Wilhelm I. (1797–1888) soll einmal geklagt haben, es sei nicht leicht, unter Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) Kaiser zu sein. Zwar wurde dieses unbelegte Zitat dem ersten Hohenzollernkaiser erst elf Jahre nach dessen Tod von dem Parlamentarier Ludwig Bamberger (1823–1899) in den Mund gelegt. Aber bis heute wird es in der Forschung oft unkritisch herangezogen, um das Bild eines vermeintlich schwachen Monarchen zu zeichnen, der sich seinem Kanzler politisch untergeordnet haben soll. Maßgeblich geht dieses Bild auf Bismarck selbst zurück, während bislang nicht oder kaum beachtete Quellen diesen im kollektiven Gedächtnis fast vergessenen Herrscher in ein neues Licht rücken. Dazu gehört primär der 27,5 laufende Meter umfassende schriftliche Nachlass Wilhelms I. im GStA PK. Systematisch ausgewertet wurde dieser Nachlass erstmals den jüngst zeitgleich publizierten Dissertationen Wilhelm I as German Emperor: Staging the Kaiser von Frederik Frank Sterkenburgh und Wilhelm I. Vom „Kartätschenprinz“ zum Reichsgründer aus der Feder des Verfassers.
Wie vor allem die umfangreichen kaiserlichen Korrespondenzen belegen, besaß Wilhelm I. ein selbständiges politisches Profil und formulierte in zahlreichen Briefen und Memoranden eine konkrete monarchische Agenda, die er erst als Thronfolger und schließlich als König und Kaiser umzusetzen versuchte. Bereits unter der Herrschaft seines älteren Bruders König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) versuchte der spätere Kaiser systematisch, den Gang der preußischen Politik zu bestimmen, wobei er sogar vor Staatsstreichdrohungen nicht zurückschreckte. Die Revolutionen von 1848/49 waren für Wilhelm I. eine biographische Zäsur. Der Gefahr eines erneuten revolutionären Umsturzes wollte er dadurch vorbeugen, dass er die liberale Öffentlichkeit in den monarchischen Verfassungsstaat integrierte, um die Forderungen nach Repräsentation und Partizipation zu kanalisieren. Im Zentrum dieser Agenda stand die sogenannte Deutsche Frage, über deren Lösung er die Nationalbewegung vor den Karren preußischer Machtpolitik spannte. Lange vor Bismarck formulierte Wilhelm I. bereits detaillierte deutschlandpolitische Strategien, und musste nicht erst von dem 1862 ernannten Ministerpräsidenten auf den Weg in den Nationalstaat gezwungen werden. Vor und nach der Reichsgründung übte der Herrscher aktiv die monarchische Richtlinienpolitik aus, und definierte die politischen Gestaltungsräume seines Kanzlers. Entgegen tradierter Narrative war Wilhelm I. kein entscheidungsschwacher Monarch. Und mehrere der bis heute vielzitierten Geschichten über ihn entspringen nachweisbar Bismarcks Phantasie. Wie die Zusammenarbeit von Kaiser und Kanzler sich über fast drei Jahrzehnte wandelte und welchen Anteil beide Männer an größeren wie kleineren politischen Entscheidungen hatten, kann die Forschung nunmehr auf neuer breiterer Quellengrundlage untersuchen.

Signatur: GStA PK, BPH, Rep. 51, Nr. 853.

Signatur: GStA PK, BPH, Rep. 51 J, Nr. 509, Faszikel 1866, Bl. 146.
Zu diesen Quellen gehören auch die etwa 5.800 im GStA PK überlieferten Briefe, die Wilhelm I. und dessen Ehefrau Augusta (1811–1890) sich zwischen 1829 und 1888 teilweise täglich schrieben. Beide Ehepartner waren politisch selten einer Meinung, weshalb der Kaiser seine Agenda und Entscheidungen detailliert, über mehrere Seiten zu erklären und rechtfertigen versuchte. Diese Briefe sind daher ein quantitativ wie qualitativ einzigartiger Quellenkorpus, mit dessen Hilfe nicht nur die politischen Entscheidungsprozesse am Berliner Hof in ein neues Licht geworfen werden können, sondern auch die Erfahrungshorizonte und Handlungsspielräume monarchischer Akteure im „langen 19. Jahrhundert“. Etwa 2.500 dieser Ehebriefe von dem Ende der aktiven Herrschaft Friedrich Wilhelms IV. bis zur Reichsgründung 1871 werden aktuell von Tobias Hirschmüller und dem Verfasser unter der Leitung von Christian Jansen in dem DFG-Projekt „Eine neue Perspektive auf die deutsche Nationalstaatsgründung: Das preußische Königspaar Wilhelm I. und Augusta zwischen Neuer Ära und Reichsgründung (1857–1871). Eine digitale Edition“ in Kooperation mit dem GStA PK vollständig ediert. Auch das maßgeblich von Bismarck überlieferte Bild von Kaiserin Augusta als intriganter Ehefrau und „schlechtem Einfluss“ auf Wilhelm I. muss korrigiert werden. Dies zeigt Susanne Bauer in ihrer ebenfalls jüngst publizierten Dissertation Die Briefkommunikation der Kaiserin Augusta (1811–1890). Briefpraxis, Briefnetzwerk, Handlungsspielräume, in der sie die umfangreiche Korrespondenz der Monarchengattin auswertet.

