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„Für Kinder ist das Beste gerade gut genug!“ – 100 Jahre Otfried Preußler

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Die Staatsbibliothek zu Berlin präsentiert vom 27. Oktober 2023 bis 7. Januar 2024 die Ausstellung „Der Mensch braucht Geschichten. Otfried Preußler zum 100. Geburtstag“ im Stabi Kulturwerk. Ausgehend von Preußlers Nachlass erzählt die Ausstellung die Entstehungsgeschichten von Preußlers Werken und zeichnet den Lebensweg des berühmten Kinderbuchautors als Lehrer, Zeichner und Illustrator nach. Susanne Preußler-Bitsch spricht im Interview über ihren Vater und sein Vermächtnis

Frau Preußler-Bitsch, am 27.10. startet in der Staatsbibliothek zu Berlin, die den Nachlass Ihres Vaters Otfried Preußler verwaltet, die große Jubiläumsausstellung “Der Mensch braucht Geschichten”. Otfried Preußler zum 100. Geburtstag. Was bedeutet das für Sie?

Vor 10 Jahren zog der Preußlersche Kulturbesitz in den Preußischen Kulturbesitz, also in die Staatsbibliothek zu Berlin, wo seither der Großteil des literarischen Nachlasses meines Vaters liegt. Und es freut mich natürlich außerordentlich, dass heuer in diesem Haus eine so umfangreiche und profunde Ausstellung zum Jubiläum stattfindet. Dem gesamten Team, aber natürlich allen voran Frau Carola Pohlmann, gebührt hierfür mein herzlicher Dank.

Sie sind Kulturwissenschaftlerin und promovierte Historikerin, führen seit 2013 die Geschäfte Ihres Vaters und pflegen sein umfassendes literarisches Werk. Sie haben auch zwei Bilderbuchgeschichten herausgebracht. Was war Ihr Traumberuf als Kind?

Nur am Rande: Die Geschäfte, also den Preußlerschen Literaturbetrieb führe ich seit über 25 Jahren – seit 10 Jahren trage ich auch für das literarische Erbe meines Vaters die Verantwortung. Tja und was den Traumberuf betrifft, so gab es wechselweise Viele: von Erfinderin, Weltmeisterin, Busfahrerin… – je nachdem, was mich gerade beschäftigte.

Porträt einer Frau mit Brille vor Bäumen

Susanne Preußler-Bitsch führt seit mehr als 25 Jahren den Preußlerschen Literaturbetrieb – seit 10 Jahren trägt sie auch für das literarische Erbe ihres Vaters die Verantwortung.

Foto: privat

Sie treffen jetzt als Geschäftsführerin des Literaturbetriebs Otfried Preußler alle Entscheidungen. Fällt es Ihnen schwer, im Sinne Ihres Vaters zu entscheiden? Womit beschäftigen Sie sich?

Das lässt sich simpel skizzieren: Alles, was Otfried Preußler und sein Werk betrifft, läuft automatisch und leider oft zwangsläufig über meinen Schreibtisch. An mir kommt keiner vorbei. Das betrifft den Buchbereich, den Audio- und natürlich auch den umfangreichen Theaterbereich aber auch Neuverfilmungen oder wie aktuell in der Staatsbibliothek Ausstellungen sowie alle möglichen und unmöglichen Verwertungsideen. Natürlich ist so etwas nur zu stemmen, wenn man wie wir kompetente und engagierte Partnerinnen und Partnern hat.

Ich verstehe meine Aufgabe darin, das Preußlersche Kulturgut zu schützen, zu pflegen und im Sinne meines Vaters dafür zu sorgen, dass auch kommende Generationen Zugang zu seinen fantastischen Welten finden. Ich habe das viele Jahre in Abstimmung mit ihm gemacht, daher weiß ich, wie er seine Präferenzen gesetzt hätte. Mein Vater war immer ein recht aufgeschlossener Mensch, auch wenn es um die Umsetzung seiner Stoffe ging und von Anfang an in gewisser Weise multimedial. Ihm war es wichtig, dass seine Geschichten Kindern auf Dauer zugänglich bleiben. Und bis heute, haben wir das auch ganz gut geschafft.

Schwarzer Federhut mit rotem Band
Diesen Hut trug Nicholas Ofczarek, der Darsteller des Räubers, in der Verfilmung von Preußlers bekanntem Kinderbuch. (Claussen+Putz Filmproduktion GmbH, 2022)
Aufgeschlagenes Buch, darunter drei geschlossene mit orangen Einbänden
Typoskripte mit handschriftliche Korrekturen zu: Die kleine Hexe, Der Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst und Kater Mikesch. (SBB-PK)

Was machte Ihren Vater neben dem Geschichtenerzählen aus? Was war ihm wichtig? Was hat er Ihnen mitgegeben?

