„Ohne uns ist KI dumm“Talk zu digitaler Souveränität auf der Museumsinsel

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Künstliche Intelligenz eröffnet für Museen, Archive und Kulturschaffende ungeahnte Möglichkeiten – und wirft zugleich die Frage nach Abhängigkeit, Kontrolle und digitaler Souveränität auf. Eine Abendveranstaltung von SPK, Deutschem Kulturrat und 3sat erkundete das Thema jüngst in der Diskussion.

Kulturerbe gibt es heute digital auf Abruf, KI-Assistenten beraten beim Shopping wie bei der Auswahl des Kulturprogramms am Wochenende, und welches Kunstwerk vom Menschen und welches von der Maschine geschaffen wurde, lässt sich fast nur noch mit Vorbildung bestimmen. In einer Welt, die zu 50 Prozent online stattfindet, sind Digitalisierung und künstliche Intelligenz naturgemäß bestimmende Themen unserer Zeit – aber „Sind wir im Kulturbereich eigentlich noch digital souverän?“ 

Diese Frage stellte sich am vergangenen Donnerstag eine ganze Reihe von Fachleuten aus Politik, Wissenschaft und Kulturbereich im Rahmen eines Talk-Abends in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. Eingeladen hatten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Deutsche Kulturrat und 3sat. Mit dabei waren auch Vertreter der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB), die mit ca. 65 Millionen Digitalisaten von Kulturgütern und 800 teilnehmenden Institutionen einer der größten Player im Bereich digitales Kulturerbe in Deutschland ist.

Das Spannungsverhältnis zwischen ungeahnten neuen Möglichkeiten durch KI auf der einen und mehr Abhängigkeit, Kontrollverlust und inhaltlichen Gefahren auf der anderen Seite war das bestimmende Motiv des Abends. Schon im Grußwort von Gero Dimter, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Vorstandssprecher der Deutschen Digitalen Bibliothek, klang diese Gleichzeitigkeit an: Einerseits biete die DDB bereits eine verlässliche Dateninfrastruktur, die sich einer rasant wachsenden Nachfrage durch KI-getriebene Wissensgenerierung gegenübersehe; andererseits wüchsen damit auch die Herausforderungen, sich nicht in Abhängigkeit zu einigen US-Großkonzernen zu begeben, sondern selbst starke und verlässliche Modelle zu entwickeln. „Digitale Souveränität bedeutet: handlungsfähig und gestaltungsfähig zu bleiben“, so Dimter. „Dazu brauchen wir auch im Kulturbereich zukunftsfähige und öffentlich verantwortete Dateninfrastrukturen.“

 „Kultur ist der Code unseres Zusammenlebens“

In seiner Keynote für den Abend betonte auch Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, wie wichtig es sei, Kunst als Raum für gesellschaftliche Aushandlung, als Ort für Selbstreflexion und auch für Streit zu schützen. „Kultur gibt uns Identität, ist der Code unseres Zusammenlebens“, so der Minister, „jede Generation schreibt ihn weiter und erneuert ihn“. Umso wichtiger sei es, genau zu unterscheiden, wo der Mensch und wo die Maschine die Verantwortung trägt und den Prozess steuere. „Wir müssen neuen Formen mit Neugier begegnen, aber es muss auch klar sein, wo die Verantwortung liegt und wessen Rechte zu beachten sind“, so Wildberger. Digitale Souveränität, besonders im Kulturbereich, hieße demnach nicht Deutungshoheit, sondern Deutungsfreiheit.

Für Bund, Länder, wissenschaftliche Einrichtungen und Kreativwirtschaft identifizierte Wildberger drei zentrale Aufgaben für die Zukunft: Unser kulturelles Gedächtnis digital zugänglich zu machen und für neue Formen der Vermittlung zu öffnen; die Menschen, die Kultur schaffen, mit fairen und klaren Regeln zu stärken; und schließlich offen für neue kulturelle Formen zu sein und die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie bei uns entstehen können – also eigene Kompetenzen in Deutschland und Europa aufzubauen.