Signatur: GStA PK, VI. HA, Nl. Zitelmann, K. L., Nr. 2, Bl. 15.
Die drei unabhängig voneinander entstandenen aber sich ergänzenden Dissertationen folgen unterschiedlichen kulturhistorischen wie politikgeschichtlichen und biographischen Fragestellungen. Bauer charakterisiert Augusta und deren Ehemann als zwar nicht konfliktfreies, aber funktionierendes „Amtsehepaar“. Sterkenburgh rückt die öffentliche Inszenierung Wilhelms I. nach 1871 in das Zentrum seiner Untersuchung. Und der Verfasser argumentiert, dass die Herrschaft dieses Kaisers vor allem vor der Reichsgründung als „persönliches Regiment“ betrachtet werden müsse, wie es bereits zeitgenössische Quellen formulierten. Alle betten sie Wilhelm I. und Augusta in europäische Vergleichsperspektive ein, die neue Antworten auf die alte Frage nach möglichen preußischen und deutschen Sonderwegen bietet. Damit tragen sie auch dazu bei, das Kaiserreichbild zu erweitern und der wissenschaftlichen wie öffentlichen Debatte über die Rolle der Hohenzollern in der jüngeren deutschen Geschichte neue Facetten hinzuzufügen. Wilhelm I. übte vor seinem Tod 1888 einen größeren politischen Einfluss auf seinen Enkel Wilhelm II. (1859–1941) aus, als bislang dargestellt wurde, und die Art, wie der erste Hohenzollernkaiser seine Herrscherrolle in Hinterzimmerverhandlungen aktiv ausübte und auf der öffentlichen Bühne spielte, galt dem letzten Deutschen Kaiser zeitlebens als Vorbild. Sterkenburgh und der Verfasser argumentieren sogar, dass Wilhelm II. in mehrerer Hinsicht lediglich seinen Großvater imitiert habe. Obgleich Wilhelm I. daher aus demokratiehistorischer Perspektive eine alles andere als rühmliche Rolle beigemessen werden kann, nutzte er die gleichen politischen Strategien und Instrumente wie andere europäische Monarchen seiner Zeit. Sie alle standen vor der Herausforderung, die durch Revolutionen, Demokratiebewegungen und Nationalbewegungen bedrohte dynastische Herrschaftsordnung neu zu legitimieren. Wie dies der Hohenzollernmonarchie unter Wilhelm I. gelang, darauf geben die drei Publikationen ausführliche Antworten auf breiter Quellengrundlage.
Das Interesse an diesem neuen Blick auf eine angeblich ausgeforschte Epoche ist sowohl innerhalb der Geschichtswissenschaft als auch in der Öffentlichkeit überraschend groß. Die drei Dissertationen wurden in den Feuilletons großer Tageszeitungen besprochen und seit Anfang 2025 auf einer informellen Buchtournee im In- und Ausland von der Autorin und den zwei Autoren vorgestellt, etwa in der Otto-von-Bismarck-Stiftung, der Historischen Kommission zu Berlin oder gemeinsam mit Christopher Clark an der Universität Utrecht. Ob diese neue Forschungsdebatte das Bild von Reichsgründung und Kaiserreich grundlegend verändern wird, bleibt noch abzuwarten. Aber die Geschichte jener Zeit ist zumindest offener geworden, als man es sich noch bis vor kurzem hätte vorstellen können. Und die im GStA PK überlieferten Archivalien sind noch für manch eine Überraschung aus dem Leben und der Zeit eines von der Forschung lange übersehenen Monarchen gut, dessen etwa dreißigjährige Herrschaft Deutschland und Europa folgenreich veränderte.

Signatur: Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh, A 166










































































































