Mein Vater war ein sehr empathischer Mensch, der Kinder ernst genommen hat. Er hat sie als Vater, als Pädagoge und als Geschichtenerzähler gut verstanden, ist auf sie eingegangen, hat ihnen zugehört und hat all das in seine Arbeit einfließen lassen. Als Lehrer und auch als Schriftsteller. Nehmen wir zum Beispiel die Kinderpost, die ja auch im Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin liegt. Es sind an die 10.000 Briefe, die er über die Jahre geschickt bekommen hat – und jeder wurde beantwortet. Wenn ein Kind sich die Mühe macht und einen Brief schreibt – an sich schon eine Leistung – dann gehört es sich einfach, diesem Kind zu antworten. Kinder darf man nicht enttäuschen, das war seine feste Überzeugung. Auch durch diese Briefwechsel hat er seine Grundeinstellung immer wieder bestätigt gesehen: Kinder sind von Grund auf Optimisten und diesen Optimismus zu bestärken, war ihm zentrales Anliegen. In seinen Büchern genauso wie im Alltag. Und, auch wenn es vielleicht abgedroschen klingen mag: „Für Kinder ist das Beste gerade gut genug!“ Das war sein Mantra!

Was ist Ihre Lieblingsgeschichte? Verbinden Sie damit besondere Erinnerungen?

Klar doch! Meine Lieblingsfigur ist auf alle Fälle der Hotzenplotz, der ist mir schon sehr ans Herz gewachsen. Wie die meisten Figuren hat besonders der Räuber bei uns in der Familie mitgelebt. Dem polternden Großmaul konnte man prima die eine oder andere Misslichkeit unterschieben. Um nicht selbst Ärger zu bekommen. Waren wir mit Dreckstiefel durchs Haus gelaufen, haben wir die Missetat dem Räuber unterstellt. Auch für eine kaputte Tasse oder ein stibitztes Kuchenstück musste er so manches Mal herhalten. Meine Eltern haben sich gern auf das Spiel eingelassen – nur allzu überstrapazieren durfte man den Räuber nicht.

Haben Sie sich auch vor den Büchern gegruselt? Zum Beispiel vor dem Neunauge in „Der kleine Wassermann“?

Vor den Bücher nicht, sondern vor einzelnen Figuren. In vielen Geschichten meines Vaters gibt es Stellen, vor denen ich mich als Kind schon auch gefürchtet habe. So hatte ich vor dem großen und bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann richtig Bammel, kann er doch mit einem Fingerschnackel die Leute in Affen oder Regenwürmer verzaubern. Und natürlich habe ich mitgezittert, ob die kleine Hexe nicht doch von den großen bösen Hexen erwischt wird. Es war aber ein wohliges Gruseln, immer mit der Gewissheit, dass die Geschichte gut ausgeht. Da fürchtet es sich ja besonders gut!

Persönliche Gegenstände aus dem Besitz von Otfried Preußler: Eine karierte Kappe, eine Brille, ein Diktiergerät, eine Kassette
Persönliche Gegenstände aus dem Besitz von Otfried Preußler: Viele der Geschichten von Otfried Preußler entstanden morgens auf dem Weg zur Schule, den er auch im Winter zu Fuß beschritt. Er hatte stets ein kleines Diktiergerät bei sich, auf das er beim Gehen Texte sprechen konnte. (SBB-PK)
Diktiergerät und Kassette
Diktiergerät von Otfried Preußler: Viele der Geschichten von Otfried Preußler entstanden morgens auf dem Weg zur Schule, den er auch im Winter zu Fuß beschritt. Er hatte stets ein kleines Diktiergerät bei sich, auf das er beim Gehen Texte sprechen konnte. (SBB-PK)

Wie viel von Ihrem Vater steckt in den Geschichten? Finden Sie sich auch selbst wieder?

Ich denke in allen Figuren und Geschichten steckt mein Vater – mal mehr, mal weniger. Das Lustige, das Polternde, das Aufrichtige. Das alles sind sicher Wesenszüge, die man auch bei ihm gefunden hat. Ich denke aber, man sollte da nicht allzu viel reininterpretieren.

Ihr Vater war geprägt von seiner Familie und gab seine Leidenschaft für das Geschichtenerzählen offenbar auch an seine Töchter weiter. Haben Sie diese auch an Ihre Kinder weitergegeben?

Natürlich habe ich auch meinen Kindern nicht nur vorgelesen, sondern auch situativ für sie Geschichten erfunden und ihnen erzählt. Ohne große Probleme. Gelernt ist eben gelernt, in guter Familientradition.

