Helden der Niederlage. Die Neuerfindung Preußens zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Artikel

Reformpolitik “in the making”:  Das gerade erschienene Buch Die Helden der Niederlage. Zur Formung des „preußischen Staatsmanns“. Kontinuitäten und Brüche des Reformzeitalters zwischen 1806 und 1820 beschäftigt sich mit den zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Modernisierungsmaßnahmen, die in Preußen nach der Niederlage gegen Napoleon 1806 auf den Weg gebracht wurden. Mitherausgeber Georg Eckert erzählt im Interview von heldenhaften Verwaltungsbeamten und Preußen als einem Zentrum aufgeklärt-liberaler Bürokratie.

Jüngst ist der zweite Band zur Formung des „preußischen Staatsmanns“ erschienen, den Sie gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Groppe von der Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr Hamburg) und Frau Prof. Dr. Höroldt, der Direktorin des Geheimen Staatsarchives Preußischer Kulturbesitz (GStA PK), herausgegeben haben. Wie ist es zu diesem Buch gekommen? 

Eckert: In den letzten Jahren hat sich die Forschung immer mehr auf Akteure konzentriert: nicht nur auf Könige und große Persönlichkeiten, sondern insbesondere auf diejenigen, die das „Tagesgeschäft“ verrichten. Preußen in der Reform- und Vorreformzeit schien uns dafür ein besonders lohnendes Forschungsfeld zu sein. Figuren wie der Freiherr vom Stein oder Hardenberg sind zwar bekannt, aber beim genaueren Hinschauen sowohl auf diese prominenten als auch auf weniger bekannte Akteure zeigt sich das Eigenleben der Verwaltung. Man sieht dabei Reformpolitik „in the making“ und gewinnt ein Gespür dafür, welche Eigendynamiken die Bürokratie aufwies, wie sie tatsächlich funktioniert hat, wer Impulse gesetzt hat – und vor allem: welche Ideen und Mentalitäten ihnen zugrunde lagen.

Eine günstige Gelegenheit ergab sich durch eine Tagung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. Eine schöne Zusammenarbeit entstand zwischen Frau Groppe, die ein großes Projekt zu den Lebensläufen von Reformbeamten leitet, Frau Höroldt, die die Expertise des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz einbrachte, und mir, als ich damals die Professor für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam vertrat. Die Zusammenarbeit lief derart erfolgreich, dass nach der ersten Tagung und dem ersten Band noch eine zweite Tagung am selben Ort und dieser zweite Band mit ähnlichem Aufbau und vielen der gleichen Beteiligten folgen konnten. 

Ausschnitt Archivale: Der Freiherr vom Stein schickt seinen Entwurf zur Reorganisation des preußischen Staates an die königliche Immediat-Kommission mit der Bitte um Prüfung, Memel, 27. November 1807. GStA PK, I. HA Rep. 151, IB, Nr. 1 - Organisation der Staatsverwaltung (Stein und Alten - 1807-1808).

Der Historiker Thomas Nipperdey hat seine Überblicksdarstellung zur deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert mit dem provokanten Satz "Am Anfang war Napoleon" beginnen lassen. In Ihrem Band geht es um Staatsmänner, die nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 zahlreiche politische und gesellschaftliche Modernisierungsmaßnahmen durchgesetzt haben. Was bedeutete die Niederlage von 1806 und was löste sie aus? Wie lässt sich das Verhältnis von Kontinuität und Disruption im sogenannten Reformzeitalter beschreiben?

