Ein Ausstellungstitel, so reduziert und doch so aussagekräftig, wie die Werke des Wegbereiters der modernen Skulptur: Brancusi. Erstmals nach über 50 Jahren in Deutschland widmet die Neue Nationalgalerie dem Bildhauer eine Ausstellung. Kuratorin Maike Steinkamp und kuratorische Assistentin Nikola Richolt erzählen im Gespräch, warum auch das Atelier mitausgestellt wird und was eigentlich einen Vogel zu einem Vogel macht.

Brancusi (1876-1957) zählt zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Nach traditionell-akademischen Anfängen in Rumänien fand er ab 1907 in Paris zu einem eigenen Stil. Seine organischen bis auf das Wesentliche reduzierten Skulpturen machen ihn zum Vorreiter der skulpturalen Abstraktion im frühen 20. Jahrhundert.
Constantin Brancusi, Selbstportrait im Atelier, um 1934, Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Dist. GrandPalaisRmn, © Succession Brancusi - All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Brancusi gilt als einer der Begründer der modernen Skulptur. Worin liegt für Sie persönlich seine größte künstlerische Innovation?
Steinkamp: Brancusi hat es wie vorher noch niemand geschafft, seine Skulpturen auf das Wesentliche zu konzentrieren: Obwohl diese Skulpturen in ihrer Formensprache sehr reduziert sind, bleiben sie in ihrer Aussage intensiv.
Warum glauben Sie, dass dieses Ins-Wesentliche-Bringen, diese Abstraktion, im Laufe seines Lebens so wichtig für ihn war?
Steinkamp: Vermutlich war das keine bewusste Entscheidung. Brancusi ging es um das Material, um die Oberfläche und um die Form. Vor allem ging es darum zu zeigen: Wie muss eine Form sein oder wie reduziert muss sie sein, um genau das auszudrücken, was ich ausdrücken möchte? Das war ein ständiges Ausprobieren von seiner Seite. Brancusi arbeitete in Serien, teilweise über Jahre und Jahrzehnte griff er ein Motiv immer wieder auf – waren seine ersten Objekte noch relativ figurativ, reduzierte er seine Formen in der Folge immer weiter, um die Essenz, das Wesentliche, herauszuarbeiten.
Richolt: Nach Ankunft in Paris hatte Brancusi angefangen, bei Rodin zu arbeiten. Zu der Zeit entsprachen seine Arbeiten noch dem klassischen Bildhauerstil der Zeit. Nach kurzer Zeit begann er sich von dieser sehr narrativen Art zu distanzieren. Für ihn ging es dann eher um die Frage der Essenz: Was macht einen Vogel zu einem Vogel? Was macht einen Kopf zu einem Kopf? Und sind es wirklich die optischen Merkmale oder nicht vielmehr charakteristische oder stilistische Züge?
Was macht denn eigentlich einen Vogel zu einem Vogel?
Steinkamp: Bei Brancusi ging es um Reduktion: Mit wie wenig kann ich genau das ausdrücken, was ich ausdrücken möchte? Bei der Skulptur des Vogels waren es eben nicht die Flügel oder die Federn, sondern die Bewegung, die ihn interessiert hat: das Aufsteigen, das Fliegen in den Himmel. Diese Bewegung hat er versucht mit dem Einsatz von Licht und der bewussten Inszenierung seiner Skulpturen im Raum zu transportieren.
Sie hatten gerade auch Rodin erwähnt. Warum kennt denn jeder Rodin, aber fast keiner Brancusi?
Richolt: Brancusi war mit vielen Zeitgenoss*innen, die auch außerhalb der Kunstgeschichte jeder kennt, in Kontakt und teilte vieles. Aber er ist keiner Künstlergruppe zuzuschreiben, das ist das Besondere. Brancusi ist mit seinen Skulpturen und seinem Œuvre so etwas wie ein Einzelgänger gewesen, während es neben ihm damals in Paris die Surrealisten, die Dadaisten, und noch viele weitere Gruppierungen gab. Er war ein eigener Kosmos in der Mitte von Paris.
Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Kooperation zwischen der Neuen Nationalgalerie in Berlin mit dem Centre Pompidou in Paris. Mit mehr als 150 Arbeiten ist es die erste umfassende Werkschau des Ausnahmekünstlers seit über 50 Jahren in Deutschland.

Foto: Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker © Succession Brancusi - All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ist es anders, eine Ausstellung mit Skulpturen zu kuratieren als „Flachware“, also mit Leinwänden oder Bildern?
Richolt: Selbstverständlich ist es etwas anderes ob man, Malerei oder Skulpturen kuratiert. Diese Skulpturen Ausstellung war aber besonders herausfordernd, vor allem durch die offene Mies-Architektur, in der die Skulpturen aus allen Winkeln der Ausstellungshalle miteinander korrespondieren. Bei Brancusi ist es essenziell, die Werke im Rundgang zu erleben – die Allansichtigkeit konnten wir hier gut zeigen. Gleichzeitig mussten wir aus jeder Blickachse genau prüfen, ob die Objekte richtig stehen und miteinander kommunizieren. Das war anspruchsvoll, aber auch eine sehr schöne Herausforderung, weil die Werke hier wirklich „aufatmen“ können und besonders sichtbar sind.
Ein besonderes Highlight der Ausstellung ist die Teilrekonstruktion seines Pariser Ateliers. Warum ist dieses Atelier so zentral für das Verständnis seines Werks?
Steinkamp: Für Brancusi war sein Atelier nicht nur ein Arbeitsort, sondern auch Lebens- und Ausstellungsort. Er ist Institutionen und öffentlichen Räumen gegenüber immer skeptischer geworden, weil seine Arbeiten dort nicht so präsentiert wurden, wie er es wollte. Im Atelier hatte er alles unter Kontrolle. Er konnte seine Skulpturen so zeigen, wie er es für perfekt hielt. Brancusi hat sehr genau kontrolliert, wie, was und wo er etwas zeigte. Das konnte er in seinem Atelier am besten. Dorthin hat er dann auch Händler und Sammler eingeladen, die direkt bei ihm gekauft haben. Zusätzlich war es ein Ort, an dem er Freund*innen empfing, Tänzer*innen und Komponist*innen einlud. Sein Atelier war für ihn der Mittelpunkt seines Lebens.
Richolt: Man kann dort auch genau sehen, mit welchen Materialien und Werkzeugen er diese erhabenen und leichten Arbeiten gefertigt hat. Zudem wird deutlich, dass alle Werke handgefertigt und direkt aus Stein oder Metall herausgeschlagen wurden – etwas, das für die Zeit außergewöhnlich war. So wird im Atelier nicht nur der Arbeitsprozess sichtbar, sondern auch, wie konsequent Brancusi seine Vision unmittelbar im Material umgesetzt hat.
Die Ausstellung ist noch bis zum 09. August 2026 in der Neuen Nationalgalerie zu besichtigen.


















































































































































