Das gabs noch nie – weil es wohl auch noch nie so nötig war: SPK und andere Kultur- und Bildungseinrichtungen veranstalten einen Demokratietag
Das Inselfest anlässlich des 200. Jubiläums der Museumsinsel Berlin soll ein Volksfest sein – insofern war es nur passend, dass SPK und Mitstreiter am zweiten Festtag, nämlich Sonntag dem 7.6., erstmalig die Demokratie feiern. Denn Volk gehört zur Demokratie wie die Freiheit – und hoffentlich auch weiterhin umgekehrt, denn an der Legitimität der Demokratie wird derzeit weltweit gesägt, perfiderweise gerade auch mit post-faktischen Freiheitsbegriffen und Manipulation des Volkes.
Auf jeden Fall war die Freiheit beim Demokratietag allgegenwärtig: Viel war die Rede von der Freiheit, zu wählen, von der Freiheit, die nicht selbstverständlich ist, die es immer wieder zu erkämpfen gilt und von der Meinungsfreiheit. Letztere wird ja oft mit der Behauptung „dass man ja gar nichts mehr sagen dürfe“ als gefährdet hingestellt, um seine gerne demokratie- und menschenfeindlichen Aussagen als freiheitskämpferischen Akt dann doch noch in die (sozialmediale) Welt zu blasen und so zu legitimieren. Wie also damit umgehen?
Die nächste Generation zeigte beim Demokratietag, wie sie aussehen kann, die hohe Kunst der freien Rede in der Debatte, bei der man mit anderen Meinungen konstruktiv umgeht und so die Meinungsvielfalt stärkt: und zwar im 2001 von der Hertie-Stiftung gegründeten Programm „Jugend debattiert“. Eine Debatte ist nämlich mehr als die Bezeichnung eines Wortgefechts kochender Gemüter – Debatte bezeichnet eigentlich ein strukturiertes Gespräch nach Regeln, inklusive Zuhören und Ausreden lassen.
Und die vier jugendlichen Alumni machen vor, wie es geht und debattieren zwei vs. zwei, ob die Aussetzung der Wehrpflicht doch besser rückgängig gemacht werden solle. Trotz des Bedrohungsszenarios eines möglichen russischen Angriffs tun sie dies respektvoll, mit klaren Argumenten, gegenseitigem aufeinander Eingehen und dem Märchen von den drei kleinen Schweinchen: Was tun, wenn die Hütte brennt? Ist die Wehrpflicht eher die Taktik von Schweinchen Schlau, auf Stein gebaut zu haben oder einfach eine uneffektive Holzhammermethode? Das Publikum darf am Ende mit abstimmen und gibt in der Mehrheit dem Team Contra Recht – es zeigt sich, dass das hier praktizierte „Darüber sprechen“ auf jeden Fall ein Baustein für eine freundliche demokratische Kultur ist.
Das nächste Panel, veranstaltet von der „Berlin Freedom Week“, beginnt mit dem Camus-Zitat, dass Freiheit kein Zustand sei, sondern ein ständiger Kampf um sie. Und mit der iranische Dissidentin Neda Soltani, Frank Ebert, dem SED-Diktatur-Aufarbeitungsbeauftragten, und der belarussischen Aktivistin im Exil Sophija Savtchouck unterhalten sich hier drei Personen, die erlebt haben, welche fatalen Auswirkungen die Abwesenheit von Demokratie auf die Freiheit hat – so berichtet letztere von banal scheinenden Sachen, wie der Möglichkeit, weiße und rote Kleidung zu tragen, ohne deswegen festgenommen zu werden (es sind die Farben der belarussischen Opposition) oder elementarer, der Abwesenheit von Angst.
Für Neda Soltani ist dies das Recht auf Selbstbestimmung – und das Protestieren für dieses Recht auf Selbstbestimmung, ohne festgenommen, gefoltert, vergewaltigt, ermordet zu werden. Frank Ebert, der sich als Bürgerrechtler für die friedliche Revolution 1989 eingesetzt hat, sagt dann auch, dass Freiheit die Grundvoraussetzung für Demokratie sei – und dass viele Deutsche den Wert von Freiheit vergessen haben und damit einhergehend den Wert der Demokratie, weswegen der Tag der Demokratie wichtig sei. Die Runde stimmt darin überein, dass es in leichten Zeiten einfacher sei, ein*e Demokrat*in zu sein, denn Demokratie ist lange, harte Arbeit.
