Collage aus alten Schwarz-Weiß-Bildern

Freundin Kamera

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Vom Reiz des langsamen Fotografierens und warum Bilder eigentlich in einer hellen Kammer entstehen: Die Künstlerin Heidi Specker hielt die Dinner Speech beim sechsten Bauhaus-Dinner in Dessau.

Mit den Mitteln der Fotografie hat sich die Künstlerin Heidi Specker immer wieder der Ästhetik des Bauens genähert. Sie begab sich auf die Spuren von Mies van der Rohe in Berlin oder Le Corbusier im indischen Ahmedabad, interessierte sich für Bauhaus wie Brutalismus gleichermaßen und nutzte die Fotografie, um architektonischen Strukturen aufzuzeigen. 

eine Frau an einem Rednerpult

Heidi Specker, die auch Professorin an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ist, hielt die Dinner Speech beim sechsten Bauhaus-Dinner in Dessau, das den Fotografinnen Lotte Stam-Beese und Irena Blühová gewidmet war. Wir veröffentlichen ihre Rede hier in gekürzter Form.

Foto: Heidi Specker während ihrer Rede anlässlich des sechsten Bauhaus-Dinners. © Matthias Ritzmann

Heidi Specker: Mein künstlerisches Werk dockt thematisch immer wieder an das Bauhaus oder deren Lehrende oder Studierende an. Ich selbst habe mit 15 Jahren auf dem Gymnasium, irgendwo auf dem Land in Niedersachen, in einer Foto AG, meine Freundin, die Kamera, kennengelernt. Die dazugehörige Arbeit in der Dunkelkammer war nicht meine Sache, aber mit der Kamera hat es sofort KLICK gemacht. Ich spürte sofort, dass MEHR daraus werden würde. Jetzt sind es bald 50 Jahre meines Lebens, die von der Kamera bestimmt wurden. Halb so lange wie die Fotografien von Lotte Stam-Beese und Irena Blühová alt und vor allem jung geblieben sind.

Ich habe meine kleine Rede FREUNDIN KAMERA genannt, dachte aber zuerst an KAMERADIN KAMERA. Inhaltlich ist das Wort Kamerad oder Kameradin oder Kamera fast identisch, der Wortstamm offensichtlich der gleiche - die Kamera und die Kameradin. Kamerad oder Kameradin leiten sich im Französischen von CAMERADE, im Spanischen von CAMERADA und im Italienischen von CAMERATA ab. Im Lateinischen ist es die CAMERA, im Deutschen die Kammer. Es bezeichnete ursprünglich eine „Kammergemeinschaft“, also eine entsprechend intime Situation.

ein Kupferstich, der eine Camera obscura zeigt
Camera obscura um 1700. Kupferstich von F. Canocchi (Ausschnitt), aus: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers - "Recueil de Planches, sur les sciences, les arts liberaux et les arts méchaniques, avec leur explication seconde partie 202 planches, Troisième édition", Paris 1772. Foto: bpk / Kunstbibliothek, SMB / Dietmar Katz

Die Camera Obscura, also die obskure Kammer, ist die eigentliche Vorläuferin des Fotoapparates. Obscura meint „dunkel“, „unklar“, „vage“ oder „unbekannt“. Niemand konnte sehen, was in der Kammer, im Innern der Kamera, passierte. Ganz im Gegensatz zur Malerei. Hier können wir zusehen wie ein Bild entsteht. Die frühesten Versionen der Camera Obscura, die aus der Antike stammen, bestanden aus kleinen, abgedunkelten Räumen, in die Licht durch ein einziges winziges Loch fiel. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff im Englischen zu CAMERA verkürzt. Da gab es dann schon richtige Linsen oder ein optisches Auge. 

Die Fotografie kennt gleich mehrere dunkle Kammern. Einmal im Fotoapparat selbst, die Kammer, in der sich der Film befindet. Das Licht fällt durch die Linse oder das Objektiv auf den Film, der im Dunkeln liegt. Er wird belichtet und danach entwickelt. Er kommt in die nächste dunkle Kammer, in die Dunkelkammer. Dort wird das Bild vergrößert. Und erst hier zeigt sich die Aufnahme das erste Mal: als Positiv. Genau das, was wir von Lotte Stam-Beese und Irena Blühová hier so schön sehen.

