Dr. Ewa Dutkiewicz sitzt auf gepackten Koffern – und einer Bohrmaschine. Die begleitet sie auf ihre nächste Ausgrabung in Rumänien. Dutkiewicz ist eine erfolgreiche Forscherin, spezialisiert auf die Altsteinzeit, und Kuratorin am Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin. Wir treffen sie Anfang April in ihrem Büro im Archäologischen Zentrum, die Museumsinsel ist ums Eck. Ein Gespräch über unterschätzte Neandertaler, 40.000 Jahre alte Zeichen und einen Klebstoff, der die Wissenschaft verblüfft hat.

Haben Neandertaler ein schlechtes Image?
Dutkiewicz: Absolut. Dieses Bild des primitiven Höhlenmenschen, der mit einem Umhang aus Bärenfell durch die Gegend streift, wurde durch die frühe Forschungsgeschichte geprägt. Aber auch durch Medien und Filme, in denen grobschlächtige, dümmliche Monster aus ihren Höhlen krochen. Heute wissen wir, dass die Neandertaler unglaublich widerstandsfähig waren. Sie überlebten über 300.000 Jahre, in wechselnden Klimabedingungen, in Kaltzeiten und Warmzeiten. Das ist eine Erfolgsgeschichte. In der Endphase der Neandertaler entwickelten anatomisch moderne Menschen komplexe visuelle Systeme und Sie haben diese Systeme erforscht.
Was steckt dahinter?
Ich habe in Tübingen über Zeichen und Markierungen auf altsteinzeitlichen Objekten promoviert und mit Originalen gearbeitet. Das sind die ältesten figürlichen Kunstwerke der Menschheit. Zum Beispiel das kleine Mammut aus der Vogelherdhöhle, rund 40.000 Jahre alt, aus Mammutstoßzahn geschnitzt. Auf seiner Oberfläche sind regelmäßige Reihen von Kreuzen und Punkten. Oder ein Elfenbeinplättchen aus der Geißenklösterle-Höhle, auf der Vorderseite ein Mischwesen aus Mensch und Löwe, auf der Rückseite gleichmäßige Punktreihen.
War Ihr Ziel, diese Zeichen zu entziffern?
Nein. Wir werden diese Zeichen nicht entziffern können. Wir können den Menschen von damals nicht in den Kopf schauen. Aber was sind die formalen Eigenschaften? Welche Zeichen gibt es? Wie gruppieren sie sich? Auf welchen Objekten kommen sie vor? Kreuze kamen zum Beispiel nie auf menschlichen Figuren vor, nur auf Tieren und Werkzeugen. Das ist keine Zufälligkeit. Da steckt eine Systematik dahinter. Diese Menschen entschieden bewusst, welches Zeichen auf welches Objekt gehörte.
Von diesen visuellen Systemen zur Schrift. Wie groß ist dieser Schritt?
Schrift gilt oft als etwas Monolithisches. Plötzlich schreiben wir und endlich sind wir zivilisiert. Dabei ist Schrift nur ein Zeichensystem unter vielen. Straßenschilder funktionieren ja auch auf Symbolebene. Sie sind kodiert, weltweit lesbar, unabhängig von Sprache. Uns interessierte: Wann entstanden die Grundbausteine von Schrift? Was musste passiert sein, bevor man überhaupt anfangen konnte zu schreiben?
Sie haben über 3.000 Zeichen auf 260 Objekten digitalisiert. Was war Ihr Ansatz?
In Tübingen habe ich meinen Projektpartner Christian Bentz kennengelernt. Er ist Computerlinguist und erforscht, wie viel Information menschliche Kommunikationssysteme tragen können. 2017 haben wir beschlossen, das Projekt gemeinsam zu starten. Wir wollten statistisch vorgehen. Zeichen zählen, kodieren, vergleichen.
Zu welchem Ergebnis kam der Algorithmus?
