Plant Matters – Über Pflanzen in Museen und Archiven

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Wie zeigt sich pflanzliches Leben in Sammlungen und Archiven? Die kommende Online- Sonderausstellung Plant Matters – Vegetal Art across Collections des 4A_Lab beleuchtet Geschichten hinter den Kunstobjekten, erzählt von ihren Verflechtungen mit Pflanzen, und schlägt dialogisch Brücken zwischen Kunst, Botanik und Gesellschaft.

Die Komposition einer Edelrose umrahmt von Rosenknospen und zwei prächtigen Nelken verweist auf das bis heute lebendige Erbe einer türkischen Blumenkultur, und ist zugleich eine Metapher für die spirituelle Vereinigung mit dem Propheten.

"Der Name Gottes, der Prophete, Zehn Gebote des Paradieses, und Hilya des Propheten", Manuskript MS Or. Oct. 1602, fol. 48b, Staatsbibliothek zu Berlin.

„…überall eine immense Fülle von Blumen“, berichtete der flämische Gesandte Ghiselin de Busbecq Ende des 16. Jahrhunderts aus der Türkei. Seine Bewunderung für Farbenvielfalt, Schönheit und Sinnlichkeit gilt der  außergewöhnlichen Kultivierung von Blumen, insbesondere der Edelblume „die die Türken Tulpen nennen“ (Augerii Gislenii Busbequii, 1595, S. 34) – ein Liliengewächs, das sich rasant westwärts nach Europa ausbreitete und als Tulpenmanie die Märkte erschütterte. Preisregister, Zuchtbestimmungen und üppig geschmückte Blumenbücher aus dem Osmanischen Reich in den Berliner Sammlungen erzählen vom monetären Wert dieser Pflanzen und der gärtnerischen Hingabe ihrer Kultivatoren. 

Bis heute hat deren Pracht für die türkische Kultur Symbolwert, verdeutlicht 4A_Lab Alumna Melis Taner, Professorin für islamische Kunstgeschichte in Istanbul. Für die kommende Online-Sonderausstellung Plant Matters – Vegetal Art across Collections arbeitete sie, unterstützt vom Team der Staatsbibliothek zu Berlin, mit den Beständen der Abteilung Orient.

Etwas wächst

Pflanzen – gezeichnet, gemalt, gedruckt, fotografiert, geformt, publiziert und gesammelt – erzählen von diesen facettenreichen Verschränkungen zwischen Botanik und Medizin, Gesellschaftsstrukturen und Handelsrouten, Macht und Aneignung, Verehrung und Gemeinschaft. Nicht mehr stille Zeugen, werden Pflanzen zu ‚lebendigen‘ Protagonisten einer sich transformierenden Kunstgeschichte, die neue Fragestellungen an das Material richtet. Die digitale Ausstellung Plant Matters greift dieses Thema auf und fragt: Wie und wo manifestiert sich vegetabiles Leben in musealen Sammlungen und Archiven? Welche Bedeutung haben Pflanzen in Kunst, Kultur und Gesellschaft angesichts weltweiter Umweltveränderungen? 

Teils digitales Display, teils digitale Publikation wird Plant Matters ab Sommer dieses Jahres ausgewählte Forschungsaspekte junger Wissenschaftler*innen des 4A_Lab im Dialog mit Wissenschaftler*innen und Museolog*innen der SPK sowie im Austausch mit weiteren Expert*innen präsentieren. Die Ausstellung wird von Hannah Baader, Programmdirektorin des 4A_Lab, ein Kooperationsprojekt des Kunsthistorischen Instituts in Florenz – Max-Planck-Institut und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Tina Plokarz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, kuratiert. Ziel ist es, eine Brücke zwischen den Disziplinen zu schlagen und im Tandem mit Sammlungsexpert*innen der SPK verborgene Schätze digital erlebbar zu machen. Der kollaborative Forschungsansatz des 4A_Lab wird in Plant Matters kreativ mit interdisziplinären Museumsdialogen und dem Format des ‚Crossover‘ umgesetzt, sowie durch eine umfassende Link-Sammlung botanischer Manuskripte und Bücher ergänzt. Von Paläobotanik bis Agrarwissenschaft, von Gartenkultur bis zu den Rechten der Natur, von Pharmazie bis Designvorlagen – die vielseitigen Themenbereiche geben Einblicke in die Verflechtungsgeschichte von Menschen- und Pflanzenwelten vor und im Zeitalter des Anthropozäns.