Eckert: Für viele Akteure war die Niederlage eine willkommene Gelegenheit, längst diskutierte Reformideen tatsächlich umzusetzen. Ihren Adam Smith hatten zum Beispiel viele Beamte gründlich gelesen, aber um ihn auch anwenden zu können, brauchte es den geeigneten Moment. Das war ein wichtiger Befund aus unserem ersten Band – der ja nicht nach spezifischen Politikfeldern gefragt hat, also nach einzelnen Maßnahmen in den zentralen Reformbereichen wie Bauernbefreiung, Städteordnung, Liberalisierung des Gewerbes etc., sondern nach der Grundierung reformerischen Handelns. Im zweiten Band stellten wir uns die Frage: Wie veränderte sich das Kräftefeld nun? Welche Erwartungen weckten und bedienten diejenigen, die jetzt das Heft des Handelns in die Hand nahmen? Welche Profile zeigten die Reformer, über welche Hintergründe verfügten sie – u.a. mit Blick auf spezifische Generationsprägungen, auf Bildung und soziale Milieus? Was für einen Politikstil pflegten die Reformer? Welche Möglichkeiten des Aufstiegs ergaben sich, aber auch: welche Grenzen? Nicht alle Karrieren führten nach oben, manche wählten am Ende auch den Ausstieg – so etwa Friedrich von Raumer (1781-1873), der im Schicksalsjahr 1806 „Sechs Dialoge über Krieg und Handel“ veröffentlichte und sich später als frustrierter Reformer lieber auf Lehrstühle in Breslau und schließlich in Berlin berufen ließ.

Dabei hat sich auch als wichtig erwiesen, wie die sogenannten Reformer sich zu inszenieren wussten und dabei die Hoffnung auf neue „Staatsmänner“ verkörperten. Napoleon war der unverhoffte Antagonist, der die Reformnotwendigkeit in die öffentliche Erzählung einschrieb. Indem der alte preußische Staat kollabierte, verloren die Vertreter traditioneller Lehren ihre intellektuelle Autorität – und genau in diesem Moment erkannten die Reformer ihre Chance, jahrelang geplante Modernisierungsmaßnahmen endlich zu realisieren. Sie erhoben den Anspruch, die nun fällige grundlegende Neuorganisation des preußischen Staates zu bewirken: rational und wissenschaftlich fundiert. Dieser Anspruch war gleichzeitig eine Kulisse, denn so neu war manches nicht. Bei näherer Betrachtung zeigt sich ein komplexes Wechselspiel zwischen Disruption und Kontinuität. Disruptive Maßnahmen wurden bisweilen unter dem Deckmantel von Kontinuität durchgesetzt – und umgekehrt. Einerseits mussten die Reformen ja dem eher zurückhaltenden König schmackhaft gemacht werden, andererseits aber diente eine reformgesinnte breite Öffentlichkeit als Adressat. 

Im Zentrum des Sammelbandes stehen Verwaltungsbeamte – eine Personengruppe, die man nicht auf Anhieb mit Heldentum in Verbindung bringt. Was waren das für Personen? Wodurch wurden sie überhaupt zu Helden? Gibt es etwas, was Sie besonders an ihnen überrascht hat?

Eckert: Den Raum für Heldentum schuf das Vakuum der Niederlage. Die alten Eliten hatten den preußischen Staat offenbar nicht in die Moderne zu führen vermocht, die schon in den 1790er Jahren faßbaren Rufe nach neuen Akteuren fanden nun Widerhall. Ein neues Leistungsethos, das sich etwa zeitgenössischen Bewerbungen selbst um nachgeordnete Anstellungen im Staatsdienst ablesen lässt, trat in den Vordergrund: Nicht mehr die Bindung an den Monarchen war zentral, sondern die Bindung an eine aufklärerische Staatsidee. In Relation zum Monarchen ergab sich zugleich ein wichtiges Merkmal der „Helden der Niederlage“: Friedrich Wilhelms III. zögerliche Politik kann man eine sorgsam abwägende nennen – aber gerade im Kontrast dazu wirkte die kraftstrotzende Entschlossenheit, mit der beispielsweise Stein und Hardenberg auftraten, mutig und geradezu heroisch. Deshalb haben es nicht wenige Verwaltungsbeamte des frühen 19. Jahrhunderts zu Denkmalehren gebracht, auf Augenhöhe mit den Generälen der „Befreiungskriege“.

