Ein gemaltes „Sie kennen mich“Das Porträt der Altkanzlerin im Bode-Museum

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Die Tradition sieht vor, dass sich die ehemaligen Bundeskanzler*innen für die „Ahnengalerie“ im Bundeskanzleramt malen lassen. Nun gibt es endlich ein Porträt von Angela Merkel, das am 30. Juni 2026 auf der Museumsinsel Berlin enthüllt wurde.

Lange schienen Deutschland und die Welt darauf gewartet zu haben, und als es dann endlich etwas zu sehen gab, da kamen sie alle: Deutschlands erste und bislang einzige Altkanzlerin Angela Merkel hat sich für die Kanzlergalerie am alten Arbeitsplatz porträtieren lassen. In Zeiten von KI-Slops wie dem letztens durch Social Media gejagtem, nun ja, „Bildnis“ des amtierenden US- Präsidenten, das ihn selbst als heilsbringenden Jesus kitschisiert, ein Anachronismus.

Angela Merkel hätte sich mit dem Bode-Museum wohl kaum einen passenderen Präsentationsort aussuchen können – nicht nur, weil der Hort von Skulpturensammlung und Byzantinischer Kunst sowie des Münzkabinetts mit mehr als 150 Darstellungen von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten in diversen Formen ein Ort des Porträts ist, wie Direktorin Antje Scherner am Präsentationsabend erzählt. Sondern auch, weil der Prunkbau in Dreiecksform an der Spitze der Museumsinsel mit seinen mittelalterlichen Schmerzensmännern und kunstvoll geschnitzten Madonnen ebenso aus der Zeit gefallen zu sein scheint, wie die Anfertigung des „Herrscherinnenporträts“ eines demokratischen Landes in stundenlangen Sitzungen mit einem extra beauftragten Künstler über Monate hinweg. Mit Jérémie Queyras ein junger, eher unbekannter Künstler, der dank seiner Chuzpe, 22-jährig per handschriftlichem Brief um den Auftrag zu bitten, zum Kanzlerinnenmaler wurde.

Menschen betreten einen Ausstellungssaal
Antje Scherner (Direktorin des Bode-Museums) und SPK-Präsidentin Marion Ackermann führen Angela Merkel zu ihrem Porträt im Bode-Museum. Foto: Bode-Museum / Charlen Christoph

Diese meditativen und fast schon mystischen Zusammenkünfte von Altkanzlerin und Jungkünstler mit gemeinsamen Musikhören und Gesprächen sind es, die der Kunst des politischen Porträtmalens den gebührenden Raum geben – denn, wie Scherner weiter ausführt, dabei sei Nichts dem Zufall überlassen. Jeder Gegenstand, Lichteinfall, Farbakzent, jede Mimik und Gestik, alles erzähle etwas über die porträtierte Person und deren Rollenverständnis, enthalte eine Botschaft an die Mit- oder Nachwelt.

Darum wohl auch waren Andrang und Neugierde so groß: Was würde das Merkel-Porträt uns erzählen? Ist es gelungen oder nicht? Würde es eine große Überraschung geben wie beim Kanzlerporträt, das Georg Meistermann 1977 von Willy Brandt anfertigte, das wahlweise als „Frankenstein in Gruselkabinettmanier“ oder „Brandt ohne Nase“ verspottet und von Helmut Kohl durch ein konventionelleres Porträt eines anderen Malers ersetzt wurde? 

Ein rauchender Mann im Anzug vor einem halbabstrakten Porträt
Willy Brandt vor "seinem" Porträt von Georg Meistermann. Foto: Klaus-Henning Rosen

Meistermann hatte versucht, statt Repräsentationsmalerei ein Psychogramm Brandts anzufertigen. Anstelle der realistischen aber etwas langweiligen Anmutung der Vorgängerporträts von Adenauer bis Kiesinger entstand ein abstraktes Werk in pointilistischer Manier – dem Auftraggeber gefiel es, dem Rest der Welt eher nicht
 
Rund 45 Jahre später lüftet sich nun der Vorhang im Bode-Museum und enthüllt das Merkel-Porträt des jungen deutsch-französischen Künstlers Queyras, dessen Leben durch diese Arbeit wohl nicht mehr wie zuvor sein werde, wie ihn seine Auftraggeberin vorher gewarnt hatte. Und das Publikum klatscht, macht Fotos von dem Werk und freut sich. Es sieht keine Überraschungen, sondern eine stabile Angela Merkel. Kontrastreich und etwas profan steht sie da in ihrem blauen Blazerpanzer vor einem goldenen Farbverlauf, etwas skeptisch vielleicht, die Merkel’schen Mundfalten etwas tiefer als im Original, der Ausdruck freundlich-hintersinnig. Irgendwo zwischen Madonna und Mona Lisa, denn der gleichnamige Effekt, dass ihre Augen einen überall im Saal anzublicken scheinen, ist auf jeden Fall gegeben. 

Zwei Menschen enthüllen ein Gemälde
Der große Moment: Mit zwei Schnitten enthüllen Künstler und Porträtierte das Werk. Foto: Bode-Museum / Charlen Christoph
Zwei Menschen vor einem Gemälde, das die eine Person der beiden darstellt
Jérémie Queyras und Angela Merkel scheinen zufrieden mit dem Ergebnis. Foto: Bode-Museum / Charlen Christoph

Es ist durchaus ein gemaltes „Sie kennen mich“. Frau Merkel selbst scheint hochzufrieden und vergnügt mit „ihrem“ Bild und geneigte Zuschauer*innen der Serie „The Crown“ können etwas erleichtert sein. Dort nämlich geht es in einer Episode um den Prozess der Anfertigung eines Churchill-Porträts, das nach vielen Sitzungen voller guter Gespräche zwischen dem stattlichen aber sehr gealtertem Premier und dem sensiblen Künstler damit endet, dass Churchill sein Bildnis in Flammen aufgehen lässt, weil es ihm „zu ehrlich“ die Zeichnungen der Macht und der Verantwortung zeigt.

Das darf im vorliegenden Falle nicht befürchtet werden, auch wenn die FAZ mit ihrer Karikatur des aktuellen Kanzlers, der vor dem durch ein Säureattentat zerstörten Merkel-Porträt steht und behauptet, dieser Ikonoklasmus sei ein Akt der Barbarei und er habe damit nichts zu tun, ein anderes Szenario insinuiert.

Ölgemälde einer Altkanzlerin
Jérémie Queyras: Angela Merkel, 2026 Foto: Bode-Museum / Charlen Christoph

Übrigens handelt es sich nicht um das erste Porträt der Kanzlerin: Auf der Duckomenta 2010 hing bereits „Angela Duck“ in Öl gemalt von Ommo Wille – auch hier trug sie Blazer, auch hier machte sie keine Raute – und hatte ebenfalls vier Finger an der linken Hand. 

 

Noch bis zum 4. Oktober wird das Porträt der Bundeskanzlerin im Bode-Museum für die Öffentlichkeit zugänglich sein. 


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