Das ist ein Vorgang, den wir heute als einen sehr langsamen empfinden. Wir sind die Zeitspanne des Bildermachens nicht mehr gewohnt. Die meisten fotografieren mit dem Smartphone, sehen das Bild sofort und teilen es auch gleich, schicken es weiter. Die analoge Fotografie ist heute so etwas wie ein Slow Tool, ein langsames Werkzeug. So wie wir auch von Slow Food sprechen. Auch im Slow Food wird die Qualität deutlich, die langsame Prozesse in sich haben. 

eine alte Frau auf einem s/w-Foto
Irena Blühová: Jolanda I. Aus dem Zyklus: "Marketenderin des 1.Weltkrieges", 1930; o. J., Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 7882 F) / © (Blühova, Irene) Beránek, Jaroslav; Prag
s/w-Fotografie eines lächelnden Mannes
Lotte Stam-Beese: Mart Stam, 1929/1930, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 11010 F) / © (Stam-Beese, Lotte) Stam, Ariane
ein hebt ein Baby hoch (s/w)
Irena Blühová: Architekt Zdenek Rossmann, ehemaliger Bauhausstudent mit dem Sohn. Aus dem Zyklus: "Bauhaus", 1936, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 7971/1 F) / © (Blühova, Irene) Beránek, Jaroslav; Prag

Lotte Stam-Beese und Irena Blühová wiederum haben damals den Umgang mit der Kamera als etwas sehr Schnelles empfunden. Die Kamera war leicht, flexibel und für ihre Verhältnisse bereits einfach zu handhaben. Deshalb hat sich die Fotografie am Bauhaus auch so rasant verbreitet - über alle Klassen und Disziplinen hinweg. Alle waren sie verliebt in den Apparat, der ja letztlich ein Vorläufer des Smartphones ist. Das Mobiltelefon hat in dem Moment einen rasanten Schub erhalten, als das Telefon auch zum Fotoapparat wurde. Und wie das mit Freundschaften so ist können diese auch ins Extreme kippen. Sie haben Suchtpotential.

Aber zurück zum Bauhaus und der Kamera und der Kammer. Der französische Philosoph Roland Barthes nannte sein Werk DIE HELLE KAMMER, um es bewusst von der technischen Dunkelkammer abzugrenzen und den Fokus auf das Licht und die erhellende Erkenntnis zu legen. Dieser betrachtende Geist lässt uns erfreuen an den Fotografien und an der Fotografie überhaupt. Am Bauhaus sind damals alle begeistert. Sie freuen sich, weil es im Moment der Aufnahme ganz anders oder genau so ausgesehen hat, wie das, was da aus der Kammer herauskommt. Die Freundin Kamera hilft. Sie hilft, stille, laute, bewegte, starre, experimentelle und abstrakte Bilder entstehen zu lassen und sich dann als Fotografie an der Wand, als Postkarte, als Plakat oder als Buch zu zeigen. Für damalige Verhältnisse sehr unmittelbar, schnell und praktisch. Lotte Stam-Beese, Irena Blühová und viele andere zeigen uns die Welt, die am Bauhaus sehr besonders war. Bei Stam-Beese etwas ganz anderes als bei Blühová. Beides real, beides parallele Welten.

eine Karte mit Schreibschrift drauf
Zitat von Irena Blühová auf einer Tischkarte beim sechsten Bauhaus-Dinner © Matthias Ritzmann

Die Freundin Kamera von Stam-Beese ist anders als die der Blühová. Sie ist die gleiche und doch eine ganz andere.  Die eine experimentiert und widmet sich später im Leben Architektur und dem Städtebau. Die andere hat ein politisches Anliegen und bleibt der Kamera treu – sie fotografiert die Menschen, zeigt Missstände. Die eine erlebt mit der Kamera eine intensive Episode, die andere geht eine feste Verbindung ein. Für die eine ist die Kamera vielleicht ein Sprungbrett in das Neue Sehen. Für die andere ist die Kamera die Kameradin, weil draußen vor dem Bauhaus, auf den Straßen und Äckern die Welt immer noch eine soziale Kampfzone ist.

