„Deutschland schaut zu selten über den Tellerrand“ – UNESCO zwischen Welterbe und Weltpolitik

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Die Deutsche UNESCO-Kommission feiert 75 Jahre – und ihre Rolle ist aktueller denn je. Im Interview erklärt Gero Dimter, SPK-Vizepräsident und Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission, wie stark globale Bildungs- und Kulturpolitik mit nationalen Debatten verflochten ist und warum Deutschland stärker von internationalen Erkenntnissen profitieren könnte.

Wir feiern 75 Jahre Deutsche UNESCO-Kommission. Welche Rolle spielt die UNESCO heute eigentlich noch in der deutschen und internationalen Kulturpolitik – spielt sie überhaupt noch eine Rolle?

Gero Dimter: Ich glaube schon, dass die UNESCO auch heutzutage eine wichtige Rolle spielt, auch wenn sie derzeit wie andere alle internationalen Organisationen unter Druck gerät. Die UNESCO ist so bedeutsam, wie die Mitgliedsstaaten ihre Bedeutung für sich sehen. Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich.  Manche Länder sind sehr stolz auf ihr UNESCO-Welterbe, andere verabschieden sich gerade auf Regierungsebene daraus. Langfristig gehe ich aber schon davon aus, dass sich Multilateralismus auf der Basis echter Interessen wieder durchsetzen wird. Zu stark ist das Bedürfnis nach internationalen Mechanismen, Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen, voneinander zu lernen, oder auch ein Gütesiegel für Tourismus vorweisen zu können.  

Auch in der deutschen Wahrnehmung könnte meines Erachtens die UNESCO noch stärker präsent sein. Und wir könnten mehr von ihren Erkenntnissen profitieren. Da kommt die Deutsche UNESCO-Kommission ins Spiel: Sie wurde als Mittlerorganisation zwischen der UNESCO und der deutschen Politik und der Zivilgesellschaft gegründet. Und diese Vermittlungsfunktion ist aus meiner Sicht heute wichtiger denn je.

 

Wie sieht das konkret aus?

Ein Beispiel sind die Bildungsberichte der UNESCO, die regelmäßig zu unterschiedlichen Themen erscheinen – etwa zu frühkindlicher Bildung oder zum Einsatz digitaler Technologien im Bildungsbereich. Die deutsche UNESCO-Kommission veranstaltet gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt jährlich die öffentliche Vorstellung des Weltbildungsberichts. 

Diese könnten deutlich stärkere Beachtung finden. Hier können wir neue Formate und Kanäle finden, um die Diskussion in Deutschland stärker anzuregen. Mein Eindruck ist, dass Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten dazu neigte, zu sehr eine Nabelschau zu betreiben, gerade im Bildungsbereich, anstatt stärker auf bestehende internationale Erkenntnisse zu schauen. Auch in Krisen- und Kriegssituationen, etwa nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, hat die UNESCO eine wichtige Rolle gespielt, um Akteure zusammenzubringen und Hilfen zu koordinieren. Auch zur vielleicht derzeit größten humanitären Krise der Welt im Sudan koordiniert die Deutsche UNESCO-Kommission Aktivitäten und bringt Akteure zusammen. Hier bringt sich auch die SPK aktiv ein. 

 

Bei der SPK spielen Themen wie Bildung und Kulturvermittlung natürlich eine ganz besondere Rolle. Was genau machen die UNESCO und die Deutsche UNESCO-Kommission in diesen Bereichen?

Die zentralen Handlungsfelder der UNESCO sind Bildung, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im Sinne der gemeinsamen nachhaltigen Weiterentwicklung und der Förderung des Friedensgedankens. Dazu werden Berichte und Stellungnahmen erstellt, Konferenzen, Austauschprogramme initiiert. Es geht darum, Expertise und Perspektiven aus verschiedenen Professionen und Weltregionen zusammenzubringen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren. Diese  Bereiche sind auch für die SPK sehr relevant, sowohl als Kultureinrichtung als auch an der Schnittstelle zu Bildung und Wissenschaft.

Im Bereich der kulturellen Bildung können wir mit unseren Einrichtungen, den Museen, Bibliotheken, Archiven, einen wichtigen Beitrag leisten. Außerdem hüten wir UNESCO-Welterbe: Am bekanntesten sicher die UNESCO-Welterbestätte Museumsinsel, außerdem immaterielles Welterbe wie das Phonogramm-Archiv im Ethnologischen Museum oder Beethovens Neunte in der Staatsbibliothek. Der Welterbe-Status ist einerseits ein Gütesiegel für das Publikum, andererseits aber auch entscheidend für die internationale Zusammenarbeit.

