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ForschungsFRAGEN: Auf archäologischer Spurensuche in Mexiko

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Iken Paap ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ibero-Amerikanischen Institut. Ihr Fachgebiet ist die Altamerikanistik mit einem Schwerpunkt auf der Siedlungsarchäologie in Mesoamerika. Seit zehn Jahren leitet sie Ausgrabungen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Hier erzählt sie von den Besonderheiten der Grabungsstätten und der spannenden deutsch-mexikanischen Zusammenarbeit.

Menschen posieren vor einem historischen Steingebäude im Dschungel

Dem deutschen Publikum sind eher Ausgrabungen aus dem hiesigen Gebiet oder dem weiteren Mittelmeerraum bekannt. Welche Besonderheiten gibt es in Mesoamerika?

Iken Paap: Die kulturelle Entwicklung Amerikas hat ja bis zur „Entdeckung“ durch Christoph Kolumbus eine von Europa unabhängige Entwicklung genommen, so dass vieles, was uns aus europäischer Sichtweise vertraut ist, für Amerika nicht gilt. In Mesoamerika bewegen wir uns archäologisch im Bereich sogenannter Hochkulturen: der Maya und Azteken. Die Raumkonzeption mesoamerikanischer Städte war eine ganz andere als in Europa oder im Vorderen Orient. Die Kontinuität von Siedlungen, die in der Alten Welt oft aus vorgeschichtlicher Zeit bis in die Gegenwart reicht, gibt es in Mesoamerika sehr viel seltener: im Aztekengebiet bedingt durch die Zäsur der Eroberung und im Mayagebiet durch den zeitlichen Abstand zwischen dem so genannten Kollaps, d.h. der Aufgabe der großen Zentren ab dem 9. Jahrhundert und der Gründung kolonialzeitlicher Städte. Anders als z.B. in Mexiko-Stadt, wo die kolonialzeitliche und die moderne Stadt das vorkoloniale Tenochtitlan überdecken, liegen viele der Maya-Stätten im Süden und Südosten Mexikos frei an der Oberfläche, seit sie verlassen wurden. Dies macht sie für Archäolog*innen einfacher zugänglich, hat sie aber auch über Jahrhunderte allen möglichen zerstörerischen Kräften ausgesetzt, sei es durch Klima und Vegetation, aber auch durch Landwirtschaft oder Raubgrabungen.

Die archäologischen Grabungs- und Analyse-Methoden unterscheiden sich grundsätzlich wenig, unabhängig davon, ob ich in Mesoamerika oder in Europa grabe. Hier spielen eher unterschiedliche Forschungstraditionen eine Rolle, die das Vorgehen der Archäolog*innen prägen. So hat sich in der nordamerikanischen und der mexikanischen Fachtradition z.B. eine andere Herangehensweise an die Klassifizierung von archäologischer Keramik entwickelt als wir sie aus der europäischen Archäologie kennen. In unserem deutsch-mexikanischen Team arbeiten wir daran, die Aspekte der verschiedenen Praktiken miteinander zu verknüpfen. Das ist für alle Seiten sehr bereichernd.

Eine Problematik, die klimatisch – tropisch – bedingt ist, ist das fast völlige Fehlen organischer Funde. Gegenstände aus Holz, Textilien, Leder und ähnlichem sind nur in ganz seltenen Fällen erhalten geblieben. Dadurch muss die Archäologie in Mesoamerika auf einen wichtigen Teil des materiellen Inventars einer Kultur zur Entschlüsselung der Vergangenheit verzichten.

Wenn man europäische und mesoamerikanische Archäologie vergleicht, muss man bedenken, dass wir im Mittelmeerraum und später auch darüber hinaus neben den archäologischen Erkenntnissen zu materieller Kultur schon sehr früh schriftliche Zeugnisse haben, die uns Informationen über viele Aspekte liefern, die eine archäologische Grabung allein nicht erschließen kann. Die mesoamerikanischen Kulturen verwendeten ebenfalls Schriften, über die erhaltenen Monumente erhalten wir allerdings ganz überwiegend Informationen (z. B. genealogische Daten), die Auskunft geben über gesellschaftliche Eliten und kaum etwas über die Alltagswelt der früheren Bewohner*innen aussagen.

ForschungsFRAGEN

Wie restauriert man eigentlich Papier? Woran erkennt man, ob ein Gemälde echt ist? Und wie spielt man denn nun Beethoven richtig? Mit den ForschungsFRAGEN geben wir Ihnen die Gelegenheit, uns Ihre Fragen zu stellen. In jeder Ausgabe des Forschungsnewsletters beantwortet ein*e Wissenschaftler*in aus der SPK ausgewählte Fragen aus der Community zu einem speziellen Thema.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie bei Ihren Ausgrabungen gewinnen können?

Iken Paap: In Santa Rosa Xtampak, dem Ort, an dem wir 2022 mit Förderung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) geforscht haben, ging es erst einmal vor allem darum, eine gesicherte Chronologie zu erarbeiten, d.h. klare Schichtenabfolgen mit den darin enthaltenen Materialien zu dokumentieren und zu datieren. Dies war nötig, weil dort bisher vor allem die erhaltene Architektur konsolidiert und restauriert wurde, es aber kaum archäologisch dokumentierte Grabungen gab. Überraschend war für uns vor allem, dass es in Santa Rosa Xtampak eine sehr viel frühere und dichtere Besiedlung gab, als dies vorher bekannt war: wir konnten jetzt den Bau riesiger Plattformen im monumentalen Zentrum auf 1000 v. Chr. datieren.

