Monatelang stand die Gemäldegalerie im Zeichen der Mode, aus Stoff ebenso wie aus Farbe. Die Ausstellungen Gallery Looks und Fashion x Craft bringen Alte Meister und zeitgenössische Mode in einen unerwarteten Dialog und werfen einen Blick auf das Handwerk hinter dem fertigen Look.

Augenweiden gibt es in der Gemäldegalerie noch und nöcher: gut gerahmt und auf Leinwand oder Holz gemalt. In zwei Sonderausstellungen gibt es jetzt jedoch auch noch außer den Bildern etwas zu entdecken, denn derzeit ist in die Gemäldegalerie eine textile Landschaft aus Couture, Stickerei und Perlenglanz integriert. Besucher*innen begegnen außergewöhnlichen Modeentwürfen und ausgefallenen Designs. Doch nicht alles, was hier präsentiert wird, ist gewebt, genäht, geklöppelt oder geflochten: Auch auf den Bildern selbst spielen Stoffe, Texturen und Details eine zentrale Rolle – geschaffen aus Farbe und Pinselstrichen. So tritt die Mode hier in einen spannenden Dialog mit Gemälden der Alten Meister.
Waren die Alten Meister vielleicht selbst Fashionistas? Und wie lässt sich jahrhundertealte Kunst mit aktueller Mode, die zunehmend von Fast Fashion und Mikrotrends geprägt ist, verbinden? In den Ausstellungen Gallery Looks und Fashion x Craft, die noch bis zum 31. Mai 2026 in der Gemäldegalerie zu sehen sind, trifft Kunst auf Couture. Gallery Looks bringt Werke Alter Meister mit zeitgenössischer Mode zusammen. In Entwurf, Fotografie, Film und Malerei zeigt sie, wie sich Motive, Stoffe und Formen über die verschiedenen Medien hinweg wiederfinden und gegenseitig beeinflussen.
Trotz der medialen Vielfalt ist das Zusammenspiel in den Räumen der Gemäldegalerie überraschend stimmig und harmonisch. Kaum zu glauben, dass diese Ausstellung innerhalb von nur fünf Monaten realisiert wurde. Der Anstoß reicht nur wenig weiter zurück: Anlässlich des Berliner Salons im Februar 2025, fertigte der New Yorker Fotograf Ralph Mecke bei einem Shooting der damals in der Gemäldegalerie gezeigten Outfits eine Reihe von Aufnahmen in den Räumen der Dauerausstellung an. Begleitend entstand dazu ein Kurzfilm von Florian Azar. Ein weiterer entscheidender Impuls kam von Dior. Die Anfrage, die Gemäldegalerie für die DIOR Summer Show 2026 nachzubauen, verschob das Projekt in einen neuen Kontext, weg von der reinen Ausstellung hin zu einem internationalen Mode- und Referenzraum. Immer wieder wurde Gegenwartsmode also mit den Werken und Räumen der Gemäldegalerie konfrontiert – und umgekehrt. So ist es nicht verwunderlich, dass bald die Idee zur Ausstellung Gallery Looks entstand. Hervor kam jedoch kein lineares Format, sondern ein Geflecht aus unterschiedlichen Künsten und Handwerkstechniken, ein offener Dialog zwischen kreativen Köpfen und ihren Disziplinen.
Am Ende des Ausstellungsaufbaus, als sich alles zusammenfügte – und auch die Modeentwürfe dazukamen – entstanden mitunter plötzlich Konstellationen, die gar nicht geplant waren und die trotzdem erstaunlich gut zusammenpassten. Zwar entwirft man im Vorfeld bestimmte Bezüge, aber erst durch das Zusammenspiel im Raum, eröffnen sich noch einmal ganz neue Ebenen. Plötzlich entstehen Dialoge, die man vorher nicht gesehen hat. Gerade, weil hier so viele unterschiedliche Medien zusammengekommen sind, war dieser Prozess noch einmal intensiver und überraschender.
Katja Kleinert
Alexander Gigl, Karen Jessen, Estelle Adeline Trasoglu und Anne Bernecker sind jene vier ausgewählten Designer*innen, die bei Gallery Looks ausstellen. Für alle steht in ihren Arbeiten Nachhaltigkeit im Vordergrund. Sie verwenden recyclebare Materialien und arbeiten mit alten Handwerkstechniken. So beschäftigte sich Gigl beispielsweise damit, wie man beschädigte Kleidung nicht auf herkömmliche Weise repariert oder sogar wegwirft, sondern kreativ umarbeitet. Der Ansatz von Estelle Adeline Trasoglu ist es, Geschichten weiterzuerzählen und Mode so zu verewigen. Für einen ihrer Entwürfe verwendete sie eine alte Tischdecke, aus der sie eine Bluse schneiderte. In der Präsentation ist Trasoglus Design mit dem fotografischen Detail eines Stilllebens in Beziehung gesetzt, auf dem ebenfalls eine Tischdecke dargestellt ist. Auf diese Weise werden beide Stoffe verewigt, sei es im Bild oder in der Mode. Eine Erinnerung an die Betrachter*innen, dass Mode im Gegensatz zur Flüchtigkeit der Fast-Fashion-Ideologie auch ein dauerhaftes Medium sein kann und nachhaltig besteht.
Wohin man blickt, begegnet man der vormodernen Malerei vergangener Jahrhunderte, ergänzt durch Fotografien und an Puppen inszenierte Entwürfe. Dabei entsteht ein anderes Flair als in einer klassischen kunsthistorischen Ausstellung. Künstlerische Tradition verbindet sich mit heutigem Design. Mode greift Motive auf, wandelt sie und eröffnet dadurch neue Perspektiven. Dass die Kurator*innen, Stylist*innen und Designer*innen Freude an diesem Austausch hatten, ist beim Betreten der Ausstellungsräume sofort spürbar. Für die Kuratorin der Gemäldegalerie ist es das erste Mal, dass sie sich in dieser Form mit Mode beschäftigt. Neu ist vor allem der konkrete Umgang mit ihr, etwa im Styling der Entwürfe. Hier erwies sich die enge Zusammenarbeit mit Christiane Arp als großer Glücksfall und entscheidende Bereicherung.

