Eine Gipsstatue

Luise und die QuellenSpuren einer historischen Persönlichkeit

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Märtyrerin, Mutter der Nation, Working Mom? Königin Luise von Preußen war bereits zu Lebzeiten eine Projektionsfläche für Ideale und Sehnsüchte und ist es bis heute geblieben. Am 10. März 2026 wurde die Preußenkönigin 250 Jahre alt – und das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz feierte mit einer Abendveranstaltung, die Luises Leben, ihr Umfeld und ihr Andenken in den Blick nahm – anhand originaler Archivalien, Exponate und wissenschaftlicher Kurzvorträge.

Luises Geburtsjahr 1776 fiel in eine Zeit des Umbruchs, zwischen Revolution und Restitution. Sie und ihr Ehemann Friedrich Wilhelm III. galten zunächst als bürgernahes Königspaar, das für Reformen ohne Guillotine stand. Die Zeitgenoss*innen betonten, ganz im Sinne Rousseaus, Luises Schönheit, Mütterlichkeit und Tugendhaftigkeit. 

Zur Zeit der Befreiungskriege gegen Frankreich wurde sie zu einer Patriotin stilisiert und nach ihrem frühen Tod 1810 zur Märtyrerin erklärt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, vor allem während des Kaiserreichs, stand sie im Zentrum eines Staatskults: Luise galt als „Mutter der Nation“ und verkörperte nationale Einheit und deutsche Identität. In der Weimarer Republik wurde ihr Andenken von rechtskonservativen Kreisen vereinnahmt. Unter den Nationalsozialisten trat es zunehmend in den Hintergrund und geriet nach 1945 nahezu in Vergessenheit. Heute dient Luise mitunter als touristisch-folkloristische Marke – bis hin zur Verklärung als Influencerin avant la lettre und working mom.

eine Gipsprägung der Königin Luise
Die Königin Luise, VIII. HA, D, Nr. 82 © GStA PK / Vinia Rutkowski
eine menschliche Locke
Haarlocke der Königin Luise von Preußen (1806). Foto: GStA PK / Vinia Rutkowski

Soweit die Fakten, aber wie nähert man sich als „Gedächtnis Preußens“ solch einer historischen Persönlichkeit im Rahmen einer Veranstaltung? Für uns als Archiv lag die Antwort auf der Hand: Wir verstehen uns nicht nur als Ort der Forschung. Wir bewahren auch zahllose persönliche Aufzeichnungen, Briefe, Verwaltungsunterlagen, Karten und zeitgenössische Bücher. 

Für uns war deshalb schnell klar: Erstens, wir binden die Fachexpertise von Wissenschaftler*innen ein. Und zweitens, wir rücken die Überlieferung selbst ins Zentrum, um auf diese Weise Schlaglichter auf Luises Leben und die Geschichte ihrer Rezeption zu werfen.

 

Die Kurzvorträge des Abends trugen zur wissenschaftlichen Betrachtung der historischen Person Luise bei. Sie ordneten Luises Leben ebenso wie die wechselvolle Geschichte ihres Andenkens in den jeweiligen historischen Kontext ein. Die vier Historikerinnen Ulrike Marlow, Anja Bittner, Annelie Große und Susanne Bauer – allesamt Mitarbeiterinnen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften – erforschen anhand unserer Materialien im Rahmen des Akademievorhabens „Anpassungsstrategien der späten mitteleuropäischen Monarchie am preußischen Beispiel 1786 bis 1918“ exemplarisch die Praktiken der Monarchie im 19. Jahrhundert. In ihren Vorträgen widmeten sie sich Luises Beziehung zum Amt der Königin, ihrem Personal, ihren finanziellen Spielräumen sowie den Formen, in denen ihrer erinnert und wie sie instrumentalisiert wurde. 

Darüber hinaus war es uns eine besondere Freude, dass diese vier Vorträge um einen fünften ergänzt wurden: Stefan Schimmel, Mitarbeiter der Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses, nahm in seinem Vortrag den privaten Gedenkkult König Friedrich Wilhelms III. in den Blick. Einige der Objekte, die er am Luisen-Abend zeigte, wurden erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

eine Frau beugt sich über eine Schatulle auf einem Tisch
Verschiedene Exponate gaben Einblicke in Luises Leben. © GStA PK / Vinia Rutkowski
ein Lesesaal voller sitzender Menschen, einem Vortrag lauschend
Stefan Schimmel, Mitarbeiter der Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses, während seines Vortrags. Foto: GStA PKK / Vinia Rutkowski
eine Menschengruppe in einem Lesesaal. Teilweise über Tische gebeugt, teilweise im Gespräch.
Das GStA PK lud zum Verweilen und Austausch ein. © GStA PK / Vinia Rutkowski

Im Zentrum standen bei alledem stets die Quellen selbst: persönliche Briefe und Aufzeichnungen, Rechnungsbücher, zeitgenössische Karten, Drucke und Bücher, Medaillons und Erinnerungsstücke – darunter auch Exponate aus der Gipsformerei. Sie alle gaben Einblicke in Luises Leben und erlaubten Aufschluss über ihre historische Nachwirkung: als Ehefrau, Mutter, politische Akteurin und Identifikationsfigur in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche.

Das Geheime Staatsarchiv macht diese historische Überlieferung zugänglich, eröffnet die Möglichkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit ihr und schafft damit die Grundlage für einen reflektierten Umgang mit historischen Erzählungen und populären Mythen.


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