„How to…Nachhaltigkeit“: Wie stellt man nachhaltig aus, Judith Schühle?„Kein Kompromiss, sondern eine Quelle für neue Ideen“

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Beim Museum Europäischer Kulturen (MEK) ist Nachhaltigkeit kein Modethema, sondern gelebte Praxis. Im Gespräch mit der Nachhaltigkeitsbeauftragten der SPK, Juliane Radig, erzählt Kuratorin Judith Schühle, wie im MEK mit Baugerüsten, Obstkisten und alten Vitrinen Ausstellungen gestaltet werden – ohne ständig neue Materialien zu kaufen und ohne den Anspruch an Qualität zu verlieren.

Nachhaltigkeit ist kein Extra – sie ist die Basis

Wenn ihr euch im MEK daran macht, eine Ausstellung konzipiert und umsetzt: an welcher Stelle kommt Nachhaltigkeit ins Spiel?


Judith Schühle: Nachhaltigkeit denken wir eigentlich erst seit ein paar Jahren konsequent mit, haben sie aber schon immer praktiziert. Wir hatten immer sehr kleine Budgets und mussten deshalb sehr ressourcenschonend arbeiten. Bei der Ausstellungsgestaltung haben wir immer darauf geachtet, dass wir Dinge nachnutzen. Aus der Not heraus geboren ist das zu einer Haltung geworden. Wir achten darauf, schon zu Beginn einer Ausstellungsplanung.
Grundsätzlich werden alle Vitrinen, Einbauten, Sitzmöbel nach einer Ausstellung nicht entsorgt. Wir versuchen, sie irgendwo aufzubewahren – es gibt zwar keinen zentralen Lagerort, aber wir finden immer wieder eine Nische. Wenn wir eine neue Ausstellung planen, schauen wir zuerst: Was haben wir noch? Was können wir davon nutzen?
Und das ist mittlerweile professionalisiert: Wir haben zu Beginn des Jahres eine umfangreiche Liste mit allen Gestaltungselementen erstellt – Vitrinen, Hauben, Sitzmöbel. Wir sind dabei, diese in das Museumsdokumentationssystem MuseumPlus zu überführen. Wenn eine neue Ausstellung geplant wird, kann man dort sehen, was da ist und was schon verplant ist.

Man muss ja nicht alle Ressourcen besitzen, um sie zu benutzen. Kann man Materialien auch ausleihen?

Ja, das haben wir zum ersten Mal intensiv für „comicleben_comiclife“ 2012 gemacht. Da haben wir geliehene Baugerüste als Gestaltungselemente genutzt – nicht aus ökologischen Gründen, sondern weil sie das Raster von Comics visuell aufgriffen. So wie man beim Hausbau Baugerüste leiht, wurden diese einfach für die Dauer der Ausstellung geliehen.
Oder 2021: Die Ausstellung „Murcia. Im Garten Europas“ stellte die Kulturgeschichte der spanischen Region vor, aus der das Gemüse stammt, das wir in Berliner Supermärkten täglich kaufen. Die Ausstellungsgestaltung bestand folglich aus den grünen Klappkisten, die man aus der Gemüseabteilung im Supermarkt kennt. Es handelt sich dabei um Pfandplastikkisten, die in einem ewigen Kreislauf leer oder mit Ware befüllt durch Europa reisen. Die Kisten sind modular, bekannt, leicht zu stapeln und gingen nach der Ausstellung in den Pfandkreislauf zurück. Die Ausstellungsbesucher*innen haben sie sofort wiedererkannt – dieses Mal eben im Museum.

Auch in unserer aktuellen Sonderausstellung „Die Berge Tirols“ geht es sehr viel um die Auswirkungen der Klimakrise. In einer Vitrine ist Gletschermüll zu sehen: Plastikmüll, den Bergsteiger*innen in den 1970ern einfach in die Gletscherspalten geworfen haben, kommt jetzt wieder ans Tageslicht, weil die Gletscher schmelzen. Da versteht es sich von selbst, dass wir für diese Ausstellung circa 80 Prozent der Gestaltungselemente aus alten Ausstellungen nachgenutzt haben.
Wichtig ist dabei: Es sollte schon einen thematischen Bezug geben. In einer Ausstellung über Spielzeug wären die Gemüsekisten nicht so sinnvoll. Aber wenn die Verknüpfung von Material zum Inhalt da ist, ist es ein echter Mehrwert.

Was hatte das Einfließenlassen von Nachhaltigkeitsprinzipien in die kuratorische Arbeit denn für Effekte?