Dieser harten Arbeit will sich das nächste Panel der Stiftung Hambacher Schloss stellen, indem es eine Kontroverse zur Frage „Wem gehört Schwarz-Rot-Gold? Bedeutung und Grenzen des Patriotismus“ anstößt. Leider fehlt mit Düzen Tekkal die migrantische Stimme, da diese leider kurzfristig absagen musste, dafür springt Frank Ebert wieder ein und so gibt es immerhin eine ostdeutsche Perspektive. Dank der Stiftung Berliner Mauer war diese übrigens schon im ersten Gespräch auf der Bühne, als es um das Aufwachsen im Schatten der Mauer ging – auch heute, wo gern mal die gesamte Demokratiefeindlichkeit in den Osten der Republik verlagert wird, gilt es, daran zu erinnern, dass Westdeutschland die Demokratie sozusagen geschenkt bekam, während Ostdeutschland sie erkämpfen musste.
Zurück zum Panel und eine weiteren Geschichtsauffrischung: Das Hambacher Fest anno 1832 war die Geburtsstunde der deutschen Fahne (damals übrigens gern auch noch gold-rot-schwarz geschwungen wie historische Abbildungen des Ereignisses zeigen). Der Austragungsort Hambacher Schloss gilt seitdem als deutsches Freiheitssymbol und Schauplatz früher Demokratiebestrebungen – trotzdem versuchen diverse eher undemokratische Gruppierungen es zu vereinnahmen, so wurde beispielsweise aus dem AfD-Umfeld 2019 der Versuch eines „neuen Hambacher Fests“ gestartet.
Mit Crawford Matthews kommt ein weiterer Verantwortlicher eines Ortes der deutschen Geschichte, der gern mal von Hyperpatriot*innen vereinnahmt wird, zu Wort – in diesem Fall ein naturgemäß vereinnahmter Ort, handelt es sich doch um das Leipziger Völkerschlachtdenkmal, ein 1913 eröffneter kolossaler Bau, der unter anderem die ebenso kolossalen Tugenden der Deutschen darstellt: Tapferkeit, Glaubensstärke, Opferbereitschaft, Volkskraft – mit Hilfe derer sie die Befreiungskriege gegen Napoleon ab 1813 entschieden haben sollen (wobei es leider die wirklichen Faktoren wie die Beteiligung russischer, österreichischer und schwedischer Truppen unterschlägt).
Matthews hat nun als Kurator unter anderem die Aufgabe, auszustellen, was uns diese Tugenden 2026, also zwei Weltkriege, eine faschistische Diktatur, eine DDR-Diktatur und eine friedliche Revolution später zu sagen haben, hat aber als schottischer Ex-Rugbyspieler und Historiker die nötige professionelle Distanz zu seinem Sujet – und genügend Abstand zu der vom Panel als sehr deutsch empfundenen Debatte um den Patriotismus (Frei nach den Goldenen Zitronen „Was sollen die Nazis raus aus Deutschland, was hätte das für einen Sinn? Die Nazis können doch nicht raus – denn hier gehören sie hin“).
Das Panel debattiert den Patriotismus anhand des Sommermärchens 2006, als endlich wieder deutsche Fahnen ausgepackt werden durften – was aus Sicht von den Anwesenden, „Boomern“ und Gen-Z-Vertreterin gleichermaßen, als befreiend empfunden wurde – stellt sich die Frage nach einer neuen Deutschlandhymne und einer neuen Flagge (brauche man beides eher nicht). Julia Ruhs, besagte Gen-Z-Vertreterin, wettert gegen die Regenbogenfahne und „Splittergruppen“ wie Frauen, die mit ihren Forderungen nach Gleichberechtigung den Patriotismus stören und erzählt kichernd von den netten Leuten in den Studentenverbindungen, die irgendwie ein unbefangeneres Verhältnis zur Fahne hätten.