Überraschend ist das Ausmaß, in dem sich bekannte und weniger bekannte Protagonisten der Reformzeit als Intellektuelle verstanden. Der etwas moderne Begriff ist leicht schief, aber nur leicht, denn die Beamten trafen sich nicht nur in Amtsstuben, sondern auch in Berliner Salons. Sowohl in ihrer eigenen Wahrnehmung als auch in der öffentlichen kam aufgeklärter Rationalität eine besondere Bedeutung zu, ein Vertrauen auf die eigene wissenschaftliche Denkungsart wurde zum Habitus dieser Staatserneuerer. Der Freiherr vom Stein etwa hatte im Bergbau rationales, wissenschaftlich fundiertes Vorgehen erprobt – weil man dort neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaften brauchte; Altenstein wiederum fühlte sich verpflichtet, seine umfängliche Denkschrift mit den wissenschaftlichen Weihen der Philosophie zu versehen; umgekehrt waren es Beamte in der zweiten Reihe wie Christian Friedrich Scharnweber (1770-1822, u.a. Urheber des wichtigen „Regulierungsedikts“) oder Christian Rother (1778–1849, Hardenbergs Spezialist für Finanzen und Wirtschaft), die mit ihrer nüchternen Expertise diejenigen Vorlagen verfaßten, mit denen Akteure aus der erste Reihe wie in diesem Fall Hardenberg sich ins Pathos der großen Erneuerung aufschwangen.

Cover-Bild des Sammelbandes: Das Denkmal Friedrich Wilhelms III. in Köln. (Illustrirter Kalender für 1880. Jahrbuch der Ereignisse, Bestrebungen und Fortschritte im Völkerleben, und im Gebiete der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, Leipzig 1879, Bildtafel 10. Universitäts- und Stadtbibliothek Köln)

Ihr Band beschäftigt sich mit der preußischen Reformzeit, die von Kontinuitäten, aber auch etlichen Brüchen geprägt ist. Die stilisierten Helden dieser Zeit griffen auf aufklärerische Gedanken sowie wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden zurück, um politische und gesellschaftliche Modernisierungsmaßnahmen durchzusetzen. Laut dem Politikwissenschaftler Heribert Münkler leben wir zwar inzwischen in einer postheroischen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund aktueller Krisen – Ukrainekrieg, Wirtschaftskrise, Klimakrise, aber auch im Hinblick auf eine überbordende Bürokratie – ließe sich aber überspitzt fragen: Sollten wir wieder mehr Preußen wagen?

Das Preußen der Reformzeit ist ein idealisiertes: kein militärisch geprägter Obrigkeitsstaat, sondern ein Zentrum aufgeklärt-liberaler Bürokratie. Aber gerade als Ideal hat es etwas für sich – wer träumt nicht von einer reformgesinnten Verwaltung, die ihre Arbeit auf die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft stützt? 

Doch das Erfolgsprinzip jener Zeit – die Verwissenschaftlichung der Verwaltung – zehrt sich in gewisser Weise von selbst auf. In der Reformzeit hat Wissenschaft seinerzeit Komplexität reduziert, indem sie einen rationalen Neuaufbau des Staates auf der Grundlage einiger weniger Prinzipien propagiert hat. Heute produziert Wissenschaft eher Komplexität, weil wir aus lauter Bedachtsamkeit auf mögliche Folgen zögern, manche Schritte zu gehen. Was als Prinzip einst so erfolgreich war, hat unter veränderten Bedingungen seinen innovativen Charakter womöglich eingebüßt. 

„Mehr Preußen wagen“ kann man aber auch anders verstehen: wenn man bedenkt, daß die „Preußischen Reformen“ – unabhängig davon, wie effektiv sie im einzelnen auch waren – bis heute einfach eine gute und deshalb so gerne weitergegebene Erzählung abgeben. Gesellschaften verarbeiten Umbrüche vielleicht besser, wenn jene unter dem Anschein reformerischer Kontinuität statt revolutionären Eifers geschehen. Disruption ist kein Selbstzweck. 


Weitere Artikel zum Thema