Als SPK können wir unsere Expertise bei der UNESCO einbringen und uns international stärker vernetzen – etwa mit anderen Welterbestätten und Institutionen. Ich war kürzlich in New York und habe dort etwa mit  Mariët Westermann, der Direktorin  des Guggenheim-Museums, über genau solche Kooperationen gesprochen. 

 

Sie nehmen als Vertreter der SPK regelmäßig an Treffen der Deutschen UNESCO-Kommission teil. Wie kann man sich diese Treffen vorstellen und was sind Ihre Aufgaben dort?

In der Deutschen UNESCO-Kommission geht es als Mittlerorganisation darum, internationale Entwicklungen einzuordnen und ihre Bedeutung für Deutschland zu reflektieren, Stellungnahmen zu erarbeiten und gemeinsam mit der Politik und der der Zivilgesellschaft weiterzudenken. Dabei geht es durchaus kontrovers zu, etwa zu digitalen Werkzeugen in der Bildung. Wir diskutieren, was wir aus Berichten ableiten, wie wir auch die nächste Generation für den UNESCO-Gedanken gewinnen können. Dazu nehme ich an den Mitgliederversammlungen teil und tausche mich auch zwischendurch mit Kolleginnen und Kollegen zu den verschiedenen Themen aus. 

Wichtig sind dabei auch globale Trends und transparente Bestandsaufnahmen in der UNESCO.. Wir stimmen uns eng mit dem Auswärtigen Amt ab, das bei den Sitzungen ebenfalls beteiligt ist. Dort werden die Entwicklungen regelmäßig ausgewertet und gemeinsam eingeordnet.

Wenn Sie von solchen Treffen zurückkommen: Spielen diese Netzwerke und der Austausch dann auch langfristig eine Rolle für Ihre Arbeit in der SPK?

Absolut. Wie andere Länder bestimmte Themen bewerten und welche internationalen Standards sich entwickeln, ist für unsere Arbeit ganz wichtig, zu verfolgen.

Die internationale Perspektive stärker einzubeziehen, voneinander zu lernen und Erfahrungen zu teilen, ist weiterhin eine große Aufgabe – und eine echte Bereicherung. Wir machen das in vielen Projekten wie zum Beispiel im Bereich frühkindlicher Bildung oder beim Kulturgutschutz.

 

Die UNESCO ist ja auch mit Verantwortung verbunden, etwa beim Kulturgutschutz. Wie gehen wir mit dieser Verantwortung um?

Das Welterbe-Siegel ist ein Gütesiegel und zum Schutz der Stätten sehr wichtig. Auch für den Tourismus hat es enorme Bedeutung erlangt. Aber die Ehre ist gleichzeitig auch eine große Verpflichtung, und geht mit ganz praktischen Aufgaben und Pflichten einher: nicht nur die Sorge für den Erhalt und die Weiterentwicklung, sondern auch regelmäßige Berichte, Abstimmungen und gegebenenfalls auch Begutachtungen – das ist mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden..

 Wir tragen dem durch intensivere Berichtsbemühungen, Systematisierungen in den letzten Jahren und Etablierung eines sogenannten UNESCO-Site-Managements Rechnung, um alle relevanten Aspekte zu bündeln.

Haben Sie in der Deutschen UNESCO-Kommission auch mal über die Idee des Flussbads gesprochen?

In der Deutschen UNESCO-Kommission war das kein Thema, dafür aber im Austausch mit den Gutachtern von ICOMOS Deutschland (International Council on Monuments and Sites, das die UNESCO in Welterbefragen berät), die sich kritisch geäußert haben und die Entwicklungen zum Flussbad auch weiter begleiten insbesondere im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf den Welterbestatus der Museumsinsel.

Die Museumsinsel ist Teil des UNESCO-Welterbes, und deshalb müssen Veränderungen sehr sorgfältig geprüft werden. Eine Gefährdung des Status durch das Flussbad ist nicht ausgeschlossen, auch wenn ich nicht von einer automatischen Aberkennung sprechen würde.

Grundsätzlich muss man sehr behutsam vorgehen und sicherstellen, dass Projekte, die ins Welterbe eingreifen, qualitativ hochwertig umgesetzt werden und auch im laufenden Betrieb funktionieren. So verlockend und belebend das Projekt erscheint, so gibt es auch viele offene Fragen, insbesondere zum geordneten Planungsprozess, zur Finanzierung und Qualitätssicherung und zur Umsetzung. Wer solche Projekte dann auch am Ende im Betrieb betreut, ist ja immer ein leidiges Thema … 

 

Das Stichwort Museumsinsel ist bereits mehrmals gefallen – die Museumsinsel feiert jetzt 200 Jahre – gleichzeitig feiert die deutsche UNESCO-Kommission 75 Jahre und ist in Berlin zu Gast. Gibt es da Überschneidungen bei diesen beiden Jubiläen?