Diskussion mit Fachleuten aus allen relevanten Bereichen

Nach dieser Einstimmung begann die Talkrunde des Abends. Unter der Moderation von Cecile Schortmann (3sat Kulturzeit) diskutierten Philipp Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bundeskanzleramt, Awet Tesfaiesus, Sprecherin für Kultur und Medien der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, Dr. Elisabeth Böhm, Geschäftsführerin digiCULT-Verbund eG, Prof. Dr. Jürgen Döllner, Fachgebietsleiter Computergrafische Systeme am Hasso-Plattner-Institut, Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und Dr. Martin Breuer, Leiter Geschäftsstelle Deutsche Digitale Bibliothek.

Das spannende Gespräch streifte trotz der zeitlichen Beschränkung auf eine Stunde wichtige Fragen rund um die digitale Souveränität in Zeiten der KI: Von gesellschaftlicher und künstlerischer Freiheit und deren Sicherung über die Frage der Finanzierung und den Umgang mit den beachtlichen Gewinnen, die mit KI erwirtschaftet werden, bis hin zu den Funktionsprinzipien der KI und der Notwendigkeit von verlässlichen Förderungsmodellen und langfristigen Perspektiven im Kulturbereich.

Guter Wille oder politischer Druck?

Immer wieder wurde, besonders in der Diskussion zwischen Philipp Amthor und Awet Tesfaiesus, deutlich, dass Chance und Risiko im Bereich der KI und des digitalen Raumes nah beieinanderliegen. Für den CDU-Mann Amthor sind individuelle Verantwortung und ein freier Markt wesentliche Treiber für einen guten Umgang mit den Herausforderungen und einen Weg hin zu mehr digitaler Souveränität. Für die Grüne Awet Tesfaiesus reicht guter Wille nicht, um teils drängende Probleme zu lösen, wenn etwa Kulturschaffende befürchten, ihre Jobs an KI zu verlieren, oder Einrichtungen von Kürzungen bedroht sind, die wichtiges Kulturerbe wie z. B. das deutsche Filmerbe bewahren und teilweise nicht die Mittel für eine rechtzeitige Digitalisierung ihrer analogen Bestände haben. Amthor betonte die Chancen der technologischen Entwicklung, wenn z. B. durch Effizienzgewinne mit KI Gelder in der Verwaltung eingespart werden könnten, die dann der Kulturförderung zugutekämen. Gleichzeitig will er aber auch als Konservativer nicht die Unternehmen aus der Verantwortung entlassen, einen Teil ihrer Gewinne im digitalen Sektor wieder zurückzugeben. Das sei aber komplex und ein europäisches und internationales Thema, denn es gelte auf internationaler Ebene zu verhindern, dass sich Unternehmen in einem globalen Markt dem Zugriff durch nationales Recht entziehen.

Auch die Frage von Tesfaiesus, ob es wirklich besser sei, wenn man die Abhängigkeit von US-Anbietern überwinde, um sich dann deutschen Großunternehmen auszuliefern, sorgte für spannende Diskussionen. Immerhin, so Amthor, seien deutsche Unternehmen auch den deutschen Regelungen unterworfen und somit verlässlicher als die US-Anbieter.  Der Hinweis von Tesfaiesus, dass es ja eine Entscheidung sei, ob Mittel zur Förderung da seien oder nicht und auch welche Quellen man bereit sei anzuzapfen, blieb indes ohne Erwiderung. 

Ohne Kontext verblödet die KI

Aber jenseits von politischen Diskussionen hielt der Abend auch andere sehr spannende Eindrücke bereit. So konnte der Computerwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Döllner immer wieder sehr anschaulich erklären, wie die KI-Modelle eigentlich funktionieren und warum sie auf bestimmte Weisen handeln.

„Es gibt eine Dependenz zwischen KI und Mensch“, so der Wissenschaftler. Wenn KI nicht Zufluss von menschengemachtem Kontext habe, verblöde sie zwangsläufig, weil ihre nach Wahrscheinlichkeiten agierenden Auswahlmechanismen zu einem immer geringeren Pool an möglichen Antworten führen würden. „Das ist die große Chance für uns Menschen: Die KI braucht uns, sonst hat sie sehr schnell keine Inhalte und keinen Bezug zur Wirklichkeit mehr“, so Döllner. Dem Einwand von Olaf Zimmermann, dass andererseits aber auch kein Mensch wirklich wisse, wie die KI-Modelle funktionieren und dass darin auch ein großes Risiko liege, entgegnete Döllner, es sei durchaus üblich, Systemen zu vertrauen, die man nicht versteht, wenn sie nachweislich gut funktionierten – wie etwa beim Auto. Im Übrigen zeigte er sich optimistisch, dass mit einem zu erwartenden Abflachen der Innovationskurve – irgendwann sind die großen Erfindungen gemacht und es folgen eher kleinere Verbesserungen etablierter Systeme – auch wieder kleinere und lokale Player zum Zuge kämen, die diese Systeme nachhaltiger und behutsamer weiterentwickeln könnten.

