Sie waren nämlich Ausdruck einer atemberaubenden Neugier auf das, was menschliche Kultur im Allgemeinsten genannt werden kann.


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