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Ein Panorama der ModerneWie die Kunstbibliothek das 20. Jahrhundert neu erzählt

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Mit ihren vielfältigen Sammlungen verbindet die Kunstbibliothek Medien, Epochen und Perspektiven. Direktor Moritz Wullen erklärt, wie vergessene Geschichten des Tiergartenviertels wieder sichtbar werden – und welche Rolle das berlin modern dabei spielen könnte.

Die Kunstbibliothek ist in vielen Bereichen unterwegs – Architektur, Mode, Fotografie, Buchkunst und Grafikdesign. Es gibt Forschungsprojekte, unter anderem zum Riefenstahl-Nachlass, und Ausstellungen hier am Kulturforum und im Museum für Fotografie. Warum heißt die Kunstbibliothek eigentlich „Kunstbibliothek“, wenn sie doch wie ein Museum oder eine Forschungseinrichtung agiert?

Moritz Wullen: “Bibliothek“ ist ein starkes Label, weil es die interdisziplinäre Vielfalt unserer Bestände und Angebote begrifflich für ein breites Publikum zugänglich macht.: Wir sind eine universale Forschungsinfrastruktur für Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler, die alle Medien umfasst – von Bildender Kunst und Architektur über Grafikdesign und Fotografie bis hin zur Buch- und Medienkunst und natürlich auch zum geschriebenen Buch.
Unter „Kunst“ versteht man ja oft die Gesamtheit aller von der Menschheit produzierten Kunstwerke. Kunst ist jedoch mehr als die Summe ihrer Objekte. Sie entsteht als Koproduktion zwischen Künstlerinnen und Künstlern, den Kunstwerken selbst, den Menschen, die mit Kunst interagieren, und den Netzwerken, in denen Kunst kommuniziert, verkauft und vermittelt wird. Erst dieses Netzwerk macht Kunst überhaupt aus. Die Kunstbibliothek repräsentiert mit ihren Museumssammlungen und Buchbeständen genau dieses Geflecht – dieses Gesamtkunstwerk „Kunst“. Sie lebt also die Idee einer Kunst-Bibliothek in einem ganz multimedialen Spektrum.

Apropos Gesamtkunstwerk und Vernetzung mit den anderen Sammlungen hier am Standort – berlin modern, der Erweiterungsbau der Neuen Nationalgalerie, schreitet voran. Wie bereiten Sie die Präsentation der Kunstbibliothek in diesem Haus inhaltlich vor?

Moritz Wullen: Wir freuen uns sehr auf das neue Haus, weil es das Zusammenspiel mit anderen Akteuren weiter intensivieren wird. Große Ideen der Moderne beginnen oft auf einem Stück Papier, daher ergibt sich ohne das Kupferstichkabinett und die Kunstbibliothek kein vollständiges Bild. Hinzu kommen die Mode – vor allem im Kunstgewerbemuseum-, die Netzwerke der Moderne – etwa der Nachlass der Galerie Sturm in der Staatsbibliothek – sowie die Musik der Moderne, im Staatlichen Institut für Musikforschung. Letztlich wird berlin modern so etwas wie ein Forum im Forum sein – eine gemeinsame Spielstätte aller Einrichtungen, ein gemeinsamer Raum, in den auch externe Akteure eingeladen werden können. 

Wir sind eine universale Forschungsinfrastruktur, die alle Medien umfasst – von Bildender Kunst und Architektur über Grafikdesign und Fotografie bis hin zur Buch- und Medienkunst.

Moritz Wullen

Bei aller Kontinuität muss es doch auch viel Neues geben, das im Hinblick auf die Programmplanung entstanden ist. Können Sie schon über konkrete Inhalte sprechen? 

Moritz Wullen: Wir haben uns intensiv Gedanken darüber gemacht, mit welchen Themen die Kunstbibliothek im neuen Haus aktiv werden will. Für die Kunstbibliothek stehen im ersten Geschoss etwa 700 Quadratmeter zur Verfügung. Unsere Idee ist es, hier die sogenannten „Outdoor-Künste“ des 20. Jahrhunderts zu zeigen – also jene ästhetischen und gestalterischen Konzepte, die im öffentlichen Raum sichtbar werden: Architektur in Form von Gebäuden, Mode im Straßenbild, Straßenfotografie oder Plakate, die das Stadtbild geprägt haben. Die einzigartigen Museumssammlungen zu diesen großen Themen in der Kunstbibliothek sind dafür eine unerschöpfliche Ressource.

