Eine Frau blättert in einem Buch

Die freie Kunst der Pädagogik

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Carola Pohlmann erhält den Max-Herrmann-Preis für ihre Verdienste als Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek

Es hat lange gedauert, bis sich in Einrichtungen wie der Staatsbibliothek die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass auch Bücher, Graphiken, Illustrationen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendliteratur gesammelt werden sollten – einfach, weil sie es wert sind. Der „Struwwelpeter“ in einer Bibliothek, in der ansonsten die großen Schätze der Weltkultur und des nationalen Kulturerbes liegen und erforscht werden? „Ja, das war eine anspruchsvolle Aufgabe“, erinnert sich Carola Pohlmann: „Dieser Bewusstseinswandel fing nach dem Zweiten Weltkrieg an. Erst dachte man, das sind eben bloß Bücher für Kinder, das ist nichts für die Wissenschaft. Aber allmählich entdeckte man, dass Kinderliteratur eine wesentliche Quelle sein kann, die auf ihre eigene Weise über die soziokulturellen Elemente einer Gesellschaft informiert, von Kulturgeschichte und Geschichte überhaupt bis zu Naturwissenschaften, Technik und pädagogischen Konzepten.“

Porträt einer Frau

Carola Pohlmann ist Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Am 10. Mai 2023 erhält sie den Max-Herrmann-Preis für ihre Verdienste.

Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler

Es war ihr geschätzter Vorgänger Heinz Wegehaupt, der die Sammlung aufbaute und sich bemühte, vor allem historische Kinderbücher anzuschaffen. Mit den bedeutenden Handschriften, Originalillustrationen und Nachlässen ist die Kinder- und Jugendbuchsammlung der Staatsbibliothek inzwischen eine der wichtigsten im deutschsprachigen Raum. Ihr Bestand umfasst moderne und historische Kinderbücher, für letztere ist sie eindeutig die Spitzenreiterin.

Carola Pohlmann weiß genau, wovon sie spricht, schließlich leitet sie seit 1993 die Kinder- und Jugendbuchabteilung. Verbunden ist sie der Institution freilich schon viel länger. Da sie stets eine begeisterte Leserin war, wollte sie dieser Lust auch beruflich folgen. Also begann sie mit 16 Jahren an der Staatsbibliothek eine Lehre als „Bibliotheksfacharbeiter“, wie das 1976 in der DDR hieß. Als Lehrling standen ihr plötzlich deren Türen offen, hinter denen sie beeindruckt und begeistert die „kilometerlangen Gänge durch gesammeltes Wissen“ entlanglief: „Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke!“

Damals sah das Gebäude natürlich völlig anders aus als nach der mittlerweile abgeschlossenen denkmalgerechten Sanierung. Überdies teilte man sich den Platz mit den Bibliotheken der Humboldt-Universität und der Akademie der Wissenschaften, die hier ihre Bestände und Büros hatten. „Alles atmete den rauen Charme der Nachkriegszeit, weil das Geld für die Beseitigung der Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg und für eine grundlegende Renovierung nicht vorhanden war. Doch der Brunnenhof war genauso schön wie heute!“

Parallel zur Lehrausbildung machte sie ihr Abitur, studierte danach Germanistik und Bibliothekswissenschaft in Leipzig und Berlin. „Die Staatsbibliothek hat mich allerdings nie losgelassen“, sagt sie über ihre Erfahrungen im Haus Unter den Linden 8, wo sie gleich nach dem Studium als Fachreferentin für Germanistik angestellt wurde. Abteilungsleiterin wollte sie erst gar nicht werden, aber nachdem ihr Heinz Wegehaupt alles „dermaßen liebevoll beschrieben und ausgemalt“ hatte, schlief sie eine Nacht über den Vorschlag, seine Nachfolgerin zu werden, und bewarb sich auf die Stelle. Ein Glück – für sie und für die Staatsbibliothek.

Eine Frau blättert in einem Buch
Carola Pohlmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler
Eine Frau blättert in einem Buch
Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler
Eine Frau blättert in einem Buch
Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler
Eine Frau blättert in einem Buch
Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler
Eine Frau blättert in einem Buch
Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler
Eine Frau blättert in einem Buch
Aus der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin. Foto: © SPK / photothek / Thomas Koehler

Eine Sammlung zwischen Ideologie, Pädagogik und Kunst

Sammlungstechnisch blieb sie dem bisherigen Schwerpunkt treu, historische Kinderbücher zu erwerben, und setzte konsequent eigene Akzente. Sie erweiterte das Spektrum zum Beispiel um die neuen Formate Comic und Graphic Novel. In all ihrer Bescheidenheit ergänzt Pohlmann, dass sie außerdem „ein bisschen stolz“ sei, die einzelnen Akteur*innen, die sich um die Kinderbuchliteratur verdient machen, enger vernetzt zu haben: Die Staatsbibliothek, die Forschungseinrichtungen, die Autor*innen, die Illustrator*innen, die Verlagsleute. Dazu gesellen sich inzwischen die Kunsthochschulen, mit denen es zu gemeinsamen Projekten kommen kann. Denn obwohl der Kinderliteratur traditionell eine pädagogische Funktion zugemessen wird, hat sie auch das Potential für eine eigene Kunstform. Sie kann ruhig l’art pour l’art sein und sich selbst genügen, meint Carola Pohlmann, sie muss nicht immer erziehen wollen – oder wenn, dann nicht in erster Linie. Gesammelt wird in ihrer Abteilung systematisch beides, das pädagogische, möglicherweise hoch ideologische Buch und das frei verspielte, künstlerisch wertvolle Buch.

