90 Minuten Blicke in die WeltDas neue Führungsformat „Kulturen der Welt im Humboldt Forum – Highlights aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien“

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Vier Kontinente in 90 Minuten: Die neue Führung "Kulturen der Welt im Humboldt Forum - Highlights aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien" lädt ein, die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum zu erkunden. Von Benin-Bronzen über das Luf-Boot bis zum Thron Mandu Yenu – eine Tour über Sammlungsgeschichte, Dialog und kulturelle Zusammenarbeit.

Ansicht der vom chinesischen Architekten Wang Shu gestalteten Deckenkonstruktion im Modul „Hofkunst Chinas“ des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum


© Wang Shu, Amateur Architecture Studio / Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Janine Schmitz / phototek.de

Oliver Glatz, Historiker und heutiger Vermittler probiert sich auch noch aus. Bei der neuen Führung im Humboldt Forum, die Glanzlichter der Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst präsentiert, gilt es nämlich zunächst herauszufinden, „was gut läuft und was nicht.“ – also welche Exponate die Besucher*innen besonders spannend finden und welche eher weniger. 

Das neue Vermittlungsformat wurde mit Beginn des Jahres 2026 gestartet. In 90 Minuten führt die Tour zu den Höhepunkten der Sammlungen aus vier Kontinenten. Dabei werden die Geschichten hinter den kulturellen Objekten erzählt, also beispielsweise, wie sie ins Museum gelangt sind. Zudem gibt die Führung interessante Einblicke in die internationale Zusammenarbeit der Museen, die unter dem Namen „Das kollaborative Museum“ in den letzten drei Jahren zum Aushängeschild wurde. Angesprochen werden auch Berliner*innen und Tourist*innen, die das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst neu entdecken und einen ersten Zugang zu den Sammlungen erhalten möchten, erklärt Valerie von Stillfried, die das Format konzipiert hat.

Das erste Highlight lässt einen erstmal ehrfürchtig den Kopf in den Nacken legen, denn der Wappenpfahl der Haida Nation reicht bis zur Decke. Ursprünglich kommt der kunstvoll geschnitzte Holzpfahl von der Inselgruppe Haida Gwaii, die vor der Küste von Kanada liegt. Seine beeindruckende Größe wirft die Frage auf, wie er ins Museum gelangte: Der Pfahl wurde regulär erworben – damals keine Seltenheit, da solche Pfähle regelmäßig von den Gemeinschaften ersetzt wurden, weiß Vermittler Oliver Glatz zu berichten. Der Wappenpfahl ist so hoch, dass er durch ein Fenster in den Saal des Schlossneubaus eingebracht wurde, da er für jeden anderen Zugang zu hoch war. Gut, dass er hier im Raum bleiben soll.

„Mandu Yenu“: Der Königsthron von Bamum

Dieser Thron, genant "Mandu Yenu", besteht aus zwei Teilen, einem Sitz und einer Fußbank, beide aus massivem Holz geschnitzt. Die Schnitzerei spiegelt Symbole der Könige von Bamum wider, wie die zweiköpfige Schlange und die Erdspinne, ein Symbol der Weisheit. Der ganze Thron ist mit wertvollen Glasperlen aus Europa und Kaurischnecken aus dem indischen Ozean bestickt.

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum

Nach diesem eindrucksvollen Auftakt springt Oliver Glatz mit den Besuchenden von einer Pazifikinsel zur nächsten – zumindest in seinem Erzählfluss, denn die Führung reicht von Nordamerika über Neuseeland nach Australien. Den Abschluss bilden Westafrika und dann Südamerika mit und Peru.

Aber es geht vor allem um den Kontext hinter den Highlights: Laut Vermittler Glatz treten „Fragen von Sammlungspraxis und kolonialer Aneignung von Museumsobjekten in den Vordergrund, auch die Frage von menschlichen Überresten in Museen – sowie die Frage, was das für uns heute bedeutet.“ Die Museen erkennen den Wert der Sammlungsbestände für die Weltgemeinschaft und ihre Herkunftsgemeinschaften an. Die sogenannten „Objekte“ oder „Ausstellungsstücke“ sind nicht auf bloße Dinge oder Artefakte zu reduzieren, sondern als sogenannte „Cultural Belongings“ anzuerkennen: Sie vermitteln Beziehungen zwischen Menschen, Orten, kulturellen und künstlerischen Praktiken, die sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Ein adäquater Umgang mit den Cultural Belongings impliziert ferner ein Engagement zur Pflege und Schutz der damit verbundenen Orte und Habitate. Heutzutage legt man großen Wert auf diesen kulturellen Austausch. So wurden zum Beispiel die Häuser aus Palau und Papua-Neuguinea, 2019 mit Männern aus Palau im Humboldt Forum neu gedeckt.