Mit dieser „Outdoor“-Strategie wollen wir den Blick nach draußen öffnen – ganz nach dem Berliner Bonmot „Kommen Se rinn, dann können Se rauskieken!“. Das passt auch hervorragend zu unserer Ausstellungsfläche, die über ein spektakuläres Panoramafenster verfügt. Durch dieses Fenster blickt man auf die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe und dahinter auf das 20er-Jahre-Gebäude von Albert Biebendt an der Potsdamer Straße. Man sieht zudem das WZB-Gebäude von James Stirling als Ikone der Postmoderne, und links die Staatsbibliothek von Scharoun. Diesen Panorama-Raum wollen wir nutzen, die faszinierende Architekturgeschichte dieses Ortes anschaulich und lebendig zu machen. Unser Prinzip lautet: Museumscontainer auf, Außenwelt rein. 

Wir haben bereits das Stichwort Architektur im Tiergartenviertel angesprochen. Der Standort hat eine eigene Geschichte, und aktuell gibt es dazu auch eine Präsentation in der Kunstbibliothek. Sie selbst haben großes Interesse an der Erforschung dieses Ortes. Können Sie etwas darüber erzählen? 

Moritz Wullen: Ja, das ist nicht nur für uns, sondern für alle Kultureinrichtungen am Kulturforum ein identitätsstiftendes Thema. Mein Kollege Joachim Brand hat daraus eine eigene Programmlinie entwickelt, deren Ausstellungen und Veranstaltungen eine große Fan-Gemeinde haben. Wer ohne große Berlin-Kenntnis am Kulturforum vorbeifährt, kriegt sowohl von der aktuellen kulturellen Bedeutung, als auch von der historischen Dimension des Standortes ja kaum etwas mit. Aus manchen Blickrichtungen wirkt das Kulturforum wie ein Firmengelände oder pharmazeutisches Forschungszentrum. Dabei handelt es sich um einen Kunstort mit einer Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht Das wissen viele nicht: Dieses Areal war um 1900 nicht nur einer der schönsten Wohnviertel Berlins sondern auch einer der künstlerisch lebendigsten Orte der westlichen Welt. Hier haben Kunstschaffende, Kunstbegeisterte, Mäzenatinnen und Mäzenaten Kunstgeschichte geschrieben. Aber durch den NS-Staat und den Zweiten Weltkrieg wurde diese glanzvolle Vergangenheit bis auf wenige Spuren ausgelöscht und unsichtbar gemacht.

Die Wurzeln von berlin modern reichen daher tief in den Boden zurück. Unser Auftrag ist es, diese Geschichte wieder freizulegen und sichtbar zu machen. Wir befinden uns sozusagen in einem Warm-up: mit einer gut besuchten Vortragsreihe zur Kunstgeschichte des Tiergartens und der unentgeltlich zugänglichen Ausstellung „Zeitreise ins Alte Tiergartenviertel“, in der wir unsere Forschungsergebnisse präsentieren. Wir freuen uns sehr darauf, dieses Fenster in die Geschichte des Ortes in berlin modern weiter zu öffnen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel für etwas, das im Rahmen der Forschung klarer geworden ist oder neu entdeckt wurde und zuvor in Vergessenheit geraten war?

Moritz Wullen: Es gibt eine ganze Menge interessanter Befunde. Spannend ist vor allem die Erkenntnis, dass die Matthäikirchstraße im Herzen des Kulturforums so etwas wie die „Lindenstraße“ der frühen Moderne war. Die wichtigsten Künstler, Mäzene und Galeristen hatten hier entweder ihren Wohnsitz oder zumindest enge Berührungspunkte mit dem Ort. Ein Beispiel ist der Kunsthändler Paul Cassirer, der derzeit im Zentrum einer Ausstellung in der Alten Nationalgalerie steht. Seine Galerie befand sich da, wo heute das berlin modern entsteht. Durch unsere Vortragsreihe und die Forschungsarbeit entwickeln wir tatsächlich so etwas wie eine Kartografie des untergegangenen Tiergartenviertels. Da steckt auch ganz viel privates Engagement dahinter: Ich denke da vor allem an den Ortshistoriker Alexander Darda, der eng mit uns zusammenarbeitet, und an den Verein zur Erinnerung an
Johanna und Eduard Arnhold e.V., der die Forschungen großzügig unterstützt.

