Mit Leim und MethylcelluloseKaum jemand kommt Gemälden so nah wie Sophie Gurjanov

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Next Generation SPK: Kaum jemand kommt den Gemälden so nah wie Sophie Gurjanov, Volontärin an der Alten Nationalgalerie

So sieht er aus, der Arbeitsplatz von Sophie Gurjanov, der Volontärin und jungen Restauratorin an der Alten Nationalgalerie: ein großer Raum im Sockelgeschoss, hell ausgeleuchtet. In einer Ecke: der Thermo-Hygrograph, mechanisch aufziehbar, zum Messen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, denn im Atelier darf es nicht zu feucht sein und nicht zu trocken, nicht zu warm und nicht zu kalt. In der anderen Ecke: ein Schrank mit Schubladen voll Nägeln und Schrauben, Pipetten und Scheren, Handschuhen und Klebebändern. Daneben ein Kühlschrank: mit Leimen, Farben und Lösungsmitteln. Und ein Rolltisch: mit Pinseln, Skalpellen, Sonden, Wattebäuschen. Zudem: ein Mikroskop, eine Staffelei, Halogenleuchten. Vor allem aber, zentral in der Mitte: ein großer, weiß ausgeschlagener Tisch, den man hoch- und runterfahren kann, und zwar ohne, dass es ruckelt. Darauf: ein Gemälde. Aus Öl. Gemalt 1884. Von Max Klinger, dem deutschen Rodin. Sein Titel: „Tritonen und Najaden“.

Was lange währt, wird endlich gut: Die Ausbildung zur Restauratorin

Kaum jemand kommt diesem Kunstwerk so je nah wie Sophie Gurjanov. Kaum jemand kennt es so gut, weiß so gut wie sie, wie es entstanden ist – und was später mit ihm geschah. Denn Sophie Gurjanov, 32 Jahre alt, ist vom Fach: Fünf Jahre hat sie in Dresden studiert, an der Hochschule für Bildende Künste, hat ein Diplom gemacht im Fach Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Malerei auf mobilen Bildträgern, also: nicht von Holz, nicht von Stein, sondern: von Gemälden. Sie hat Chemie gebüffelt und Experimentalphysik, hat Bildrahmen gebaut und Vergolderkurse besucht. Sie hat gelernt, Temperafarbe herzustellen, aus Eidotter, verrieben mit den jeweiligen Pigmenten. Und Gemälde kopiert: von Tizian, von Rubens. Eine Lasur nach der anderen hat sie aufgetragen, ganz dünn, um zu verstehen, wie die großen Meister arbeiteten.

Am Ende dann: die Diplomarbeit. Nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch war die. Sie hatte ein Werk zum Gegenstand, das restaurierungsbedürftig war: In Gadebusch, in Mecklenburg-Vorpommern, in der Stadtkirche dort, da gab es ein Epitaph, ein Grabdenkmal, aufwendig gestaltet, aus dem Jahre 1743, mit einem Gemälde, das den Bürgermeister Heinrich Rossow zeigte. „Aber es war mit einem trüben, weißlichen Schleier überzogen, aus Oxalaten, salzigen Ausmischungen“, sagt Gurjanov. „Die Malschicht war ganz brüchig.“  Zusammen mit drei Studienkolleginnen und -kollegen konnte sie das Werk restaurieren. Sie reinigte die Bildoberfläche mit Methylcellulose, einem gelartigen Bindungsmittel, verklebte dann die Risse. Methylcellulose oder reines Wasser? Das zu entscheiden, das richtige Lösungsmittel zu finden, das ist wichtig für Restauratorinnen und Restauratoren: Wasser wäre in diesem Fall zu tief in die Malschicht eingedrungen. In Gadebusch waren sie glücklich, als sie sahen, wie schön ihr altes Epitaph wieder strahlte. Und in der Lokalzeitung erschien ein Artikel. Sophie Gurjanov zeigt ihn stolz auf ihrem Bildschirm.

Denn darum ist sie ja Restauratorin geworden: weil sie nicht nur am Rechner sitzen, sondern etwas mit den Händen machen wollte. Sie schwärmt von ihrem Beruf, davon, dass Kunstwerke Identität stiften, dass sie die Vergangenheit lebendig werden lassen, und dass man sie darum schützen, erhalten müsse. Schrittweise geht Sophie Gurjanov vor, will wissen, wo, wie, warum ein Bild entstanden ist, und auch: warum es verändert, vielleicht geschädigt wurde. Dann entwickelt sie ein Konzept - und macht sich an die Arbeit. „Nach und nach lerne ich dabei, das Gemälde immer besser zu verstehen. Häufig bekomme ich so eine regelrechte Beziehung zum Künstler“, sagt sie.