Wir haben die Daten mit den frühesten Proto-Keilschrift-Tafeln aus Mesopotamien verglichen, das sind Tafeln, die um 3.000 vor Christus entstanden sind. Sie waren statistisch nicht zu unterscheiden. Der potenzielle Informationsgehalt war gleich. Der Algorithmus konnte die beiden Systeme nicht auseinanderhalten. Das heißt nicht, dass sie verwandt sind. Aber die Komplexität ist identisch. Und das war eine wahnsinnige Entdeckung.

Heißt das, über Jahrtausende stagnierte die Entwicklung?
Das Spannende ist, dass dieses System über tausende Jahre konstant blieb. Es entwickelte sich nicht zu einer Schrift. Es hätte sich entwickeln können, die Grundlage war da. Aber die Menschen brauchten es nicht. Wozu brauche ich Schrift, wenn ich mit allen sprechen kann? Schrift wird erst notwendig, wenn es darum geht, größere wirtschaftliche Zusammenhänge festzuhalten. Das war damals noch nicht nötig.
Wie können wir uns die Menschen vorstellen, die diese Zeichen formten? Und die Welt, in der sie lebten?
Wir sind mitten in der Eiszeit. Die Umwelt war geprägt von riesigen Rentierherden, Wildpferden und Bisons. Im Prinzip wie die afrikanische Savanne, nur kalt. In dieser Zeit wanderten anatomisch moderne Menschen nach Europa ein, das noch von Neandertalern bewohnt war. Wir wissen, dass sie sich begegneten, weil wir heute noch rund 2,5 Prozent Neandertaler-Gene in uns tragen. Diese Menschen hinterließen eine enorme Vielfalt an Objekten, zum Beispiel Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein. Aber auch Hunderte von Perlen und Schmuck aus Elfenbein.

Das klingt nach einem radikalen Umbruch. Ist das so?
Ja. Wir nennen es die symbolische Revolution. Es wurde zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens, sich zu schmücken und Musik zu machen. Sehr wahrscheinlich bemalten sich die Menschen, tanzten und erzählten sich mit ihren Ausdrucksmitteln Geschichten. Sie gestalteten Schmuck in bestimmten Formen, immer wieder, ganz bewusst. Und von diesem Zeitpunkt an hörte das nie wieder auf. Alles begann dort.
Und dann ist da noch der Klebstoff. Wie findet man in einer Berliner Sammlung den ältesten Klebstoff der Welt?
Das ist ein Ergebnis meiner Arbeit als Sammlungskuratorin. Wir haben hier in Berlin große Teile von Sammlungen aus Südwestfrankreich. Diese Region ist für Insider der Himmel der Altsteinzeitforschung. Besser geht's nicht. Ich hatte einen Praktikanten, Gunter Möller, der ein Thema für seine Bachelorarbeit gesucht hat. Er hat mit einer kleinen Sammlung von Steinartefakten aus Le Moustier gearbeitet. Und an einer Verbindungsstelle von Stein und Stab fanden wir dann ein winziges abstehendes Stückchen, nicht Holz, nicht Stein. Und ich dachte sofort: Das ist Klebstoff!
Der Neandertaler als Chemiker. Was spricht dafür?
Wir sind mit dem Artefakt im Koffer nach Tübingen gefahren, zu einem Experten. Das war unser einziger Schuss, denn die Probe war verschwindend klein. Unser Restaurator hat in Feinstarbeit nur eine Hälfte davon abgenommen und untersucht. Am Ende war klar, dass es ein Mix aus Bitumen und Ocker ist. Zwei Stoffe, die in der Region von Le Moustier nicht nebeneinander vorkamen. Man musste sie aus weiten Entfernungen zusammenbringen, mischen, und konnte so einen neuen Kleber herstellen. Diese Vorgehensweise hatte man vorher nur modernen Menschen zugetraut, nicht dem Neandertaler.
2024 haben Sie den Klebstoff-Fund in Science Advances veröffentlicht, 2026 die Zeichen-Studie in den PNAS. Zwei der renommiertesten Wissenschaftsjournale der Welt. Das ist bemerkenswert. Was war dafür entscheidend?