Seit einigen Jahren gibt es Initiativen am Kulturforum, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern – etwa durch Formate wie „Tag im Grünen“ oder die „Baumschule Kulturforum“. Hat sich dadurch etwas verändert, wird der Ort inzwischen anders genutzt?

Moritz Wullen: Es gibt viele positive Entwicklungen. Zum einen ist der Austausch zwischen den Einrichtungen vor Ort deutlich intensiver geworden. Zum anderen werden mehr Menschen überhaupt erst an diesen Ort herangeführt. Viele kommen nicht automatisch ins Kulturforum – es ist wichtig, sie überhaupt hierher zu holen.

Und selbst wenn nicht alle sofort die Museen besuchen, ist es schon ein Gewinn, dass sie den Ort wahrnehmen und sich fragen: Was ist das hier eigentlich? Was passiert in diesen Gebäuden? Genau diese Neugier trägt zur Lebendigkeit eines Platzes bei. Entscheidend ist, dass der Ort stärker von der Stadtgesellschaft angenommen wird. Dabei gibt es noch viel Potenzial. Formate wie ein Wochenmarkt könnten den Ort zusätzlich beleben. Das könnte auch für die Bewohner*innen der in der Nähe entstandenen großen Wohnquartiere ein Anreiz sein, den Ort zu entdecken. 

 

Sind Sie zuversichtlich, dass sich das in den kommenden Jahren weiter positiv entwickelt?

Moritz Wullen: Das berlin modern wird vieles in Bewegung bringen und vermutlich zahlreiche positive Entwicklungen anstoßen. Gleichzeitig werden dadurch auch bestehende Spannungen und Defizite deutlicher sichtbar werden, und es stellt sich die Frage, wie sich dieser Kontrast entwickelt. Insgesamt ist die Entwicklung aber sehr vielversprechend.

Im benachbarten Kunstgewerbemuseum wurde in den letzten Jahren eine stärkere Öffnung nach außen angestoßen, etwa durch Kooperationen mit Hochschulen und jungen Designerinnen und Designern. Gibt es solche Kooperationen auch in der Kunstbibliothek, also über das Kulturforum hinaus?

Moritz Wullen: Natürlich, da sind unsere Kuratorinnen und Kuratoren sehr aktiv. Unsere Grundidee ist, dass große Museen trotz ihres internationalen Anspruchs auch Plattformen für die lokale Kreativität sein sollten. Berlin verfügt über zahlreiche kreative Zentren – sowohl im freien Bereich als auch an Hochschulen und Kunsthochschulen.

Wir arbeiten deshalb eng mit Institutionen wie der Universität der Künste, Fachhochschulen und schulische Einrichtungen wie dem Lette Verein zusammen. 

Die Kunstbibliothek war in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung 1867 eine Unterrichtsanstalt für Kreative, das Handwerk, den künstlerischen und gestalterischen Nachwuchs. Diese Tradition haben wir in den letzten Jahren wieder ganz stark gemacht. Etwa die Hälfte unserer Ausstellungen und Veranstaltungen entsteht in Kooperation mit diesem jungen Publikum

Vor einiger Zeit hat die Kunstbibliothek den Nachlass der umstrittenen Fotografin Leni Riefenstahl erhalten, die eng mit dem Nationalsozialistischen Staat verbunden war. Wie steht es um die Erforschung dieses Archivs?

Moritz Wullen: Wir haben den Riefenstahl-Nachlass 2018 übernommen. Unser Ansatz bei dessen Erforschung ist es, von Anfang an die Öffentlichkeit einzubeziehen – zum Beispiel gesellschaftliche Gruppen, die in besonders sensibler Weise mit diesem Quellenmaterial verbunden sind.