Die Entwicklung des kuratorischen Konzepts war ebenfalls anders als bei einer klassischen Ausstellung, denn es gab kein Leitmedium, das zuerst festgelegt wurde. Zug um Zug, so Katja Kleinert, entstand die Ausstellung, immer mit Blick darauf, was funktioniert und sich ergänzt. Aber auch die Planung lief ganz anders als sonst:
Bei Gemälden kennt man Maße, Wirkung, Details – man kann und muss die Hängung präzise im Voraus planen. Hier entstanden durch das Einfügen der neu kreierten Modeentwürfe aber plötzlich Konstellationen, die so nicht vorab geplant werden konnten– und trotzdem überraschend gut funktionierten. In der Kombination mit Mode wird der Arbeitsprozess offener, weniger kontrollierbar, aber auch kreativer. (Zitat Kleinert)
Die Arbeit mit Mode brachte für die Kuratorin der Gemäldegalerie auch ganz praktische Herausforderungen mit sich: Dinge, an die man als Besucher*in kaum denkt. Materialien können Schädlinge anziehen, was besonders in einem Museum ein ernstes Problem darstellt. Deshalb wurden Restaurator*innen hinzugezogen, die wiederum weitere Spezialist*innen konsultierten. Objekte wurden schockgefrostet, die Bestände regelmäßig kontrolliert. Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt: Die Mode darf nicht zu nah an den Gemälden stehen, auch wenn man inhaltliche Verbindungen herstellen möchte. Katja Kleinert betont immer wieder, dass dieser Austausch mit der Modewelt ein Privileg ist. Und genau diese gegenseitige Wertschätzung spürt man in der Ausstellung. Keines der Medien drängt sich in den Vordergrund. Es ist eher ein gegenseitiges Verneigen – zwei Welten, die aufeinandertreffen und in dieser Begegnung aufblühen. Was hier sichtbar wird, ist nicht nur ein Dialog zwischen Mode und Kunst, sondern auch ein Lernen voneinander.