Im Fall der Zeichen ist es einfach, wie mein Doktorvater Nicholas Conard immer gesagt hat: Arbeite kontinuierlich weiter. Die Erfolge werden kommen. Diese Publikation ist das Ergebnis von fast 15 Jahren Arbeit. Der Kleber war ein Zufallsfund. Den konnte ich nicht vorhersehen. Aber er macht unglaublich deutlich, wie wichtig es ist, mit unseren Sammlungen in Berlin zu arbeiten. Das sind nicht tote Objekte. Wir verwahren die nicht einfach, um sie zu haben. Wir untersuchen sie. Und wir geben diese Objekte von einer Generation zur nächsten, damit man in Zukunft mit neuen Fragestellungen, neuen Methoden weiterarbeiten kann.Worin liegt für Ihre Forschung der besondere Wert der SPK?
Genau das: die Sammlung. Ich habe in Berlin und mit den Staatlichen Museen den Glücksfall, dass wir fantastische Sammlungen haben. Auch frühe Schriftwerke aus Mesopotamien. Mit der Qualität und Vielfalt der Artefakte kann keine Universität mithalten. Wir kratzen bislang nur an der Oberfläche dessen, was es an Zeichensequenzen auf verschiedensten Artefakten zu finden gibt.
Gibt es ein Artefakt, zu dem Sie persönlich immer wieder zurückkehren?
Ganz klar die Hirschmaske aus Berlin-Biesdorf, rund 11.000 Jahre alt, einer der ältesten von Menschen gefertigten Funde aus Berlin. Es ist der Schädel eines Rothirsches, der ganz sorgfältig bearbeitet und dessen Geweihstangen halbiert wurden. Wahnsinnig viel Arbeit, mindestens zwei bis drei Arbeitstage. Warum hat man das gemacht? Um das Gewicht zu verringern, damit man ihn auf dem Kopf tragen kann. In der Archäologie sagt man ja immer: Was ich nicht verstehe, ist immer ein Ritual. Das ist so ein Witz unter uns. Aber in dem Fall ist es tatsächlich ein rituelles Objekt.
Ihre Koffer und die Bohrmaschine sind gepackt. In ein paar Tagen geht es für Sie wieder zur Ausgrabung nach Rumänien. Was hoffen Sie zu finden?
Eine zentrale Frage ist: Warum tauchten moderne Menschen vor 40.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb auf? Eine Theorie ist der Donau-Korridor. Die Menschen folgten dem Fluss, zogen den Tieren hinterher und gelangten so auf die Alb. Wenn das stimmt, waren sie zuvor in Rumänien. Ein bergiges Land mit vielen Höhlen. Und viele davon sind noch kaum erforscht. Also mache ich das jetzt.

Sie sind Kuratorin, Archäologin, Forscherin, reisen durch Europa und publizieren in den wichtigsten Wissenschaftsjournalen der Welt. Das klingt nach einem vollen Leben. Was hält Sie in Bewegung?
Eine gewisse Sturheit und Neugier. Das ist kein Beruf, mit dem man reich wird. Aber man kann die tollsten Abenteuer erleben. Man muss bereit sein, unausgetretene Pfade zu gehen und die Komfortzone zu verlassen. Ich habe in Berlin angefangen, war in Lyon, habe Französisch gelernt, in Syrien und der Türkei gearbeitet. Das macht so ein Gesamtpaket. Man braucht Beharrlichkeit. Die Ergebnisse kommen nicht immer sofort. Manchmal muss man viele Jahre Arbeit reinstecken.
Lassen Sie uns zum Abschluss ein Gedankenexperiment machen: Wenn Sie einem Menschen aus der Altsteinzeit eine Frage stellen könnten, welche wäre das?
„Darf ich dich ein Jahr lang begleiten?“












































































































































































