Vergessen darf man indes nicht, betont sie, dass Kinderbücher früher nur in sehr kleinen Auflagen erschienen – sie waren für den Alltagsgebrauch bestimmt, nicht fürs Museum, und sie waren wegen der Papier- und Druckkosten teuer. Erst Techniken wie die Lithografie erlaubten die Massenproduktion. Insofern ist es oft eine wundersame Fügung, wenigstens ein einziges Exemplar erworben zu haben. Dazu gehören etwa die Alben „Kinderszenen“ vom Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Version für Mädchen war bereits länger im Bestand der Staatsbibliothek vorhanden, die für Knaben konnte Carola Pohlmann jetzt günstig ersteigern. Dieses Knaben-Album umfasst 12 aufwändig handkolorierte Blätter von Johann Michael Voltz (1784-1858), die nach Kupferstichen 1825 gedruckt wurden. Wie das Mädchen-Album präsentiert es eine idealisierte bürgerliche Welt: „Natürlich ist viel pädagogische Botschaft drin, jedoch hat Voltz auch relativ authentisch abgebildet, wie die Menschen einst gelebt haben und wie sie sich und ihre Wertmaßstäbe sahen. Dargestellt ist das Kinderzimmer mit den Gitterbettchen, dem Spielzeug und den Pflanzenstichen als lehrreichem Schmuck an den Wänden. Es finden Spaziergänge mit den Eltern und ein gemeinsames Mittagessen statt, bei dem der Vater den Braten aufschneidet. Später tummeln sich die Kinder mit Drachen und Militärspielzeug im Freien.“ Kunst und Pädagogik, historische Einblicke und handwerkliche Exzellenz komplettieren sich hier wunderbar.

Über derlei Kostbarkeiten kann man sich regelmäßig in Ausstellungen im Kulturwerk informieren, wie derzeit bei „Play it again – Vom Spielbilderbuch zum Videospiel“. Kuratiert von Christian A. Bachmann ist da zu erfahren, wie Papier und Pixel, Pop-Up-Buch und Spielkonsole zusammenhängen.

Play it again. Vom Spielbilderbuch zum Videospiel

Laufzeit: bis 27.08.2023

Di bis So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr,

Stabi Kulturwerk

Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden 8, 10117 Berlin

Eintritt frei

Auch im digitalen Zeitalter ist das gedruckte Buch gefragt

Und im Herbst wird es eine große Ausstellung zum 100. Geburtstag von Otfried Preußler geben. Sie beruht auf dem umfangreichen Nachlass von über 100 Kisten, die Preußler der Staatsbibliothek als großzügige Schenkung vermacht hatte. Dann wird man sehen können, wie gründlich die Recherchen waren, die Preußler für seine Bücher betrieb, um ihnen höchste Authentizität zu verleihen, und anhand der Typoskripte nachvollziehen können, wie oft er umgeschrieben und korrigiert hat. An „Krabat“ etwa hat er rund zehn Jahre gearbeitet, mit den entsprechenden künstlerischen Änderungen und Neujustierungen.

Das enorme Vertrauen, das Carola Pohlmann und ihre Abteilung in der Szene genießen, hat sich auch mit diesem bedeutenden Nachlass gelohnt. Das Herz geht ihr außerdem auf, wenn sie an die anderen Menschen denkt, die der Institution helfen, ob es Schenker*innen sind, die oft nicht einmal eine Spendenbescheinigung wollen, oder Buchpat*innen, die nicht reich sind, sondern sich einfach wünschen, dass vom Gebrauch abgenutzte Bücher restauriert werden.

Eine besondere private Schenkung neueren Datums war „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“, der erste Band der Harry-Potter-Reihe, der 1997 in geringer Stückzahl erschien und nun als Inbegriff aktueller Kinder- und Jugendliteratur die Sammlung schmückt. Bemerkenswert ist, dass die Bücher von Joanne K. Rowling auch in Zeiten von Computer und Smartphone einen überwältigenden Lesehype auslösten. Überhaupt, sagt Carola Pohlmann, ist Kinderliteratur ein Genre im eher kriselnden Buchgeschäft, das tatsächlich wächst: „Sogar Eltern, die selbst fast nur digitale Medien nutzen, möchten in der Regel, dass ihre Kinder gedruckte Bücher haben. Klar sind Veränderungen in den Publikationen zu konstatieren, die Bildsprache zum Beispiel hat sich weiterentwickelt – und trotzdem überwiegt nach wie vor die Haltung, dass die eigenen Kinder gedruckte Bücher lesen sollen. Insofern mache ich mir um die Zukunft des Kinderbuchs momentan keine Sorgen.“

Für ihre Verdienste um die Kinder- und Jugendliteratur in der Staatsbibliothek erhält Carola Pohlmann am 10. Mai 2023 den Max-Herrmann-Preis. Er ist nach dem 1865 geborenen Theaterwissenschaftler Max Herrmann benannt, der ab 1919 einen Lehrstuhl an der Berliner Universität innehatte. Als Benutzer und Förderer war er der Königliche Bibliothek eng verbunden. Nachdem er 1933 als Jude seiner Professur zwangsenthoben wurde, war er auch seitens der Bibliothek verstärkt Repressalien ausgesetzt. Ende 1942 wurde er ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und verstarb dort kurz darauf. Schon von 1979 bis 1991 wurde mit diesem Bibliothekspreis an ihn erinnert. Seit 2000 wird er vom Verein der Freunde der Staatsbibliothek vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Inge Jens, Klaus Wagenbach und Götz Aly.

Carola Pohlmann ist ein wenig aufgeregt, wenn sie an die hohe Ehre denkt, und vor allem voller Freude – als wirklich und wahrhaftiges Kind der StaBi!


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