„Fashion x Craft“ ist ein Förderprogramm des Fashion Council Germany im Rahmen von „Fashioned from Tomorrow“. Junge Designer*innen reisen dafür nach Schottland, um auf einem Anwesen von Charles III traditionelle Handwerkstechniken erlernen und neu interpretieren. Jede*r spezialisiert sich auf ein bis zwei Techniken, während gleichzeitig ein gemeinsames Objekt entsteht. Nach dem Aufenthalt wurden die Entwürfe in Berlin weiterentwickelt und schließlich als gemeinsame Kollektion ausgestellt.
Mode ist Handwerk – und ein Prozess
Was in der Gemäldegalerie als Dialog zwischen Mode und Kunst beginnt, wird im hinteren Teil der Wandelhalle weitergedacht. Für „Fashion x Craft“ wurde hier ein zusätzlicher Ausstellungsbereich geschaffen, der zeigt was Mode zugrunde liegt: das Handwerk.
Damit verschiebt sich auch die Perspektive der gesamten Ausstellung: weg vom fertigen Design, hin zum Entstehungsprozess. Man sieht Beispiele der Technik an der Wand, daneben einen ersten Entwurf und schließlich den finalen Look auf dem zentralen Podest der Ausstellung. Der Weg vom Handwerk zur Mode wird so Schritt für Schritt nachvollziehbar. Einige Designer*innen erlernten Techniken wie das Korbflechten. In einem Entwurf wurde dieses Prinzip beispielsweise mit aufgeschnittenen Fahrradschläuchen umgesetzt; ein schwarzes Kleid, das auch in der Ausstellung zu sehen ist, besteht vollständig daraus. So macht Fashion x Craft den kreativen Prozess sichtbar, der sich zwischen den handwerklichen Techniken der fertigen Looks entfaltet.

Die aktuelle Microtrendfarbe Buttercup Yellow sucht man hier übrigens vergeblich. Stattdessen findet man warme Orangetöne, für die Kamille und Kurkuma zum Einfärben benutzt wurden. Was alle Designer*innen, ebenso wie in Gallery Looks, gemeinsam haben, ist das nachhaltige Arbeiten und das Wiederverwenden von Materialien. Aber während bei Gallery Looks die Nähe von Mode und Kunst im Mittelpunkt steht, zeigt Fashion x Craft, was Mode überhaupt erst möglich macht. Denn Mode ist nicht nur das Endprodukt, das man bewundern darf, sondern auch Technik, Material und Zeit. Katja Kleinert beschreibt, wie dieser Teil der Ausstellung den Dialog weiter anregt: „Besucher*innen bleiben stehen, vergleichen und kommen ins Gespräch. Gerade ältere Menschen kennen Techniken wie Klöppeln oder Flechten noch von früher.“ So entsteht auch im Publikum eine Verbindung zwischen den Generationen, Wissen wird geteilt und weitergegeben.

Dieser Dialog findet seinen Abschluss am 31. Mai 2026. Dann wird mit der „Sunday. Fashion Show“ ein letzter Höhepunkt gesetzt. Die Finissage bringt ein vielfältiges Programm zusammen, das die Inhalte der Ausstellung noch einmal erfahrbar macht. In einer Salonshow übernehmen Models die Rolle der Puppen, tragen ausgewählte Entwürfe und bewegen sich durch die Räume. Im Anschluss verlagert sich das Geschehen ins Foyer, wo ein Fotoshooting stattfindet. Wer sich intensiver austauschen möchte, kann beim Speeddating mit Designer*innen und Kuratorinnen ins Gespräch kommen oder bei einem „Blind Date“ gemeinsam mit unbekannten Besucher*innen die Ausstellung neu entdecken.
Mit der Finissage am 31. Mai schließt sich das Kapitel Mode hier vorerst, doch der Diskurs, den die Gemäldegalerie eröffnet hat, dürfte weit über einen bloßen Mikrotrend hinausweisen.

















































































































