Nach allen Regeln der Kunst: Gurjanov restauriert Max Klingers „Tritonen und Najaden“

So wie zu Max Klinger und seinen „Tritonen und Najaden“, vor ihr, auf dem Tisch. Das Bild gehört zur Dauerausstellung der Alten Nationalgalerie, zusammen mit einem anderen Werk des Klingers: „Venus im Muschelwagen“. Beide stammen aus Berlin-Steglitz, schmückten einst mit anderen Gemälden die Wände einer Villa, bildeten einen Fries, einen Zyklus mit Meeresmotiven – es war eine Auftragsarbeit für einen vermögenden Juristen. Und beide Bilder sind viereckig. Ursprünglich aber, da waren sie sechseckig – das zeigen auch alte Abbildungen. Sophie Gurjanov war darum im Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, hat Akten, Briefe, Erwerbskataloge studiert. Sie wollte herauszufinden, wann und warum die entsprechenden Anstückungen an den Ecken später angebracht wurden. Die Ergänzungen sind ziemlich plump und nicht gut gemacht, sogar ein Laie kann das mit bloßem Auge sehen, da braucht man kein UV-Licht, keine Röntgen- und keine Infrarot-Aufnahme. Im Interesse Max Klingers kann eine solche Veränderung nicht gewesen sein, weshalb ihre Entscheidung feststeht: Sophie Gurjanov wird vorschlagen, die Anstückungen abzunehmen, vorsichtig, nach allen Regeln ihrer Kunst.

Viele Monate schon hat sie sich mit diesem Bild beschäftigt, zeigt hier einen hauchdünnen Bleistiftstrich, dort einen blassen Schatten. Und da, ist das nicht eine Retusche? Gut möglich, dass Klinger die Personen während des Malprozesses verschoben hat. „Ich denke, er hat sehr schnell gearbeitet. Und wahrscheinlich hat er prokrastiniert, den Auftrag vor sich hergeschoben“, sagt Sophie Gurjanov. Es ist nicht einfach ein Bild, mit dem sie es zu tun hat, dessen Geheimnisse sie nach und nach enthüllt, sondern eine ganze Geschichte. Oder noch besser: ein Gedicht, dass sie jetzt interpretiert. Und dazu gehört das Wissen, das Klinger die Arbeit wohl in Paris begonnen, sie dann nach Berlin geschickt hat, und dass er später, vor Ort in der Villa, die Bilder noch einmal angepasst hat, um ihre Wirkung im Raum zu verbessern. Und übrigens, die Nägel am Rand, da, wo das Leinen auf den Rahmen gehämmert wurde? Sind nicht einige von ihnen klein und andere groß, und die großen - sind die nicht, verrostet? „Offensichtlich gab es verschiedene Phasen der Nagelung“, stellt Sophie Gurjanov fest. Was so viel bedeutet wie: Schon vor ihr haben Restauratorinnen und Restauratoren an dem Bild gearbeitet, es zu bewahren versucht. Und kleine, fast unsichtbare Spuren hinterlassen.

Gemeinsame Ausstellung der SPK-Volontär*innen eröffnet im Mai

Zwei Jahre dauert ihr Volontariat, arbeitet sie im Team mit den anderen Restauratorinnen und Restauratoren der Alten Nationalgalerie unter Leitung von Kristina Mösl, geht sie montags, an den publikumsfreien Tagen, durch die Säle, um die Gemälde, um Gläser und Rahmen zu reinigen, betreut sie Ausleihen, hängt mit ab, baut mit auf, schreibt Protokolle über den Zustand der Werke. Jetzt freut sie sich auf den kommenden Mai, wenn im Kupferstichkabinett die gemeinsame Ausstellung der SPK-Volontärinnen und -Volontäre eröffnet wird, wenn die vielen jungen Archäologinnen, Kunsthistoriker und Restauratorinnen aus den verschiedenen Häusern zeigen, was das heißt: „Next generation SPK“. „Es ist eine tolle Möglichkeit, um über den Tellerrand hinauszuschauen, eine ganze Ausstellung zu organisieren, ein Budget zu erstellen, den Raum zu gestalten“, sagt Sophie Gurjanov.

Der Titel der Ausstellung lautet: (Un)seen-Stories. Es geht um die Geschichten hinter der Museumsarbeit, um das, was sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Ein Thema, wie gemacht für die junge Restauratorin, die ein Gemälde aus dem Depot der Alten Nationalgalerie besteuern wird: „Dame mit Kind“, von Fritz Rhein, aus dem Jahr 1910. Bei seiner Restaurierung vor einigen Jahren stellte sich heraus: Rhein hat mit dem Bild ein anderes überdeckt, hinter der einen Leinwand verbarg sich noch eine zweite. „Ein ganz außergewöhnlicher Fund“, schwärmt Sophie Gurjanov. Für die Zeit nach dem Volontariat hat sie schon Pläne: Sie will sich noch mehr der Kunsttechnologie des 19. Jahrhunderts widmen, am liebsten an einem restauratorischen Forschungsinstitut. Denn Restauratorin, das ist ihr Traumberuf.


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