Egidio Marzona hat in mehr als 50 Jahren eine der umfangreichsten Sammlungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts zusammengetragen, die heute in Dresden und in Berlin untergebracht ist. Zwischen 2002 und 2014 übernahm die SPK (teils als Ankauf, teils als Schenkung) seine mehr als 600 Kunstwerke und 22.000 Archivalien umfassende Sammlung zur Minimal Art, Conceptual Art, Land Art und Arte Povera. Mit einer Gedenkfeier im Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart, erinnerten SPK und SKD am 10. Juli 2026 an Kunstsammler und Mäzen, der im März dieses Jahres in Berlin verstorben ist. Einer der Redner war Eugen Blume, vormaliger Leiter des Hamburger Bahnhof.
Es wäre untertrieben, Egidio Marzona lediglich als Kunstsammler in Erinnerung zu behalten. Auch wenn er diese Profession in manischer Genialität betrieben hat, war er weit mehr als ein Akkumulator von Preziosen der Moderne. Er hat dem Wort Sammeln eine neue Bedeutung verschafft. Seine Leidenschaft war nicht nur von einem untrüglichen Instinkt, sondern von umfassenden Kenntnissen getragen, die ihn über jede Obsession hinaus zu einem Visionär machten. In seiner kunsthistorischen Bildung und seiner Idee vom Museum als Gesamtkunstwerk war er unter Sammlern eine Ausnahmeerscheinung.
Ein Beispiel für seine Exzellenz ist eine Ausstellung, die 2001 in dem barocken Sommerpalais des letzten Dogen von Venedig in der Villa Manin im Friaul, der Lebenslandschaft seiner Vorfahren, zu sehen war. Einen größeren ästhetischen Gegensatz wie den der barocken Ausstattung und die in die prunkvollen Räume gehängten und gestellten minimalistischen Werke der Konzeptkünstler, die Egidio Marzona über Jahre gesammelt hat, war nicht denkbar. Zu erwarten war, dass die goldverzierten Möbel, die schweren, aufwendig gemusterten Stoffe, die ihnen eignende unabweisbare Überwältigungsabsicht repräsentativer Macht die von allen Verzierungen befreiten, avantgardistischen Ideen des 20. Jahrhunderts erdrücken, also Marzonas Arte povera im antagonistischen Streit mit einer Ars opulenta untergehen würde.
Das Gegenteil war der Fall, die aus grenzüberschreitenden intermedialen Ideen hervorgegangenen Werke spielten mit der Pracht venezianischer Herrschaft, als wären sie von dem Dogen Ludovico Manin persönlich in seine einstigen Gemächer gehängt worden. Bei der Einrichtung dieser Ausstellung orientierten sich Marzona und seine Mitstreiter an den raumbezogenen Konzepten der Minimal Art, die in der präzisen, geradezu mathematischen Positionierung ihrer Werke deren Energien freizusetzen wusste. In diesem gelungenen Zusammenspiel offenbarte sich nicht nur Marzonas Sinn für museale Räume, sondern seine Überzeugung, dass Kunst aus einer über Jahrtausende währenden Kontinuität schöpft, die im Kern, trotz der unterschiedlichsten ästhetisch-formalen Bildideen, eine verbindende spirituelle Energie antreibt.
Weil diese geistig verbindliche, formal aber absolut offene Tradition innerhalb der, wie Marzona sie nannte, Avantgarden immer schwieriger zu verstehen war, gehörten für ihn zu den für den Betrachter oftmals unzugänglichen Kunstwerken die innerkünstlerischen Kontexte. Er sammelte die Werkideen, wo immer sie sich zeigten, als ganzheitliche geistig-materielle Hinterlassenschaften der Künstler.
Dabei handelte er ganz im Geiste von Marcel Duchamp, dem genialen Großmeister aller Avantgarden des 20.Jahrhunderts, der seine handgeschriebenen Notizen zu seinem Hauptwerk, dem sogenannten Großen Glas, 1934 in seiner berühmten Boite verte, der Grünen Schachtel als Kunstwerk und mobiles Archiv herausgegeben hat. Der Erfinder der Ideenkunst schuf mit diesem Werk das erste Modell eines erweiterten Kunstbegriffs, der in der Einheit von Werk und seiner Konzeption das Empfindungssein mit dem Denken versöhnen wollte. In diesem Sinne setzte Marzona die aus dem Produktionsprozess herrührenden Primärquellen in eins mit dem Werkbegriff und trennte sie von der ins Beliebige ausufernden kunsthistorischen Hermeneutik. Marzona versuchte etwas aus dem Geiste der Künstler zur Anschauung zu bringen, wofür Paul Klee den glücklichen Begriff bildnerisches Denken gefunden hat.