So haben wir zunächst mit sudanesischen Communities zur Erschließung der sogenannten Nuba-Fotografien von Leni Riefenstahl zusammengearbeitet, die in der Nachkriegszeit entstanden sind. Das war eine bemerkenswerte internationale Kooperation, die wir fortsetzen möchten. Die wissenschaftliche Aufarbeitung weiterer schwieriger Aspekte ihres Werks stehen noch aus. Da ist vor allem die rücksichts- und gewissenlose Ausbeutung von Kindern der Sinti und Roma für ihren Film „Tiefland“. Das ist ein schwieriges Erbe, mit dem ohne Sensationalisierung, verantwortungsvoll und in engem Austausch mit der Gesellschaft umgegangen werden muss.

Mit dieser „Outdoor“-Strategie wollen wir den Blick nach draußen öffnen – ganz nach dem Berliner Bonmot „Kommen Se rinn, dann können Se rauskieken!“.

Moritz Wullen

Welche anderen Forschungen, jenseits von Riefenstahl, laufen derzeit in der Kunstbibliothek? 

Moritz Wullen: Unsere Kuratorinnen und Kuratoren leisten mit ihren Forschungen wichtige strategische Arbeit für die Zukunft der Kunstbibliothek. Es geht immer auch um die Frage: Was müssen wir heute sammeln und erforschen, damit unsere Sammlungen morgen noch aussagekräftig sind?

Unsere Modekuratorin Britta Bommert untersucht beispielsweise, wie sich die letzte analoge Dekade der Modefotografie – die 1990er Jahre – für eine Museumssammlung erschließen lässt. Unsere Architekturkuratorin Maren Wienigk entwickelt neue Formen der Zusammenarbeit mit Universitäten und Kunsthochschulen. Christina Thomson, unsere Kuratorin für Grafikdesign, setzt mit ihren Projekten zur Dekolonisierung des medialen Kulturerbes national und international Maßstäbe, und Michael Lailach erforscht als Kurator für Buch- und Medienkunst, welche kreativen Potenziale das Konzept „Buch“ im digitalen 21. Jahrhundert hat. 

Ich selbst arbeite derzeit an der Ausstellung „Bizarr – die Geschichte des verrücktesten Wortes der Welt“. Sie verfolgt die Geschichte des Begriffs vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart: als Bezeichnung für Wirklichkeiten, die sich der vertrauten Ordnung entziehen und außer Kontrolle geraten. Die Reise führt von Dantes „Inferno“ bis zur Quantenphysik und Bewusstseinstheorie.

All die Aktivitäten stehen für das, was die Kunstbibliothek auszeichnet: Unsere Sammlungen umfassen nicht nur einzelne Kunstgattungen, sondern den gesamten medialen Imaginationsraum der Menschheit. In diesen Sammlungslabyrinthen verliere ich mich gern auch einmal abends oder am Wochenende – tagsüber komme ich dazu ja viel zu selten.

Gibt es etwas, worauf Sie sich im verbleibenden Jahr 2026 besonders freuen – ein Ereignis oder eine Entwicklung?

Moritz Wullen: Natürlich freue ich mich ganz besonders auf die Eröffnung unserer Ausstellung „Bizarr“ Ende November. Sie ist das Ergebnis langjähriger Forschung und wäre ohne das Wissen, die Sammlungen und die Zusammenarbeit des gesamten Teams der Kunstbibliothek nicht möglich.

Gleich danach eröffnet im Dezember im Museum für Fotografie die große Ausstellung “Materialitäten der Fotografie”, die nach der physischen Realität der Fotografie im 21. Jahrhundert fragt. Hier stellen unser Foto-Kurator Ludger Derenthal und sein Team die Frage: Was bedeutet eine Fotografie auf Papier noch in einer Welt, in der Bilder überwiegend digital entstehen, verbreitet und betrachtet werden? Warum sollten Museen solche materiellen Bilder weiterhin sammeln und bewahren? Wir geben darauf keine nostalgische Antwort. Wir zeigen vielmehr, dass die Körperlichkeit der Fotografie auch heute eine eigene ästhetische und historische Bedeutung besitzt. Das ist eine programmatische Frage für unsere gesamte Arbeit: Wie lässt sich aus der Geschichte der Künste und Medien in der Gegenwart die Zukunft kreativ gestalten?


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