Das Wiederverwenden von Ausstellungselementen macht einen großen finanziellen Unterschied. Teilweise können wir unsere Ausstellungen nur deshalb realisieren, weil wir auf Bestehendes zurückgreifen. Bei „Slow Fashion" (2019) haben wir die gesamte Gestaltung aus der Ausstellung „100% Wolle“ (2017-19) genutzt – aus Euro-Paletten und Holzplatten. Wir haben sie neu verschraubt, anders gruppiert, teilweise angestrichen. Niemand hat gemerkt, dass es dasselbe Material war.
Und vor allem: Nachhaltigkeit führt zu kreativen Lösungen. Wenn man sich bewusst auf bestimmte Dinge konzentriert, wird das Weglassen selbst kreativ. Das ist ein Prinzip, das Designer*innen schon lange bewusst nutzen.

Ambiguitätstoleranz

Wo müssen vielleicht auch kuratorische, gestalterische und nachhaltigkeitsbezogene Ansprüche miteinander abgewogen und immer wieder ausgehandelt werden?

Ein großes Feld sind Printprodukte: Flyer, Plakate, Kataloge. Viele greifen weiterhin auf Hochglanz zurück – weil es im Stadtbild auffällt oder auf dem Büchertisch mehr heraussticht. Ich würde mir wünschen, dass sich alle Museen in Berlin auf ein Manifest verständigen könnten, dass man nur noch Umweltpapier verwendet. Dann hätten wir alle die gleichen Voraussetzungen.

Ist Nachhaltigkeit mit künstlerischer Freiheit vereinbar?

Auf jeden Fall! Viele junge Künstler*innen denken heute bewusst über die Verbindung von Natur und Kultur im Anthropozän nach. Wir können das in unserem Programm aufgreifen – nicht immer plakativ, sondern auch subtil.
Ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat, war die Tomás-Saraceno-Ausstellung, die aktuell im Haus der Kunst in München zu sehen ist. Da geht es nicht vordergründig um Nachhaltigkeit, aber um Umweltschutz oder Naturphänomene. Das zeigt: Nachhaltigkeit muss nicht immer plakativ sein. Sie kann auch Spaß machen – und einen Mehrwert bieten.

Soziale Nachhaltigkeit: Diversität ist kein Extra

Nachhaltigkeit hat neben der ökologischen auch eine soziale Dimension. Wie seid ihr mit Fragen von Diversität, Repräsentation und dem Umgang mit marginalisierten Gruppen umgegangen?

Marginalisierte Gruppen sind häufig im besonderen Maße von den negativen Auswirkungen der Klimakrise betroffen – direkt oder indirekt. Von Armut Betroffene leiden beispielsweise mehr unter den Auswirkungen der menschgemachten Naturkatastrophen wie Hitze. Die Klimakrise wird in den kommenden Jahren immer mehr Menschen zu Geflüchteten machen und so marginalisieren.
Das MEK arbeitet immer wieder mit marginalisierten Communities zusammen.
Beim Ausstellungsprojekt „daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben" (2016-17) haben wir mit Kunstasyl e.V. zusammengearbeitet. Menschen, die nach Deutschland geflüchtet waren, bekamen quasi eine Carte Blanche: zwei große Räume, ihre eigenen Themen. So entstand eine Ausstellung, die sehr persönliche Geschichten erzählte. Wir sammeln auch Objekte, die man queer lesen kann – zum Beispiel Gerhard Goders Skulptur „Conchita Wurst auf der Mondsichel“. Nicht über marginalisierte Menschen sprechen, sondern sie sprechen lassen und mit ihnen ins Gespräch kommen, ist dabei unser Wunsch.

Ins Handeln kommen

Was würdet ihr Kolleg*innen empfehlen, die ihre nächste Ausstellung nachhaltiger gestalten möchten?

Wichtig ist, mit Gestalter*innen zusammenzuarbeiten, die Erfahrung darin haben, mit nachhaltigen oder geliehenen Materialien zu arbeiten – und die wissen, wie man Dinge nachnutzt und thematisch verknüpft. Und ich würde immer sagen: „Done is better than perfect“ – also einfach loslegen! Wir müssen uns zugestehen, auch mal Fehler zu machen, denn aus denen lernt man bekanntlich.
Also das nächste Mal überlegen: Wie wäre es, eine Wand aus Recup-Bechern zu gestalten? Oder aus gelben Postkisten? Kann ich Ziegelsteine als Sockel nutzen, die später wieder auf dem Bau landen? Und ganz wichtig: Manchmal ist es besser, nachhaltig zu handeln, ohne es an die große Glocke zu hängen. Als ich einmal ausschließlich vegane Speisen bei einer Eröffnung anbieten wollte, waren nicht alle begeistert. Am Ende gab es Laugengebäck, das per se vegan ist und niemand hat sich daran gestört.


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