Santa Rosa Xtampak gilt seit Beginn seiner Erforschung im 19. Jahrhundert als einer der wichtigsten Orte der klassischen Maya auf der zentralen Halbinsel Yucatán. Durch die Ergebnisse der Grabungen haben wir jetzt eine sehr viel genauere Vorstellung davon, wie vielfältig und weitläufig die Beziehungen der Bewohner dieser Stadt in die Nachbarregionen wie den Petén oder das nördliche Yucatán waren.

Die Feldarbeit gibt uns im IAI die Möglichkeit, vorhandene Bestände, z.B. aus den Nachlässen Eduard Selers und Teobert Malers, vor Ort zu kontextualisieren. So sind die Gebäude, die Teobert Maler 1891 in Santa Rosa Xtampak fotografierte, heute entweder weiter verfallen oder restauriert worden. Die alten Fotos sind für uns als Archäolog*innen eine wichtige Quelle zur Architektur dieses Fundortes.

Ein Mann hebt ein Gefäß aus dem Boden
Bergung eines Keramikgefäßes aus einer rituellen Deponierung. Foto: Proyecto Arqueológico Santa Rosa Xtampak, 2021
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Der dreistöckige Palast von Santa Rosa Xtampak. Foto: A. Benavides Castillo, 2022
Eine Hand hält ein Keramikobjekt
Ein Anhänger in Form einer Kröte, aus einer Meeresschnecke gearbeitet. Beigabe aus einer Kinderbestattung. Foto: Proyecto Arqueológico Santa Rosa Xtampak
Mehrere Menschen stehen um einen Tisch, auf dem Essen steht
Gemeinschaftsverpflegung mit relleno negro: eine regionale Spezialität mit Truthahnfleisch, Ei und gebranntem Chili. Foto: Proyecto Arqueológico Santa Rosa Xtampak, 2022
Menschen posieren vor einem historischen Steingebäude im Dschungel
Das Team 2021. Foto: Proyecto Arqueológico Santa Rosa Xtampak, 2021

Gibt es einen post-kolonialen Aspekt bei Ihrer archäologischen Betätigung in Mesoamerika und wenn ja, welchen? Kooperieren Sie hier mit anderen Einrichtungen?

Iken Paap: Mit unserem Projekt auf der Halbinsel Yuctatán befinden wir uns als deutsche Archäolog*innen im Spannungsfeld zweier sich überlagernder Asymmetrien: wir kooperieren verwaltungstechnisch und wissenschaftlich mit dem nationalen Denkmalamt (Instituto Nacional de Antropolgía e Historia) sowie mit der Universidad Autónoma de Campeche (UAC), es gibt bisher jedoch keinerlei Vorgaben von mexikanischer Seite zur Einbeziehung mexikanischer Wissenschaftler*innen in solche Projekte. Wir versuchen, durch eine gemeinsame Erarbeitung der Forschungsfragen, durch eine Beteiligung mexikanischer Kolleg*innen und Studierender im Feld und in der Auswertung sowie durch eine vorrangig spanischsprachige Publikation unserer Ergebnisse ein Gleichgewicht herzustellen.

Dazu gehört auch, dass wir einen Teil der bisher nur auf Deutsch veröffentlichten Texte Teobert Malers zu seinen Forschungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert ins Spanische übersetzt und frei zugänglich publiziert haben, um sie den Kolleg*innen vor Ort und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Zur zweiten Asymmetrie: Wir arbeiten im Maya-Gebiet, und Indigene sind in den nationalen Institutionen, auch dem INAH, nach wie vor unterrepräsentiert. Im Projekt sind Kolleg*innen sowie Ruinenwächter, Grabungsarbeiter und religiöse Spezialisten präsent, die Maya sprechen. Wir bewegen und üben uns seit Projektbeginn in einem ständigen Dialog hinsichtlich verschiedener Interessen, Sichtweisen, Informationen und gegenseitigen Anregungen, und ich glaube, für alle Seiten ist das spannend. Dies kann die gesellschaftliche Diskriminierung nicht beseitigen, aber wir hoffen, auf diese Weise einen kleinen Raum wechselseitiger Wertschätzung, offener Zusammenarbeit und produktiver Auseinandersetzung über kulturelle und soziale Schranken hinweg zu schaffen.

Wie viel ist dran an populären Mythen über die Maya, wie z.B. den vorausgesagten Weltuntergang?

Iken Paap: Das ist kurz zu beantworten: nichts. Man kann 2012 mit unserer Jahrtausendwende vergleichen und dem Hype, den es seinerzeit auch darum gab. Am 21.12.2012 begann ein neuer Kalenderzyklus, es gibt schlicht keine Prophezeiungen für ein Weltende an diesem Datum. Eine Buchempfehlung für diejenigen, die sich mit dem komplexen Kalendersystem der klassischen Maya näher beschäftigen möchten: Nikolai Grube: Der Dresdner Maya-Kalender: Der vollständige Codex. Freiburg/Basel/Wien: Herder, 2012. Ausleihbar in der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts (Signatur: A 20 / 18106).

Weitere Informationen zum Projekt auf der Projektwebsite "Santa Rosa Xtampak"


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