Viele der gezeigten Cultural Belongings haben eine starke spirituelle Bedeutung, die aus europäischer Sicht nicht gleich zu erfassen ist, weil das kulturelle Hintergrundwissen fehlt. Sie stehen in Verbindung mit Geistern, Ahn*innen oder verstorbenen Herrscher*innen und galten als Träger spiritueller Kraft. So etwa der Thron Mandu Yenu aus dem Königreich Bamun (Kamerun), verziert mit böhmischen Glasperlen und Kaurischnecken.

Die als Ngonnso’ bezeichnete weibliche Figur stammt aus dem historischen Königreich Nso’ im Nordwesten Kameruns und kam 1903 als Teil der Schenkung des Kolonialoffiziers Kurt von Pavel in die Sammlung des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin. Sie hat große spirituelle Bedeutung für die Herkunftsgesellschaft. © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Eric Hesmerg
Benin-Objekte waren aufs Engste mit der Produktion der Macht des Königs und mit Erinnerung verbunden. „Gedenken“ oder „sich erinnern“ heißt in Edo wörtlich „ein Motiv in Messing gießen“. Gedenkkopf eines Königs. 18. Jh., III C 8196. © Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Fotograf/in: Martin Franken.

 Eine solche Bedeutung hat etwa Ngonnso', eine weibliche Figur aus dem historischen Königreich Nso’ im Nordwesten Kameruns: Sie hat eine zentrale Rolle für die Nso’, da sie als eine Muttergottheit betrachtet wird. Unter anderem aufgrund dieser spirituellen Bedeutung entschloss sich die SPK, zu der das Ethnologische Museum gehört, nach mehreren Jahren intensiven Kontakts zu Vertretern der Nso‘ und der Regierung von Kamerun zur Rückgabe der Figur. Wann und wie diese erfolgen soll, ist nun von kamerunischer Seite zu definieren. 

Eine weitere Form der Zusammenarbeit mit Herkunftsländern zeigt die Sonderausstellung „Geschichte(n) Tansanias“. Die Kooperation zwischen der Stiftung Humboldt Forum, dem Ethnologischen Museum und dem Nationalmuseum von Tansania in Daressalam präsentiert Stücke ausschließlich mit Zustimmung der Herkunftsgesellschaften und in enger Kooperation mit ihnen, um die spirituelle Integrität der Cultural Belongings zu bewahren.

Die Highlights-Führung stellt nicht nur herausragende Exponate vor, sondern veranschaulicht zugleich die Geschichte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst. Beide Häuser sind heute im Humboldt Forum vereint, stehen unter gemeinsamer Leitung und teilen sich die Ausstellungsflächen im 2. und 3. OG des Berliner Schlossneubaus. Ihre Sammlungen sind historisch gewachsen: Einige Objekte befanden sich schon im 17. Jahrhundert in der Brandenburgisch-Preußischen Kunstkammer der Hohenzollern. Während das Ethnologische Museum im 19. Jahrhundert in der Nähe des Potsdamer Platzes seine Türen öffnete, gründete 1906 Wilhelm von Bode, Generaldirektor der Königlichen Museen das Museum für Ostasiatische Kunst. Das Museum für Asiatische Kunst wurde dann 2006 durch die Zusammenlegung mit dem Museum für Indische Kunst gegründet. Verwobene Narrative und verwobene Sammlungen: Deutlich wird, wie eng die Geschichten des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst und nun auch des Humboldt Forums miteinander verknüpft sind. Die Führung vermittelt so eine übergreifende Perspektive, die den Blick der Kulturgeschichte erweitert. 

Diese Geschichte steht auch heute noch nicht still: So hält Oliver Glatz nicht nur vor historischen Objekten, sondern auch zeitgenössischer Kunst. Das "Teehaus" zum Beispiel ist ein ikonisches Werk des derzeit wohl berühmtesten chinesischen Konzeptkünstlers Ai Weiwei. Auch diese Präsentation fügt sich in idealer Weise in die Bestrebungen, die Bestände durch Interventionen zeitgenössischer Kunstwerke in neuem Licht zu zeigen und einen Dialog zwischen Tradition und Moderne zu befördern. Diese Gegenwartskunst ist bewusst integriert, lässt die Sammlungen weiterwachsen und macht kulturellen Wandel sichtbar – so auch in einem australischen Dot Painting, dessen Technik erst in den 1970er-Jahren entstand. Für Oliver Glatz ist das Werk ein persönliches Highlight und deshalb auch in seiner Führung mit dabei. Denn, was ein Highlight ist, bleibt dann doch subjektiv und das diverse Team an freien Vermittler*innen hat für die Besucher*innen stets unterschiedliche spannende Perspektiven parat.

Am Ende der 90 Minuten wird deutlich: Die Highlights-Führung im Humboldt Forum eröffnet spannende Einblicke in verschiedene Kulturen, Objekte und Kunstwerke. Zugleich beleuchtet sie die vielfältigen Facetten der Museumsarbeit und fördert den Austausch mit dem Publikum. Die Besucher*innen verlassen den Rundgang mit einem tieferen Verständnis für Kultur, Geschichte und den fortwährenden Dialog zwischen Herkunftsgesellschaften und Museum.


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