Die Alte Nationalgalerie würdigt ab dem 22.05.26 mit Paul Cassirer (1871–1926) einen der wichtigsten Kunsthändler seiner Zeit. Die Ausstellung Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus zeigt entlang von über 100 herausragenden Werken des Impressionismus und der klassischen Moderne das beeindruckende Engagement Paul Cassirers für die Kunst. Die Ausstellung wird kuratiert von Josephine Klinger. Die Kuratorin beantwortet Ihre ForschungsFRAGEN
Warum ist der Impressionismus auch heute noch eine so beliebte Kunstepoche?
Tatsächlich ist für uns heute kaum noch vorstellbar, dass der Impressionismus einst so sehr um Anerkennung ringen musste. Was wir heute als besondere Qualität schätzen – die skizzenhafte Malweise, sichtbare Pinselstriche, das Spontane und Ausschnitthafte – stellte die Sehgewohnheiten des Publikums im ausgehenden 19. Jahrhundert zunächst auf eine echte Probe. Gerade diese Abkehr von akademischen Normen, die Flüchtigkeit des Augenblicks und die Konzentration auf Licht und Atmosphäre machen jedoch einen wesentlichen Teil der anhaltenden Faszination aus. Der Impressionismus bietet bis heute einen unmittelbaren, sinnlichen Zugang zur Welt und lädt dazu ein, über Wahrnehmung selbst nachzudenken – ein Aspekt, der auch in der Gegenwart zeitgemäß und relevant ist.
In der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ lässt sich diese anhaltende Begeisterung auf zwei Ebenen nachvollziehen. Zum einen sind es die Werke selbst, die zum Schwelgen und Träumen einladen. So etwa das Gemälde Familie Monet in ihrem Garten in Argentueil (1874) von Édouard Manet: Angeregt von Claude Monets Arbeitsweise, hält er mit lockerem Pinselstrich den Künstlerkollegen mit Frau Camille und Sohn Jean fest. Das Bild steht exemplarisch für jene französische Kunst, die der Berliner Kunsthändler Paul Cassirer (1871–1926) um 1900 erfolgreich vermittelte und vermarktete – und deren ästhetische Qualitäten bis heute ein breites Publikum ansprechen.
Die zweite Ebene der Ausstellung richtet den Blick auf die Geschichten hinter den Werken: Wer begeisterte sich bereits damals für diese Kunst? Sammler wie Eduard Arnhold spielten eine entscheidende Rolle. Im Laufe der Jahre kaufte Arnhold Werke im Wert von mehr als einer Million Reichsmark bei Paul Cassirer, so auch die Familie Monet. Dass dieses Werk als bedeutende Leihgabe aus dem Metropolitan Museum of Art in der Alten Nationalgalerie zu sehen ist, verweist auch auf die internationale Verbreitung, die der Impressionismus durch Schlüsselfiguren wie Cassirer erfahren hat.
Warum setzte sich Paul Cassirer so stark für den französischen Impressionismus in Deutschland ein?
Auf diese Frage antwortete Paul Cassirer im Jahr 1911: „[…] weil ich Manet liebte, weil ich in Monet, Sisley und Pissarro starke Künstler sah, weil ich in Daumier und Renoir Genies, in Degas einen der größten Meister, in Cézanne den Träger einer Weltanschauung erblickte.“ Cassirer verfolgte mit seinem 1898 gegründeten Kunstsalon von Beginn an das Ziel, moderner, internationaler Kunst in Deutschland eine Bühne zu geben. Dies setzte er mit einem außergewöhnlichen und dichten Programm um, das bereits nach zehn Jahren rund 130 Ausstellungen umfasste. Die Präsentationen wurden in der Presse ebenso leidenschaftlich wie kontrovers diskutiert und trugen wesentlich zur Sichtbarkeit der neuen Kunst bei.
Ein zentraler Faktor seines Erfolgs war sein weit verzweigtes Netzwerk. Über Kontakte zu Pariser Kunsthändlern konnte er Werke von Künstlern wie Édouard Manet, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und Paul Cézanne erstmals in größerem Umfang in Deutschland präsentieren. Deutschland erwies sich zu dieser Zeit als vielversprechender Markt, private wie öffentliche Sammlungen zählten zu den Kunden im Kunstsalon Cassirer. Trotz des Widerstands konservativer Kreise um Wilhelm II und den Akademiedirektor Anton von Werner, die der modernen französischen Kunst ablehnend gegenüberstanden, entwickelte sich eine wachsende Nachfrage. Cassirers Engagement für den Impressionismus beruhte somit auf zwei eng miteinander verbundenen Faktoren: einer tiefen persönlichen Überzeugung von der künstlerischen Qualität dieser Werke und einem ausgeprägten Gespür für die Entwicklung des Kunstmarkts. Dieses Gespür zeigte sich auch über den Impressionismus hinaus. Cassirer förderte gezielt zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, deren Originalität und Eigenständigkeit ihn überzeugten, und bewies dabei Weitsicht.
ForschungsFRAGEN
Wie restauriert man eigentlich Papier? Woran erkennt man, ob ein Gemälde echt ist? Und wie spielt man denn nun Beethoven richtig? Mit den ForschungsFRAGEN geben wir Ihnen die Gelegenheit, uns Ihre Fragen zu stellen. In jeder Ausgabe des Forschungsnewsletters beantwortet ein*e Wissenschaftler*in aus der SPK ausgewählte Fragen aus der Community zu einem speziellen Thema.

Gibt es ein Werk in der Ausstellung, dessen Hintergrundgeschichte Sie besonders spannend finden?
Ein besonderes Werk aus der eigenen Sammlung der Alten Nationalgalerie, das ich im Kontext dieser Ausstellung mit anderen Augen sehe als sonst, ist die Schusterwerkstatt (1881/82) von Max Liebermann. Es ist ein wunderschönes Bild und zeigt in der Bedeutung des Lichts und der skizzenhaften Malweise Liebermanns Hinwendung zu den Prinzipien des Impressionismus.
Zugleich lassen sich an der Geschichte des Werkes viele persönliche Verbindungen ablesen und so zentrale Zusammenhänge des Kunstmarkts erkennen. Der Opernsänger Jean-Baptiste Faure, ein früher Sammler der französischen Moderne, erwarb das Bild 1882 im Pariser Salon. Liebermann hielt offenbar den Kontakt und brachte Faure später mit Paul Cassirer zusammen. Über diesen Weg gelangte das Werk 1899 in die Nationalgalerie – es war das erste Werk, das das Museum im Kunstsalon Bruno und Paul Cassirer erwarb, nachdem es in dessen Eröffnungsausstellung zu sehen gewesen war.
Max Liebermann war ein äußerst wichtiger Kontakt für Paul Cassirer. Von der ersten Stunde der Gründung des Kunstsalons an unterstützte er den Händler tatkräftig – vor allem durch seine eigenen Netzwerke. Er verband Paul Cassirer mit vielen einflussreichen Persönlichkeiten, darunter auch mit Hugo von Tschudi, dem Direktor der Nationalgalerie, der in den folgenden Jahren wiederholt Kunst französischer Impressionisten und internationaler moderner Kunst bei Cassirer erwarb.











































































































































































































































