Buch mit weißer und blauer Seite

Buchdetektive aller Länder!

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Wo sind die Bücher der 1942 zerstörten Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geblieben? Ein bahnbrechendes Projekt lädt die Öffentlichkeit zum Mitsuchen ein

Was tut man, wenn ein Gegenstand verschwunden ist? Na klar, man sucht ihn. Aber was tut man, wenn eine komplette Bibliothek durch Raub verschwunden ist und in alle Welt verstreut wurde? Auch da tut man nichts anderes: Man sucht nach den Büchern, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind.

Die Bibliothek, um die es sich hier handelt, gehörte der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums Berlin. Diese wurde 1872 gegründet, war eines der führenden liberalen Rabbinerseminare in Deutschland und entwickelte sich schnell zu einem blühenden intellektuellen Zentrum. Es lehrten etwa die Orientalisten Moritz Abraham Levy und Julius Fürst, die Philosophen Hermann Cohen (nach seiner Emeritierung an der Universität Marburg), Julius Guttmann und Max Wiener, die Historiker Ismar Elbogen und Eugen Täubler, der Bibelwissenschaftler Harry Torczyner (Naftali Herz Tur-Sinai), der klassische Literaturwissenschaftler Ernst Grumach sowie der Rabbiner Abraham Geiger, einer der Gründerväter des Reformjudentums. Franz Kafka kam als Gast sehr gern: „Die Hochschule ist für mich ein Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Innern. (…) Ein ganzes Haus schöne Hörsäle, große Bibliothek, Frieden, gut geheizt, wenig Schüler und alles umsonst.“ Rabbi Dr. Leo Baeck studierte und lehrte dann viele Jahre hier, bis die Einrichtung von den Nationalsozialisten 1942 gewaltsam geschlossen und er im Januar 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde.

Die Bibliothek war das Herz der Hochschule und verfügte über eine bedeutsame Sammlung von rund 60.000 Büchern zur jüdischen Geschichte und Kultur. Bisher konnten allerdings nur rund 5.000 Exemplare und Manuskripte wiedergefunden werden. Der überwiegende Teil lag in Prag, doch auch in London, Berlin, Heidelberg, Frankfurt, Los Angeles wurden Werke entdeckt.

Blaues Buchregal

„The Library of Lost Books“

Wo sind die Bücher der 1942 zerstörten Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geblieben? Ein bahnbrechendes Projekt lädt die Öffentlichkeit zum Mitsuchen ein. Mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde „The Library of Lost Books“ als Citizen-Science-Projekt eröffnet.

Foto: SBB-PK, Anka Bardeleben-Zennström

Die Schwarmintelligenz der Öffentlichkeit nutzen

Gemessen am ursprünglichen Umfang ist das nicht viel. Das soll sich ändern. Deshalb starten die Leo Back Institute in Jerusalem und London nun einen groß angelegten Feldversuch: Neben professionellen Historiker*innen, Archivar*innen, Bibliothekar*innen und Provenienzforscher*innen wird ausdrücklich die interessierte Öffentlichkeit einbezogen. Mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde „The Library of Lost Books“ als Citizen-Science-Projekt eröffnet.

Zur Mitarbeit aufgerufen werden in dieser von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium der Finanzen (BMF) geförderten Initiative alle Menschen auf allen Kontinenten. Je mehr Augen Ausschau halten, desto höher ist die Chance, die verlorenen Bücher zu entdecken, so die einfache Rechnung, die explizit auf den Verstand der breiten Masse setzt und deren Schwarmintelligenz vertraut. Es ist dies natürlich unter anderem eine Option auf die Zukunft. Denn wenn es gelingt, ein junges Publikum anzusprechen und zum Mitmachen zu motivieren, bleibt die Chronik der Shoa auch nach dem Tod der letzten Zeitzeugen lebendig.

Wie könnte das am besten funktionieren? In unserer Epoche der Digitalisierung entschied man sich dafür, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie häufig zu finden sind – am Computer bzw. Smartphone. Unter dem Motto „Lasst uns Geschichte schreiben!“ werden sie mit einem partizipativen Ansatz eingeladen, sich als Buchdetektive zu betätigen. Auf diese Art lernen sie, wie und wo man ein Buch sucht, wie man es durch die Kenntnis des Stempels auf den ersten Seiten einer bestimmten Einrichtung zuordnen kann, welche Story es jenseits seines Inhalts zu erzählen vermag.

Eine Frau im goldenen Blazer auf einer Bühne spricht an einem Rednerpult
Irene Aue Ben David (Direktorin Leo Baeck Institut Jerusalem) bei der Eröffnung des Citizen-Science-Projekts in der Stabi. Foto: SBB-PK, Hagen Immel
Mann spricht an einem Rednerpult vor Publikum
Achim Bonte (Generaldirektor Stabi Berlin). Foto: SBB-PK, Hagen Immel
Mann mit Bart spricht an einem Rednerpult auf einer Bühne
Shimon Stein (Vorsitzender der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts e.V.). Foto: SBB-PK, Hagen Immel
Frau mit Brille spricht an einem Rednerpult auf einer Bühne
Bettina Farack (Leo Baeck Institut Jerusalem), Kuratorin der Ausstellung „Library of Lost Books“. Foto: SBB-PK, Hagen Immel
Drei Personen sitzen auf einem Podium
Kinga Bloch (Stellvertretende Direktorin Leo Baeck Institut London), Andrea Despot (Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, EVZ), Tobias Ebbrecht-Hartmann (Hebräische Universität Jerusalem) bei der Eröffnung (v.l.n.r.). Foto: SBB-PK, Anka Bardeleben-Zennström

The Library of Lost Books

Website "Library of Lost Books"

„Schätze bergen und dabei Nazis die Stirn bieten“

Einerseits will man den Akteur*innen auf diese Art das technische Rüstzeug geben, andererseits ihnen auf zeitgemäße Weise den historischen Background vermitteln: Über das jüdische Leben vor der Shoa, über den Terror des Nationalsozialismus, über die Entwicklungen nach 1945. Und sie überdies dazu befähigen, sich vor Geschichtsfälschungen, Fake News und antidemokratischen Tendenzen zu schützen, indem sie es einfach selbst besser wissen.