Gab bzw. gibt es im Hause Preußler auch andere Kinderbücher?

Ja, sicher! Wir haben alles, was es gab rauf und runter gelesen.

Was hat Otfried Preußlers Bücher zu Kinderbuchklassikern gemacht?

All die Kinder, die diese Bücher seit vielen Generationen begeistert lesen und das immer noch tun, haben sie zu Klassikern gemacht. Sind es doch fantastische, unverwechselbare und zeitlose Geschichten, mit lebendigen, emphatischen Charakteren, mit denen sich Kinder in einer bestimmter Lebensphase bestens identifizieren können. Zudem sind in den vielfältigen Erzählungen allgemein gültige Werte implementiert wie Freundschaft, Liebe und Anstand, und eine klare Ablehnung von Verrat, Lüge und Denunziation. Und das Ganze auf kindlich verträgliche, zugängliche Weise mittels einer unverkennbaren klaren Sprache und einer großen Portion Humor.

Inwiefern war der „Räuber Hotzenplotz“ eine Kinderbuchrevolution?

Revolution ist wohl etwas hochgegriffen. Preußler schrieb mit seinem Hotzenplotz „ein Kasperltheater zwischen zwei Buchdeckel“, mit dem entsprechenden Personal und dem entsprechenden Kosmos. Dazu hat er eine größere Geschichte darübergelegt, und das war neu. Neu war auch, dass sein Bösewicht, der Räuber, das polternde Großmaul, der adipöse Kleinkriminelle zur Identifikationsfigur mit all seinen liebenswürdigen Eigenschaften gemacht wurde. Seinem Publikum, nicht nur den Kindern hat das sehr gefallen.

Manche Werke wie „Winnetou“ oder „Trotzkopf“ sind aus heutiger Sicht nicht „gut gealtert“. Wie sieht das mit den Preußler-Werken aus?

Natürlich sind auch die Preußlerbücher in die Jahre gekommen. Und die Kinder sind heute mit völlig anderen Realitäten konfrontiert. Trotzdem tragen sie dieselbe kindliche Neugier in sich, wie frühere Jahrgänge, denselben Optimismus und dieselbe ‚Freigeistigkeit‘. Und diese elementaren Bereiche sprechen Preußlers Geschichten mit ihrer inhaltlichen Verortung an. In der heutigen schwer unüberschaubaren digitalen und konfektionierten Welt bieten sie gewissermaßen analoge Übungswiesen für die Fantasie. Notwendige Schonräume, in denen Kinder diese trainieren können, mit Geschichten, die mit der Erfahrungswelt der Kinder kompatibel sind. Die kleine Hexe beispielsweise geht nicht gerne zu Fuß, nascht zu viel. Der kleine Wassermann stellt viel Unsinn an, muss aber auch seine Lehren daraus ziehen und, und, und. Das alles ist ganz nach dem Geschmack der Kinder und hält den Alterungsprozess der Preußlerschen Kinderbücher in Grenzen.

Denkt man an die Preußler-Bücher, hat man immer auch die Illustrationen vor Augen. Wären die Bücher Ihres Vaters auch illustrationslos so bekannt geworden?

Natürlich sind Illustrationen, wie allgemein in Kinderbüchern, enorm wichtig. Aber für mich stehen Text und Sprache an erster Stelle, quasi als ‚Ausgangsmaterial‘, für die Bebilderung. Wenn dies dann auf so kreative und unverwechselbare Weise wir bei Preußlers Büchern erfolgt, ist das ein Glücksfall und befördert die Bücher natürlich enorm.

Was ist Ihr Lieblingsobjekt in der Ausstellung und die Geschichte dazu? Was sollte man gesehen haben?

Mein Lieblingsobjekt ist eine kleine kolorierte Zeichnung, eine Nikolausgrußkarte für ’Annelies Kind‘. Dieses Bildchen hat mein Vater 1940 an seine Tanzstundenliebe adressiert, meine spätere Mutter und ist eines der ganz wenigen Zeugnisse, die trotz Krieg und Vertreibung erhalten geblieben sind.

Keyvisual zur Ausstellung: Zeichnung Räuber Hotzenplotz vor blau-weißem Hintergrund, dazu der Ausstellungstitel

Die Staatsbibliothek zu Berlin präsentiert vom 27. Oktober 2023 bis 7. Januar 2024 (Di-So 10-18 Uhr und Do 10-20 Uhr, Eintritt frei) die Ausstellung „Der Mensch braucht Geschichten. Otfried Preußler zum 100. Geburtstag“ im Stabi Kulturwerk (Unter den Linden 8, 10117 Berlin).

Grafik © F.J. Tripp, kol. von Mathias Weber, Thienemann Verlag


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