Diese erwartbare Sicht wird dann aber vom Panel gedreht, indem die gerade aufgemachte Dichotomie Patriotismus vs. Identitäten mit dem Hinweis, dass Patriotismus verschiedene Identitäten verbinden könne, in Konsens gebracht wurde. Die Frage ist ja auch, inwiefern Patriotismus selbst identitätspolitisch aufgeladen wird. Dann, als schon die Akteurinnen des Schwulen Museums für das nächste Event, dem Livezeichnen der queeren Museumsinsel durch die Künstlerin gabi garland, die Treppen des Auditoriums hinabsteigen, gibt Julia Ruhs einfach keine Ruh und befindet erneut, dass schwarz-rot-gold vielfältig genug sei und Regenbogenfahnen nicht mehr gehisst werden sollten.
Das ist gelebtes Aushalten verschiedener Stimmen und passt sehr gut zu dem Demokratie-Parcours, den die Bertelsmann Stiftung im Löwenfoyer aufgebaut hat: „Es gelten verschiedene Stimmen statt nur einer Wahrheit“ ist dort zu lesen und die Besucher*innen können abstimmen, ob sie den Aussagen „Ich spreche gerne mit Andersdenkenden“ und „Vielfalt ist eine Stärke der Demokratie“ zustimmen vor allem aber auch, ob sie das Gefühl hätten, mit der eigenen Stimme etwas bewirken zu können – und tatsächlich antworten die meisten dreimal mit „Ja“, was zuversichtlich stimmt.
Ebenfalls im Löwenfoyer stand das Mitmach-Quiz-Rad der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, wo Besucher*innen ihr Wissen in puncto Demokratiegeschichte auf den Stand bringen und testen– und vor allem ins Gespräch kommen konnten, denn Austausch und Diskussion sind wichtiger Teil der Demokratiebildung.
Erneuter Ortswechsel und es wird künstlerisch: Auf der Bühne im Kolonnadenhof gibt sich die künftige Kaiserringträgerin Gabriele Stötzer, der im Sommer 2026 überdies eine Einzelausstellung im Gropius-Bau gewidmet wird, die Ehre. Gemeinsam mit ihrem „Ensemble für Intuitive Musik“ baut Stötzer ein Wort-Klang-Gerüst zum Thema Freiheit. Während ihre drei Freunde mit Trompete, Harmonium und Cello einen leicht dissonanten und trotzdem nicht unharmonischen, einen etwas ungemütlichen aber trotzdem meditativen Klangteppich webten, sitzt Gabriele Stötzer, die als DDR-Dissidentin viele Jahre in Stasi-Haft saß, auf ihrem Stuhl und wartet geduldig darauf, das Wort zu erheben.
Sie hebt zuallererst den Wert der Freundschaft und des Zusammenseins hervor, denn „Demokratie hat man nicht alleine.“ Dann zitiert Stötzer Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, fragt in weiteren assoziativen Sequenzen, wo die Freiheit geboren sei, vergleicht sie mal mit der Musik, die alles durchdringe, auch Mauern, in Ekstase versetze, berichtet mal von der allgegenwärtigen Freiheit, die sich sogar unter dem Tisch eines Oligarchen verstecke und wiederholt in jeder Wortsequenz, die Freiheit sei „jeden Mannes Geliebte, jeder Frauen Frucht“.
Dann versammeln sich die Leiter*innen der beteiligten Einrichtungen auf der Bühne zum Schlusspanel – und es wird Tacheles geredet und zwar im akustischen Gegenwind-Modus, denn leider läuten ungefähr ab der Hälfte die Glocken über der Hohenzollerngruft im Dom sehr laut: Auf die Frage, wie gefährdet die Demokratie sei, gibt es eher pessimistische Antworten, die pessimistischste von Birga Meyer, Geschäftsführerin des Schwulen Museums, die sagt, dass das veränderte, härtere Klima, das mit dem Rechtsruck einhergeht, aus Sicht der marginalisierten Gruppen wie Queeren, Migrant*innen oder Transpersonen, bereits sehr deutlich spürbar ist. Und trotzdem haben alle Hoffnung, dass etwas getan werden kann, um die Demokratie zu retten – beispielsweise könnte die schweigende Mehrheit anfangen zu reden und das Lob der Demokratie zu singen.









































































































