ein bunter Raum voller Menschen

Modell SingapurDie SPK und die Welt (5)

Feature

Transkulturelles Miteinander als Staatsräson 


Bald ist es zehn Jahre her, dass in Singapur 2017 die erste Kinderbiennale eröffnete. Es war ein völlig neuer Ansatz, eine so hochwertig kuratierte und über Monate gezeigte Großausstellung eigens für die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft auf die Beine zu stellen.

Porträt einer Frau

SPK-Präsidentin Marion Ackermann schreibt in ihrer Kolumne über den internationalen Kompass der SPK. Sie erscheint regelmäßig in Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates.

Foto: SPK / photothek / Thomas Köhler

Die Idee von Eugene Tan, CEO und Direktor der National Gallery Singapore und des Singapore Art Museum (SAM), war es, Singapur nicht nur als Umschlagplatz für internationale Künstler*innen zu sehen, die auf dem Weg zu den großen Messen und globalen Ausstellungen sind. Ihm ging es darum, die Kinderbiennale in den lokalen Strukturen und Traditionen zu verankern, und vor Ort mit den Kindern, die nicht einfach so reisen können, zu verknüpfen. 

Kurz bevor die fünfte Ausgabe der Kinderbiennale „Tomorrow we‘ll be …“ zu Ende ging, habe ich sie Mitte März noch besuchen können. Ich finde es beeindruckend, wie präzise diese Ausstellung in der National Gallery Singapore sich am Publikum orientiert: in dieser Edition insbesondere am frühkindlichen Alter. Künstlerräume werden jeweils eigens hierfür geschaffen, und Inklusion spielt eine wesentliche Rolle, so dass beispielsweise eine Künstlerin mit Down-Syndrom gemeinsam mit den Kindern eine Installation geschaffen hat. Staatlich werden als zentrale Werte Toleranz, Diversität - alles ist viersprachig und die verschiedenen Religionen werden berücksichtigt -, Bildung und friedliches Zusammenleben vorgegeben. Das „housing“-Konzept strebt einen guten Lebensstandard für alle an. Der Ansatz der konsequenten Partizipation über Kinderbeiräte ist allerdings in entsprechenden europäischen Projekten stärker ausgeprägt.

Ein bunter Raum
Impressionen von der Children‘s Biennale in der National Gallery Singapore. Foto: SPK / Annegret Klinker
Zwei Menschen posieren vor einem Kunstwerk
Eugene Tan (r.), CEO und Direktor der National Gallery Singapore und des Singapore Art Museum (SAM), legt wert darauf, die Kinderbiennale in lokalen Strukturen und Traditionen zu verankern. Foto: SPK / Annegret Klinker

Parallel hierzu war die sehr gute Singapore Biennale 2025 „pure intention“ zu sehen, dezentral, über die ganze Stadt verteilt. Sie war im Jahr des 60-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit eröffnet worden. Man könnte sagen, sie handelt von der Illusion, Kontrolle ausüben zu können: in Bezug auf die Gesellschaft und die Natur, über die „anarchischen“ Potentiale von Stadt und Natur. Die künstlerischen Positionen legen eng miteinander verbundene Aspekte urbaner und sozialer Räume frei: wie die Gestaltung menschlichen Handelns durch Kontexte, das Weiterleben von Geschichte in gebauten Umwelten und die Praxis der Fürsorge in Gemeinschaftsräumen.

Bunte Kinderkunstwerke
Impressionen von der Children‘s Biennale in der National Gallery Singapore. Foto: SPK / Annegret Klinker
Bunte, interaktive Kunstwerke
Impressionen von der Children‘s Biennale in der National Gallery Singapore. Foto: SPK / Annegret Klinker

Der Stadtstaat in Südostasien – flächenmäßig ein wenig kleiner als Berlin – nimmt in der Region eine herausgehobene Stellung ein. Im Norden, hinter einer schmalen Wasserstraße, die malaiische Halbinsel, im Süden die Straße von Singapur, von dort in Richtung Westen die Straße von Malakka, in Richtung Osten das Südchinesische Meer: Singapur ist umgeben von Wasser und fungiert als enorm wichtiger Knotenpunkt des globalen Handels, als logistische Drehscheibe und Finanzzentrum. Nach langer Zeit als britische Kronkolonie und einem kurzzeitigen Beitritt zur Malaiischen Föderation ist Singapur seit 1965 ein souveräner Staat und vollzog seitdem einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg.

Die SKyline einer modernen Großstadt
Die Skyline von Singapur. Foto: SPK / Annegret Klinker

In vielerlei Hinsicht ist die Stadt überwältigend: eine futuristisch anmutende Gartenstadt mit riesigen Gewächshäusern, penibel gepflegten Parkanlagen, den berühmten „Super Trees“ aus Stahl, durch die sich echte Pflanzen ranken, einem riesigen Hafensystem und einer beeindruckenden Skyline. Damit die Stadt sauber und sicher bleibt, erinnern an jeder Ecke quietschbunte Warnhinweise an die drastischen Strafen selbst für Kleinstdelikte. Die historischen Viertel Chinatown, Little India und das malaiisch-arabische Kampong Glam verweisen auf die ethnische Zusammensetzung der Stadt. Sie entstanden, als Singapur zur britischen Kolonialzeit in ethnische Viertel aufgeteilt wurde. Das ist heute ganz anders: Staatliche Quoten sorgen dafür, dass die Bevölkerung der Viertel jeweils die Gesamtbevölkerung des Stadtstaats repräsentiert – eine ethnische Ghetto-Bildung soll verhindert werden, das transkulturelle Miteinander ist Staatsräson. 

Staatliche Quoten sorgen dafür, dass die Bevölkerung der Viertel jeweils die Gesamtbevölkerung des Stadtstaats repräsentiert – das transkulturelle Miteinander ist Staatsräson.

Auch Kunst und Kultur sind ein wichtiger Teil der akribischen Stadtplanung; Singapur will sich international noch stärker als Kulturmetropole, als Kunst-Hub in Südostasien positionieren. Und so investiert die Regierung enorm in den Sektor, unterstützt die künstlerische Ausbildung und Forschung an Kunsthochschulen, fördert gezielt lokale Künstler*innen und investiert in Kunst-Events mit erheblicher internationaler Strahlkraft wie die Singapore Art Week, die Biennale – und eben die Kinderbiennale. Aber gerade vor dem Hintergrund jener präzisen, politisch gestalteten, auf Innovation und Erfolg ausgerichteten Planung ist es umso berührender zu sehen, wie Kunst gerade in der Biennale „pure Intention“ die Freiräume eben auch nutzt, um subversiv Stadt und Natur von unten her, aus dem Prozess von Werden und Vergehen, Aufbau und Zerfall, aus vergessenen Orten und Zwischenräumen sowie unerwarteten Perspektiven heraus zu betrachten.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in Politik & Kultur 2/26


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