Laut Irene Aue-Ben-David, Direktorin des Leo Baeck Instituts Jerusalem, ist „The Library of Lost Books“ die größte Citizen-Science-Initiative dieser Art: „Wir hoffen, dass viele junge Leute in der ganzen Welt an der Suche nach den verschollenen Büchern in Bibliotheken, Antiquariaten, privaten Sammlungen und Archiven teilnehmen werden.“

Wie können Laien an die komplexe Tätigkeit der Provenienzforschung herangeführt werden? Bettina Farack, die schon am Leo Baeck Institut in Jerusalem über das Schicksal der Hochschulbibliothek und den Verbleib ihrer Bücher gearbeitet hat, ließ sich eine Art Computerspiel einfallen. Der Zugang ist niedrigschwellig, ermunternd und in kleine, gut zu bewältigende Schritte gegliedert. Die Navigation erfolgt durch Scrollen, die Ansprache ist direkt: „In deiner Freizeit Schätze bergen und dabei Nazis die Stirn bieten? Das klingt nach einem Hobby für dich!“, so heißt es zu Anfang, wenn die Gaming-Atmosphäre vorgegeben und mit historischem Bildmaterial die Vergangenheit elegant und witzig auf den Monitor geholt wird.

Auch wer später dann keines der geraubten Bücher finden wird, hat trotzdem ein paar grundlegende Erfahrungen gemacht und gelernt, sich auf bibliographischem Parkett und durch geschichtliche Prozesse zu bewegen und die eigene Medienkompetenz auszubauen. Wer hingegen tatsächlich eines der vermissten Werke gefunden hat, füllt das dafür vorgesehene Formular aus und nach einer sorgfältigen Prüfung wird das Buch der virtuellen Bibliothek hinzugefügt, die als interaktive Plattform die dynamische Natur eines solchen Wissensspeichers bezeugt.

Große Leinwand vor Publikum, darauf Text: The Library of Lost Books
Mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde „The Library of Lost Books“ als Citizen-Science-Projekt eröffnet. Foto: SBB-PK, Anka Bardeleben-Zennström
Vier stehende Personen unterhalten sich
Andrea Despot, Irene Aue Ben David (Direktorin Leo Baeck Institut Jerusalem), Kinga Bloch und Achim Bonte (v.l.n.r.). Foto: SBB-PK, Hagen Immel
Buffet, davor Menschen, die sich Essen nehmen
Mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde „The Library of Lost Books“ als Citizen-Science-Projekt eröffnet. Foto: SBB-PK, Anka Bardeleben-Zennström

Strategien gegen das Schweigen und das Vergessen

So sind die diversen Unternehmungen der Buchdetektive nicht notwendigerweise ergebnisorientiert. Der Weg ist hier das Ziel und alle, die ihn beschreiten, sind Teil einer konzertierten Aktion, die eine Leerstelle im kollektiven Bewusstsein schließen helfen kann. Gamification, Storytelling und exploratives Lernen als Elemente heutiger pädagogischer Bildungs- und Erinnerungsarbeit sollen die Jugendlichen dazu animieren, selbst den gestohlenen Büchern im Internet, in Bibliotheken, vielleicht sogar auf Flohmärkten oder Dachböden nachzuspüren.

Den Anfang machen 24 Elftklässler*innen des Lise-Meitner-Gymnasiums in Berlin-Falkensee. Ihnen werden Kinga Bloch vom Leo Baeck Institut in London und die Provenzienzforscherin Regine Dehnel von der Staatsbibliothek zur Hand gehen, wenn sie sich in die „Library of Lost Books“ hineinbegeben.

Warum stahlen die Nationalsozialisten eigentlich jüdische Bücher? Das war doch gar nichts für sie, oder? „Sie betrieben konsequent die von ihnen so genannte Gegnerforschung“, erzählt Dehnel: „Deshalb sammelten sie Freimaurer-Literatur, Kirchenliteratur, Sozialistika und eben jüdisches Schriftgut. Sie wollten alles über diejenigen wissen, die sie als ihre Feinde betrachteten, um sie gezielt bekämpfen zu können.“

Angesichts dessen bietet die „Library of Lost Books” jetzt entschlossen Strategien des Widerstands an: „Man lernt nicht nur etwas über die Verbrechen der Nationalsozialisten“, erläutert Bettina Farack, „sondern erkennt, dass man selbst etwas dagegen tun kann.“

Gestapelte leere, weiße Bücher, darauf kleine Figuren, pinker Untergrund

Mit einer Veranstaltung in der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde „The Library of Lost Books“ als Citizen-Science-Projekt eröffnet.

Foto: SBB-PK, Anka Bardeleben-Zennström


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