In vielen Ländern der legendären Seidenstraße – heute als geopolitisches Großprojekt der „Neuen Seidenstraße“ wieder im Gespräch – weisen Denkmäler auf die tiefe Verankerung zu einer besonderen Figur hin: Nasreddin Hodscha. Er, der auch andere Namen trägt, gilt wohl als der berühmteste Schelm der islamischen Welt. Seine Geschichten, voll von einer Mischung aus Ironie und Weisheit, verbinden seit Jahrhunderten die Gesellschaften vom Balkan über die Türkei und den Kaukasus bis hin nach Zentralasien. 2022 nahm die UNESCO die Erzähltradition der Nasreddin-Anekdoten in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

SPK-Präsidentin Marion Ackermann schreibt in ihrer Kolumne über den internationalen Kompass der SPK. Sie erscheint regelmäßig in Politik & Kultur, der Zeitung des Deutschen Kulturrates.
Foto: SPK / photothek / Thomas Köhler
In seiner berühmtesten bildlichen Darstellung sitzt Nasreddin verkehrt herum auf einem Esel, der stur weiter nach vorn läuft. Es ist ein rätselhaftes Motiv, in dem man eine Parabel auf das menschliche Verhältnis zur Zeit erkennen mag. Intuitiv würden wir in westlich geprägten Gesellschaften wohl sagen: Die Vergangenheit liegt hinter uns, die Zukunft vor uns; wir blicken nach vorn. Bei Nasreddin ist es genau umgekehrt: Die Vergangenheit, die wir bereits erlebt haben, liegt direkt vor unseren Augen: Wir können sie sehen, analysieren und aus ihr lernen. Die Zukunft hingegen ist unbekannt: Wir können sie vorausahnen, spekulieren, hoffen und bangen, doch da wir sie noch nicht gesehen haben, liegt sie eben nicht vor uns. Nasreddin hat den zurückgelegten Weg fest im Blick, während ihn der Esel hinein ins Unbekannte trägt. Was für ein trostvolles – und in unserer heutigen, von Zukunftsängsten geprägten Zeit fast schon anachronistisches – Bild, sich so vertrauensvoll in eine ungewisse Zukunft tragen zu lassen!
Es fällt zunächst leicht, in der Figur des Nasreddin ein Symbol für die Arbeit von Institutionen zu erkennen, denen Kulturerbe anvertraut ist: Auch wir haben mit unseren Museen, Archiven, Bibliotheken und Forschungsinstituten stets die Vergangenheit vor Augen – wobei der Plural „Vergangenheiten“ wohl besser passt. Wir betrachten sie, versuchen, aus ihnen zu lernen, immer neue Verbindungen zu knüpfen, Brücken zu schlagen zwischen Gesellschaften, Perspektiven und Zeiten – vor allem aber hinein in unsere Gegenwart.
Das gilt auch ganz konkret für die Welten, in denen Nasreddin so bekannt ist: Von den bedeutenden zentralasiatischen Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin – unter ihnen auch einige Handschriften über eben diesen Schelm – über das meisterhafte Kunsthandwerk von der Seidenstraße im Museum für Asiatische Kunst und die verschiedensten, einzigartigen Artefakte des Museums für Islamische Kunst, bis hin zu den archäologischen Schätzen des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Letzteres brachte in den vergangenen Jahren immer wieder große Sonderausstellungen in die benachbarte James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel, die die Länder Zentralasiens in den Fokus rückten.
Nach der Schau über die archäologischen Schätze Usbekistans (2023), die die SPK gemeinsam mit dem Bundespräsidenten und dem usbekischen Staatspräsidenten eröffnete, folgt jetzt, im Oktober 2026, eine nicht minder spektakuläre Ausstellung zu Dschingis Khan, dem Herrscher des mongolischen Reiches. Mit ihm begegnet uns eine völlig andere Reitergestalt, die mit galoppierenden Pferden immerzu nach vorn stürmt.
Dass beide Ausstellungen in enger Kooperation mit Partnern vor Ort in Usbekistan und der Mongolei entstanden, ist inzwischen fast eine schöne Selbstverständlichkeit. Doch noch wesentlich deutlicher wird der Aspekt des echten, partnerschaftlichen Dialogs bei einer weiteren hochaktuellen Kooperation in Armenien. Dort zeigen die Museen der Museumsinsel erstmals eine große Gemeinschaftsausstellung im Historischen Museum von Jerewan. 100 hochkarätige Exponate beleuchten die tiefen mythologischen und spirituellen Bande zwischen den verschiedenen frühen Hochkulturen. Im Herbst 2027 findet dieser deutsch-armenische Kulturaustausch mit einer komplementären Ausstellung auf der Museumsinsel seine Fortsetzung. Neben diesem sichtbaren Dialog auf großer Bühne finden in Jerewan ebenso produktive Verbindungen auch hinter den Kulissen statt: So blickt die Staatsbibliothek auf eine langjährige Verbindung mit dem dortigen Handschriftenzentrum Matenadaran zurück – insbesondere bei der Konservierung wertvoller unikaler Handschriftenbestände.
Und wir suchen weiter nach neuen Partnerschaften, die in die Zukunft weisen. Während es sich historisch auf europäische Arbeiten konzentrierte, hat sich das Kupferstichkabinett in den vergangenen Jahren immer stärker diversifiziert. Erst kürzlich waren Mitarbeitende in Kasachstan zu Besuch. Ziel: die vibrierende Kunstszene Almatys und ihre treibenden Akteurinnen und Akteure besser kennenzulernen. Ermöglicht durch das WAYS-Programm der Kulturstiftung des Bundes diente die Reise als Startpunkt für eine größere, längerfristige Kooperation mit Partnern aus Kasachstan. WAYS – ein Programm für faire und nachhaltige internationale Partnerschaften – bricht radikal mit dem Kulturaustausch vergangener Zeiten: Es geht im Kern um das Erproben fairer und gemeinschaftlicher Arbeitsweisen in Zeiten globaler Unsicherheit. Im Zentrum des avisierten Projekts steht, natürlich, das Medium Papier und Druckgrafik – als Mittel der poetischen Verarbeitung gesellschaftlicher Krisen in einer vielstimmigen Gegenwart und auch vor dem Hintergrund der postsozialistischen Vergangenheiten Kasachstans und Ostdeutschlands.
Künstlerisch beratend mit auf der Reise und im Projekt: das zeitgenössische Berliner Künstler-Kollektiv „Slavs and Tatars“, das ab September 2027 auch im Rahmen der berlinweit stattfindenden Kinderbiennale den SPK-Kosmos bereichern wird. Seit zwei Jahrzehnten befasst es sich intensiv mit dem riesigen eurasischen Kulturraum zwischen der ehemaligen Berliner und der Chinesischen Mauer. Sie tun dies mit einer satirischen, subversiven Energie, die sie von ihrem Maskottchen abgeschaut haben: Nasreddin, unserem Reiter, der verkehrt herum auf seinem Esel sitzt. Bei der Kinderbiennale erwartet uns, so viel möchte ich schon verraten, ein ganz besonderer Wink dieser rätselhaften Figur.
Dieser Beitrag erschien zuerst in Politik & Kultur 9/2026












































































