Was erzählen Stimmen, die vor mehr als 100 Jahren am Kilimanjaro aufgenommen und nach Berlin gebracht wurden? Die Aufnahmen von Elisabeth Seesemann im Ethnologischen Museum werden heute gemeinsam mit der Wachagga-Gemeinschaft erforscht. Im Zentrum steht eine Provenienzinitiative, die koloniale Sammlungsgeschichte aufarbeitet und neue Formen der Rückverbindung schafft.

Zwischen 1906 und 1909 nahm eine Lehrerin der Leipziger Mission etwas auf, das damals kaum jemand für bewahrenswert hielt: Alltagslieder, Klagegesänge und Hochzeitsverse der Wachagga am Fuße des Kilimanjaro. Elisabeth Seesemann (1869-1957) dokumentierte systematisch Musik und Dichtung einer Gesellschaft im Umbruch – sie schickte mehr als 86 Wachszylinder, sogenannte Phonogramme, mit über 68 verschiedenen Liedern nach Berlin. Mehr als hundert Jahre später liegen diese Aufnahmen im Phonogramm-Archiv der Medienabteilung des Ethnologischen Museums in Berlin – und werden nun zum Ausgangspunkt eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts, das Provenienzforschung und Rückverbindung zur Ursprungsgemeinschaft neu zusammendenkt.

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum
Ein Archiv voller Frauenstimmen
Was die Sammlung besonders macht, ist ihr Themenspektrum: Ehe, Beschneidung, landwirtschaftliche Arbeit, Krieg, Politik, aber auch Märchen und lokale Ereignisberichte. Auffällig viele Aufnahmen drehen sich um weibliche Erfahrungswelten – Ängste vor der Beschneidung, vor der Ehe, vor dem Übergang in die Familie des Mannes. Für den Kimamba-Dialekt der damaligen Zeit sind die Aufnahmen ein sprachliches Zeitfenster, das es so kaum noch anderswo gibt.
Doch die Sammlung wirft auch unbequeme Fragen auf. Die Aufgenommenen lebten unter kolonialen Machtverhältnissen – wie frei war ihr Gesang wirklich, wie sehr war er schon auf ein europäisches Ohr hin gestaltet? Und: Wussten die Sängerinnen und Sänger überhaupt, was mit ihren Stimmen später geschehen würde? Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt – aber genau das macht die Provenienzforschung hier so notwendig.

Vom Zufallsfund zur Gemeinschaftsinitiative
Bis 2024 wusste am Kilimanjaro niemand von diesen Aufnahmen. Das änderte sich, als Hartmut Andres die Ashira-Pfarrei besuchte, um über Seesemanns Arbeit zu berichten. Aus einem anschließenden, von der Leipziger Mission finanzierten Workshop mit Ashira-Ältesten entstand die Idee zum heutigen Projekt – einer gemeindebasierten Provenienzinitiative, die von Anfang an auf Augenhöhe mit lokalen Stakeholdern arbeitet.
Im Zentrum steht ein bewusst egalitärer Ansatz: Alle Beteiligten sollen mitreden können, wenn es um Sensibilität und die Rehumanisierung von immateriellem, Kulturgut aus kolonialen Kontexten geht, das derzeit in Deutschland verwahrt wird. Eine Erkenntnis aus der bisherigen Arbeit: Übersetzung bedeutet hier weit mehr als sprachliche Präzision – sie verlangt kulturelles Fingerspitzengefühl.
Wer beteiligt ist – und wohin die Reise geht
Gemeinsam bringen Hartmut Andres und Albrecht Wiedmann aus Deutschland sowie Dr. Valence Silayo aus Tansania die Aufnahmen und ihre Hintergründe der Gemeinschaft näher. In nur sechs Monaten Projektlaufzeit ist bereits viel passiert: Archivrecherchen an mehreren Standorten in Deutschland, dazu ein Feldbesuch von Dr. Silayos Team am Kilimanjaro, das Nachforschungen zu den Texten der aufgenommenen Lieder anstellte.
Im August steht nun der Höhepunkt des Projekts bevor: Die Teams aus Deutschland und Tansania teilen ihre bisherigen Forschungsergebnisse mit Mitgliedern der Community und entscheiden gemeinsam über die nächsten Schritte. Geplant ist, die digitalisierten Materialien im Marejesho Research and Information Centre für die Region zugänglich zu machen. Bis zum Projektende im Oktober 2026 sollen zentrale Ergebnisse und Ausschnitte der Seesemann-Sammlung zudem auf einer mehrsprachigen Webseite – auf Englisch und Kiswahili – verfügbar sein.





































































































































































































