© SPK/ Photothek, Felix Zahn
Philipp Amthor im Gespräch © SPK/ Photothek, Felix Zahn
Gesprächspanel in der James-Simon-Galerie © SPK/ Photothek, Felix Zahn
Elisabeth Böhm, Geschäftsführerin digiCULT-Verbund im Gespräch © SPK/ Photothek, Felix Zahn
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats © SPK/ Photothek, Felix Zahn
Philipp Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bundeskanzleramt, Moderatorin Cecile Schortmann (Kulturzeit, 3sat), Elisabeth Böhm, Geschäftsführerin digiCULT-Verbund, Awet Tesfaiesus, Sprecherin für Kultur und Medien der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Natalie Müller-Elmau, Senderchefin 3sat, Gero Dimter, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Vorstandssprecher der DDB, Prof. Christian Höppner, Präsident Deutscher Kulturrat, Martin Breuer, Leiter der Geschäftsstelle der DDB, Jürgen Döllner, Fachgebietsleiter Computergrafische Systeme am Hasso-Plattner-Institut © SPK/ Photothek, Felix Zahn

Neben der Diskussion der gesellschaftlichen Risiken der KI ging es immer wieder auch um die Frage, wer von den Inhalten der deutschen Kultureinrichtungen profitiert und wie man diese Inhalte nicht nur schützen, sondern auch für die hiesige Kulturszene nutzen kann.

Olaf Zimmermann wies – fast schon marxistisch – darauf hin, dass digitale Souveränität kaum zu erreichen sei, solange man nicht die Produktionsmittel für die digitale Wertschöpfungskette besäße. Nur so könne man sicherstellen, dass die Ersteller von Inhalten und Daten auch an den Gewinnen beteiligt werden. Gleichzeitig, so Zimmermann weiter, würde die Digitalisierung nicht immer billiger, sondern immer teurer, da man Digitalisate ständig auf dem neuesten Stand halten müsse.

Martin Breuer sagte in dem Zusammenhang: „Es ist klar, dass wir unsere Daten auch als Trainingsdaten für kommerzielle Systeme zur Verfügung stellen. Auf der anderen Seite müssen wir auch unsere eigenen Systeme hier in Deutschland und Europa aufbauen und dürfen unsere Daten nicht nur den anderen zur Verfügung stellen.“ Es sei schließlich ein riesiger, gut gepflegter Datenschatz, auf dem man sitze, betonte Breuer – ein Pfund, mit dem man durchaus auch wuchern kann.

Elisabeth Böhm konnte derweil wunderbar mit einigen Praxisbeispielen die teils abstrakten Diskussionspunkte illustrieren, etwa mit dem Beispiel des Mahler Chamber Orchestra, das bereits ganz souverän mit digitaler Technik umgehe: So hat das Orchester z. B. mit Mitschnitten der eigenen Konzerte experimentiert und bietet nun dank neuer Technologie den Zuhörer*innen digital an, ein Konzert aus der Perspektive des Orchesters wahrzunehmen. Wer wollte nicht schon einmal wissen, wie sich ein Orchesterstück für den Flötisten oder die Blechbläserin anhört?

Insgesamt hat die lebhafte Diskussion und auch die anschließenden zahlreichen Publikumsbeiträge gezeigt, dass Chance und Herausforderung im Bereich digitaler Daten und KI gleichzeitig entstehen. Digitale Souveränität existiert an manchen Stellen schon, an anderen muss sie wohl noch erkämpft werden und braucht die Hilfe von großen Playern wie der Bundesregierung. In jedem der besprochenen Felder aber zeigte sich, dass Karsten Wildberger in seiner Keynote recht behielt, als er sagte: „Wir müssen den Mut haben, entstehen zu lassen, was wir heute noch nicht kennen.“

(Dieser Text wurde mit Hilfe von KI erstellt.) 

 


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