Ehe wir uns aber in der Theorie verlieren, wollen wir ins Friaul, nach Codroipo in die Villa Manin zurückkehren, in deren von prächtigen Kolonnaden umsäumten Hof am 10.Juni 2001 sich neben dem Sammler der damalige Kulturstaatsminister Nida Rümelin, die Grünen Politikerin und Vizepräsidentin des deutschen Bundestages Antje Vollmer, der Direktor der Nationalgalerie und Generaldirektor Peter Klaus Schuster und ich als für Egidio Marzonas Ideen zuständiger Leiter des Hamburger Bahnhofs versammelten. Ziel dieses kleinen Symposiums unter italienischem Himmel war den Kulturstaatsminister für den Erwerb der Sammlung Marzona zu gewinnen. Der Sammler hatte eine großzügige Offerte zur Diskussion gestellt, die es mit Hilfe seiner genialen Ausstellung im Sommerpalais des letzten Dogen von Venedig anschaulich zu prüfen galt.
Peter Klaus Schuster und ich reisten noch am gleichen Tag, nach der zeitgleichen Eröffnung der 49. Biennale, mit dem Zug von Venedig nach Udine, wo uns der Sammler spät abends vom Bahnhof abholte, um nach Verzegnis, seinem zweiten Heimatort zu fahren. Wir wollten gemeinsam die von seinen Künstlerfreunden in situ installierten Werke in seinem Haus und Skulpturenpark besichtigen. Auf der Fahrt durch die gebirgige Landschaft hielten wir in tiefer Nacht in einem kleinen Ort und stiegen im Sinne der alten Griechen für die Fortsetzung unseres Symposiums in den Weinkeller eines Landgasthofes, wo uns Egidio Marzona den Besitzer vorstellte, der alles zu kochen versprach, was wir uns wünschten und nebenher bereits mehrere vielversprechende Flaschen Rotwein aus den verstaubten Regalen zog. Dieser sympathische Zug sinnlicher, typisch italienischer Gastfreundschaft gehörte zu Egidio Marzonas vielen Vorzügen. Sie alle kennen das Ergebnis dieses denkwürdigen Tages.
Es kamen aber nicht nur Kunstwerke und Archivalien in die Häuser der Staatlichen Museen, sondern der künstlerische Vorschein eines über das bisher herrschende kausale Denken des Materialismus hinausführenden offenen Weltbildes, das unweigerlich die Frage einschloss, wie die Institution Museum im späten 20. Jahrhundert zu denken war. Eine Universität mit Objekten hatte Joseph Beuys vorgeschlagen, eine Definition, die auf Egidio Marzonas Vorstellungen am ehesten zutraf. Mit seinen Archiven sorgte er für die entsprechende geistige Nahrung einer von der Kunst her gedachten Bildungseinrichtung, in der sich Leidenschaften und Ideen zu einem, wie Harald Szeemann es genannt hat, Museum der Obsessionen oder eben der Avantgarden fügen sollte. In diesem Sinne nannte sich 2001 die erste Ausstellung aus der Sammlung Marzona im Hamburger Bahnhof Probation Area, die ein Versuchsfeld subjektiv-radikaler Haltungen aus den Reihen der Konzeptkunst zeigte. Für Egidio Marzona mussten sich Museen aus dem Geist ihrer Bestände selbstverständlich als avantgardistische Institute verstehen.
Dieser Imperativ gehört um so mehr zu seinem Vermächtnis, als man in den reaktionären Kulturprogrammen einer mit steigender Zustimmung zur Macht strebenden nationalistischen Partei lesen kann, dass die Kunst, der seine ganze Leidenschaft galt, das Bauhaus, wie die gesamte Moderne eine Verirrung sei, gegen die man im Namen einer völkischen Identität eine sogenannte „patriotische Wende“ herbeiführen will.
Aus einer anderen, nicht minder reaktionären Hybris stammen die Programme für ein transhumanes Utopia, das mit Hilfe digitaler Superintelligenz den Menschen nicht nur indoktrinieren, sondern überwinden will. Die trostlose Leere dieser Fantasien hat der amerikanische Künstler Bruce Nauman, der von Egidio Marzona hoch geschätzte, bedeutendste unter den noch lebenden Avantgardekünstlern, in seinem hier im Hamburger Bahnhof ausgestellten tiefgreifenden Environment „Room With My Soul Left Out, Room That Doesn’t Care“ thematisiert.
In einem gesellschaftlichen Raum, dem es gleichgültig ist, wenn seine Bewohner ihre Seelen verlieren, wird es keine Kunst mehr geben. Auf die Frage nach der Relevanz von Kunst antwortete Joseph Beuys, sich auf Friedrich Schiller berufend, sie ist die würdigste Beschreibung des Menschen. In diesem Sinne ist die Kunst über alle Epochen und Stile hinweg immer schon Avantgarde gewesen. Für diese Überzeugung hat Egidio Marzona Zeit seines Lebens gearbeitet.






























































































