ein s/w-Foto eines sitzenden Mannes
Irena Blühová: Nachtasyl. Aus dem Zyklus: "Auch so kann man leben", 1930; o. J., Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 7878 F) / © (Blühova, Irene) Beránek, Jaroslav; Prag
ein Mann im Spiegel (in s/w)
Lotte Stam-Beese: Albert Stam im Spiegel, um 1928, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 36953) / Miteigentümer: Bundesrepublik Deutschland. Erworben mit Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland, der Kulturstiftung der Länder, des Landes Sachsen-Anhalt und von Lotto Sachsen-Anhalt. Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. / © (Stam-Beese, Lotte) Stam, Ariane
4 Männer auf einem Balkon sitzend in s/w
Irena Blühová: Studenten auf dem Balkon. Aus dem Zyklus: "Bauhaus", 1931, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 7968/1 F) / © (Blühova, Irene) Beránek, Jaroslav; Prag

Meine Berufung ist nicht nur das Fotografieren ist, sondern auch die Lehre. Zumindest habe ich es geschafft, 16 Jahre die Klasse für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu leiten. Kürzlich hatten wir wieder Aufnahmegespräche. In die Endrunde kamen 30 Bewerberinnen, die alle mehr oder weniger so alt waren wie Irena Blühová und Lotte Stam-Beese damals. Sie brachten tiefe Freundschaften zur Kamera mit oder flirteten zumindest mit dem Gedanken. Interessant war, dass sich die Bewerberinnen in zwei Gruppen teilten: Die eine fragte nach den Computern und Monitoren, sie suchten das Feld der Postfotografie. Damit wird der Wandel der Fotografie im digitalen Zeitalter seit den 2000ern bezeichnet. Diese Zeit beschreibt eine Ära, in der Bilder manipulierbar, vernetzt, oft generiert sind, wodurch der klassische Wahrheitsanspruch der Fotografie verloren ging. In den Nachrichten werden gerade die Deep Fakes diskutiert. Also Bilder die keine physischen Abbilder mehr sind, sondern frei erfunden.

Die andere Hälfte der Bewerberinnen erkundigte sich explizit nach dem Fotolabor und den Möglichkeiten, selbst zu entwickeln. Gibt es an der Hochschule Dunkelkammern? Ja, es gibt sie! Die analoge Fotografie erlebt in dieser Generation ein überraschendes Comeback. Es geht um eine bewusste Entschleunigung (slow photography) im digitalen Alltag. Haptische Erlebnisse, Überraschungseffekte bei der Entwicklung, die einzigartige Wärme des Materials, Papier und Silber können immer noch faszinieren. Man ist zur bewussten Bildgestaltung gezwungen, weil die analoge Freundin das eben nicht automatisch übernimmt. In diesem Sinne ein echtes Handwerk. 

eine Gruppe junger Frauen an einem Webstuhl (in s/w)
Lotte Stam-Beese (zugeschrieben): o. T. (Studentinnen der Webklasse am Webstuhl), 1927, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 14424 F) / © (Stam-Beese, Lotte) Stam, Ariane / Image by Google

Die Fotografie ist ein Medium, ein flexibles Medium. Wir werden sehen, ob die Fotografie vor allem eine Freundin bleibt. Eine Kameradin, die uns nicht fremdbestimmt, sondern eine ehrliche Begleiterin, die uns hilft, das aufzubewahren oder weiterzugeben, was uns am Herzen liegt.

Foto einer Frau in s/w
Lotte Stam-Beese: o. T. (Porträt Nina Balcerova), 1930, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 19633 F) / © (Stam-Beese, Lotte) Stam, Ariane / Image by Google
eine junge, ernst-guckende Frau in s/w
Irena Blühová: Scheuerfrau am "Bauhaus" (Aufräumerin). Aus dem Zyklus: "Bauhaus", 1931, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 1365/1 F) / © (Blühova, Irene) Beránek, Jaroslav; Prag
Foto einer Frau mit Spiegelung eines Hauses in s/w
Lotte Stam-Beese: Portrait Otti Berger und Atelierhaus, um 1930, Foto: Stiftung Bauhaus Dessau (I 51532) / © (Stam-Beese, Lotte) Stam, Ariane / Image by Google

Weiterführende Informationen

Die Ausstellung Neue Frau, Neues Sehen: Die Bauhaus-Fotografinnen im Museum für Fotografie läuft noch bis zum 04.10.2026.


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