Ja, das passt sehr gut zusammen. Ich habe auch sehr dafür geworben, dass die Deutsche UNESCO-Kommission zur Jubiläumstagung am 2. und 3. Juni nach Berlin kommt. Auch der Generaldirektor, Khaled El-Enany wird hier sein und die Gelegenheit nutzen, die Museumsinsel besser kennenzulernen.

Die beiden Jubiläen – 75 Jahre UNESCO-Kommission und 200 Jahre Museumsinsel – verstärken sich also gegenseitig. Die internationale Strahlkraft der Museumsinsel ist enorm, das merkt man weltweit. Und die bevorstehende Wiedereröffnung des Pergamonmuseums im Juni 2027 erzeugt nochmal zusätzliches Interesse.

Solche Ankerpunkte sind wichtig, um weitere internationale Partner zu gewinnen und Besuchende nach Deutschland und Berlin zu ziehen. Kultur zu erleben ist mittlerweile für Touristen der häufigste Grund, Berlin zu besuchen.

Ist die Museumsinsel mit den Feierlichkeiten zum Jubiläum ein Vorbild im Sinne der UNESCO-Standards?

Ich glaube, wir sind damit, wie wir die Menschen im Rahmen des Jubiläums ansprechen, schon sehr gut dabei. Es gab am Anfang nur den festen Entschluss, dass wir das 200-jährige Jubiläum – von der Grundsteinlegung des Alten Museums 1825 bis heute – gebührend feiern müssen. Im Laufe der Zeit kamen dann viele einzelne Ideen und Impulse hinzu, die sich nach und nach entwickelt haben, bis wir beim heutigen großen Jubiläumsreigen angekommen sind: Die Insel feiert über fünf Jahre und der Staffelstab wird jedes Jahr unter den Stammhäusern der Insel weitergegeben, außerdem feiern wir dieses Jahr schon zum zweiten Mal ein großes Inselfest am 6. und 7. Juni. Viele Beteiligte bringen sich dort ein mit einem gemeinsamen Ziel und mit Begeisterung. Das strahlt auch nach außen aus.

Das Besondere an diesem Projekt ist auch die Zusammenarbeit mit privaten Partnern, die diese Entwicklung unterstützen. Teilweise ist es ihre erste große Kooperation im Kulturbereich wie etwa bei Flix, die wir im letzten Jahr gewinnen konnte. Gleichzeitig versuchen wir, neue Formate zu entwickeln, die auch jüngere Zielgruppen ansprechen.

Dazu können auch unkonventionelle Formate gehören – etwa Musikveranstaltungen, eine Technoparty, die Kolonnaden Bar oder andere offene Formate auf der Museumsinsel. Wichtig ist, dass wir neue, vor allem jüngere Zielgruppen für das Welterbe gewinnen. Die Insel bietet so viel: Architektur, Antike, früheste Menschheitsgeschichte, Impressionismus und noch so viele andere Themen – ich kann mir niemanden vorstellen, der dort nicht etwas findet, was ihn oder sie begeistert. Man kommt immer reicher zurück. 

 

Genießt die UNESCO in anderen Ländern einen höheren Stellenwert als in Deutschland?

Das ist sehr unterschiedlich. In den USA etwa hat die UNESCO derzeit mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Auch Privatunternehmen ziehen sich dort als Finanziers zurück. In anderen Weltregionen ist ihre Stellung stabiler

In Deutschland hat die UNESCO insgesamt einen guten Ruf. Dennoch gibt es eine gewisse Lücke zwischen der positiven Wahrnehmung und der tatsächlichen politischen Umsetzung internationaler Erkenntnisse.

Wird das UNESCO-Welterbe-Siegel international stärker genutzt, etwa im Tourismus?

Ja, absolut. Das Siegel ist für viele Menschen eine wichtige Orientierung im Tourismus. Wer reist, schaut oft gezielt nach Welterbestätten.

Für viele Länder sind diese Stätten ein wichtiger touristischer Faktor. In Ländern mit wenigen Welterbestätten hat es vielleicht noch eine andere Bedeutung als in Deutschland mit einer sehr hohen Anzahl. 

 

Zum Abschluss: Gab es etwas, das Sie im Rahmen Ihrer Tätigkeit in der deutschen UNESCO-Kommission persönlich überrascht hat?

Mich hat überrascht, wie viele internationale Erkenntnisse zu wichtigen Fragen wie digitale Werkzeuge in der Bildung bereits existieren, die auch für nationale Herausforderungen sehr relevant sind.

Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht, diese internationale Perspektive stärker auch in Deutschland bekannt zu machen und besser zu vermitteln – und daraus auch konkrete Handlungen abzuleiten.

 

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