Gedrucktes Pflanzenwissen

Vom Perspektivwechsel durch Erkenntnis und Veredelung erzählen nicht nur Tulpen, sondern auch das erste Mikroskopieren von Pflanzen. „Anatomy of Plants“ (1682) von Nehemiah Grew erzeugte eine kleine Revolution unter den Pflanzenphysiologen seiner Zeit. Grews bahnbrechender Sammelband zeigt die bis dato unbekannte Welt des Pflanzenaufbaus, ihrer Anatomie, aber auch der Dynamiken und Mechanismen im Pflanzeninneren. Betrachtet durch die ersten noch recht verschwommen auflösenden Mikroskope, vergrößerte, sezierte und unterteilte Grew Pflanzenteile und übersetzte seine Eindrücke mit Geschick und pädagogischem Verstand in stilisierte Zeichnungen. Das hebt 4A_Lab Alumna Pamela Mackenzie, die jetzt am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte tätig ist, in ihrem Kapitel zur Bedeutung Grews neuartiger Technik hervor. Katrin Böhme, wissenschaftliche Referentin in der Abteilung Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin, präzisiert in ihrem Beitrag: In dieser und anderen historischen Druckschriften zeigt sich das sich wandelnde Interesse an Pflanzen von deren medizinischer Anwendung hin zu ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Im gelehrten Zusammenspiel von gedruckten Schriften und der direkten Arbeit mit Pflanzen etablierte sich die Botanik, wie auch die Überreste einer Weißen Lichtnelke in einem Buch des 16. Jahrhunderts nahelegen.

Der Querschnittskeil eines Sumach-Zweigs in Grews „Anatomy of Plants“ zeigt paradigmatisch die neuartige Methode, mittels derer dieser botanische Prozesse in stilisierten Zeichnungen visualisierte.
Diese gepresste Weiße Lichtnelke – eine Pflanze, die auch in der Heilkunde Verwendung fand – wurde zusammen mit handschriftlichen Anmerkungen im Pflanzenbuch von Galen, in einer Ausgabe von 1525 gefunden.

Forschen, Reproduzieren, Erweitern

Das Studium von Pflanzen, ihre Sammlung, Analyse und Bewertung, verbindet auf vielen Ebenen Botanik und Künste. Auf der Suche nach Alternativen in der Phytotherapie forschen Pharmazeut*innen noch immer in historischen Traktaten, berichteten Apotheker von der Freien Universität Berlin im Experteninterview mit 4A_Lab Fellow Lea Viehweger. Dass ein umfassendes Pflanzenwissen aber nicht nur Spezialist*innen vorbehalten, sondern in der Vergangenheit ein wichtiger Aspekt häuslichen Wissens war, zeigt Viehweger in ihrer Betrachtung deutscher Porträtmalerei um 1500 anhand von Werken aus der Gemäldegalerie.

Später, im frühen 17. Jahrhundert, avancierten gemalte Blumenbouquets in prächtigen Vasen zu einem eigenständigen Genre. Den Fokus auf die Vasen selbst – ohne Bouquets oder Sträuße – verschiebend, erläutert Maren Wienigk, Kuratorin der Sammlung Architektur und Ornament der Kunstbibliothek der SMB, anhand von Druckwerken die Multifunktionalität dieser Kulturobjekte. Als gefüllte Behälter schmückten Vasen nicht nur Innenräume, die sie gewissermaßen mit ‚Leben‘ füllten, sondern gestalteten als leeres Strukturelement Gärten, Architektur und Phantasieräume. Die detaillierte Pflanzenmotivik einer Vase paraphrasierte so die komplexe Verflechtungsgeschichte der Künste mit realen Pflanzen. 

Die Silhouette von Stefan Böttger gespiegelt vor der historischen Sammlung am Institut für Pharmazie der Freien Universität Berlin. Im Vordergrund links steht das Herbarium eines Maiglöckchens (Convallaria majalis L.). Der Wissenschaftler und sein Kollege Matthias Melzig berichten, von der bis heute ungebrochenen Bedeutung von Pflanzen in der Pharmazie. Aufnahme beim Besuch der Sammlung, Mai 2025. Foto 4A_Lab.
Inmitten einer mediterranen Idylle zeichnet ein eleganter Mann eine Vase. Der Zeichner konzentriert sich auf die Verzierungen – er malt nicht den Naturraum, sondern den Kulturgegenstand. Stefano della Bella, Mediceische Vase in einem Garten, 1656, Druck, OS 888 aufg., 919845, Kunstbibliothek.

Perspektivwechsel

Zunächst noch als Vorbilder für Kunsthandwerk und Design gesammelt, waren Pflanzenfotografien schon im frühen 20. Jahrhundert keine simple Knipserei mehr, erläutert Christine Kühn, Kuratorin der Sammlung Fotografie, Kunstbibliothek. Mit künstlerischem und technischem Geschick wurden Pflanzen als Protagonisten in Szene gesetzt. Deutsche Fotograf*innen der 1920er Jahre waren von abstrakten Formen exotischer Pflanzen fasziniert, während argentinische Publikationen indigene Pflanzenarten als nationale Vorbilder zelebrierten, verdeutlichen 4A_Lab Alumna Julieta Pestarino und die ehemalige SPK-Volontärin Friederike Eden, und zeigen so die unterschiedlichen Bedeutungen der Pflanzenfotographie in Europa und Südamerika. Welche Rechte jedoch der Natur als Subjekt zukommen, geht Daniel Bonilla Maldonado, Experte für Rechte der Natur an der Universidad de los Andes in Bogotá im ‚Crossover‘ nach. 

Mehr zur digitalen Ausstellung Plant Matters – Vegetal Art across Collections und dem Begleitprogramm zum Launch folgt.

Die Ausstellung knüpft an Diskussionen an, die während der 4A_Lab Academy 2024 geführt wurden.


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