Die Spur der Bücher

Artikel

Eine verlorene Bibliothek, ein hingerichteter Historiker und eine Rückgabe, die weit über Eigentumsfragen hinausgeht: 1942 beschlagnahmen die Nationalsozialisten die Bibliothek von Marc Bloch und seiner Frau Simonne Vidal. Acht Jahrzehnte später halten ihre Urenkel sieben der Bücher wieder in den Händen. Eine Spurensuche in drei Kapiteln.

Kapitel I: 1. Mai 1910, Paris

Es ist ein unscheinbares Buch, das Marc Bloch an diesem Sonntag im Mai in seine private Bibliothek aufnimmt. Roter Einband, schmaler Rücken. Arnold van Genneps Studie über Übergangsriten ist reine Forschungsliteratur und optisch schlicht. Aber korrekt, wie der 23-Jährige Bloch es mag, schreibt er seinen Namen in die Ecke einer vorderen Seite, dazu das Datum. Gewissenhaft notiert er im Buch dann noch den Namen des Autors phonetisch so, wie man ihn in Französisch aussprechen würde. Es ist eine Geste fast zärtlicher Aneignung. Marc Benjamin Leopold Blochs ordentliche Art zu sagen: Dieses Buch gehört mir.

Jahrzehnte später, da ist er schon einer der bedeutendsten Historiker des 20. Jahrhunderts, behält Bloch dieses Ritual bei. In seiner Ausgabe von Ignazio Silones Novelle Fontamara findet sich sein Namenszug und das Datum März 1935. Aber dieses Exemplar erhält noch ein Exlibris, mit dem seine Frau Simonne Vidal und er Bücher mit „veritas vinum vitae“ kennzeichneten: Die Wahrheit ist für das Paar also der Wein des Lebens. Und dazu zählt für beide auch Silones Antikriegsliteratur über arme Bauern im faschistischen Italien. Wie viele Bände ihre Bibliothek umfasste, wissen wir nicht. Schätzungen schwanken zwischen 3.000 und 7.000 Büchern in Französisch, Italienisch, Deutsch, Englisch. Ein Mix aus Wissenschaft und Literatur.

In Paris füllten die Bücher und sechs Kinder die Wohnung der Vidal-Blochs in der Rue de Sèvres 17. Ab 1936 war diese Adresse die Heimat der Familie. Bloch hatte gerade den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an der Sorbonne erhalten und für ihn seine Professur für Mittelalterliche Geschichte in Straßburg verlassen. Nur drei Jahre später tauscht er den Frieden der Wohnung und des intellektuellen Diskurses gegen die Front und die Armee ein und kämpft bis zur Niederlage Frankreichs im Juni 1940 als Offizier. Mit den antisemitischen Gesetzen des Vichy-Regimes verliert Bloch seine Stellung an der Sorbonne. Die Familie wird aus Paris verdrängt, die Wohnung von den deutschen Besatzern beschlagnahmt. Vergeblich versucht Bloch, die Bibliothek unter Schutz zu stellen. Im Dezember 1942 übernehmen die Besatzer die Bibliothek inklusive der Forschungsnotizen. Bloch schreibt daraufhin einen Brief an den Bildungsminister und protestiert, dass er mit der Bibliothek sein Arbeitsinstrument verloren habe. Das Typoskript des Briefes, das erhalten ist, trägt weder Datum noch Unterschrift. Ob er den Brief je abgeschickt hat? Auch das wissen wir nicht.

Was wir wissen? Dass er danach den Kampf wählte, nicht das Exil. 1943 geht er in den aktiven Widerstand und schließt sich in Südfrankreich einer Résistance-Gruppe an. Drei Jahre zuvor hatte er bereits in der Étrange Défaite geschrieben, was ihn umund antreibt: Frankreich bleibe, komme was wolle, die Heimat, aus der er sein Herz nicht entwurzeln könne. Ein Satz, der umso mehr wiegt, weil ihn ein Mann formuliert, dem diese Heimat gerade die Menschen- und Bürgerrechte entzieht. Am 8. März 1944 verhaftet ihn die Gestapo in Lyon. Wochenlang wird er verhört und gefoltert. Am 16. Juni 1944 wird er mit 27 anderen Résistants erschossen. Er ist 57 Jahre alt. Simonne stirbt kurz danach schwer krank.

Die Bibliothek hatte da längst ihre eigene Reise begonnen. Vermutlich wurde sie nach Berlin gebracht, wahrscheinlich zum Sonderstab Bibliotheksaufbau der Hohen Schule der NSDAP. Ab Herbst 1943 lagerte der zuständige NS-Bibliothekar die Berliner Bestände nach Ratibor in Oberschlesien aus, als Schutz vor den alliierten Bomben. Bücher aus Paris kamen dort nachweislich im Januar 1944 an. Als die Rote Armee vorrückte, ging ein letzter Transport weiter nach Schloss Tanzenberg in Kärnten. Die Kisten wurden nie inventarisiert. Die Spur der Bücher hat sich längst verloren.

Kapitel II: 28. Mai 2026, Berlin

Es ist ein heißer Sommerabend, als Michaela Scheibe die kleine Bühne in der Französischen Botschaft in Berlin betritt. Hinter ihr ein Tisch mit sieben Büchern aus der Bibliothek von Simonne Vidal und Marc Bloch. Darunter auch Genneps Studie und Silones Novelle. Vor ihr ein deutsch-französisches Publikum aus Politik und Kultur, zwei Schulklassen. Und in der ersten Reihe Matis und Alexiane Bloch, Urenkel von Simonne und Marc. Nach dem Krieg hatten sich bereits ihre Eltern, Tanten und Onkel um die Rückgabe der Bibliothek eingesetzt. Zwischen 1948 und 1950 erhielt die Familie insgesamt 2.144 Bände zurück.

Am Auffinden der sieben Bände hat Michaela Scheibe mitgearbeitet. Die Bücher werden an diesem 28. Mai am Pariser Platz an Matis und Alexiane Bloch übergeben. Scheibe ist die stellvertretende Leiterin der Abteilung Handschriften und Historische Drucke der Staatsbibliothek zu Berlin. Seit 2004 beschäftigt sie sich mit NSRaubgutforschung.

Marc Bloch ist ihr als Mediävistin inhaltlich nah. Das Grundproblem ihrer Arbeit: Es gibt keine Titelliste der konfiszierten Bibliothek, keine Inventarnummer. Alice Bloch, die älteste Tochter, schrieb schon 1948: „Die Anzahl der Bücher ist zu groß, als dass ich die Titel aus dem Gedächtnis angeben könnte."

Also sind Michaela Scheibe und ihr Team zu Expertinnen im Abtauchen geworden: Buch für Buch arbeiten sie sich durch die Altbestände und suchen Seite für Seite nach Spuren, die ehemalige Besitzerinnen und Besitzer hinterlassen haben. Namenseinträge und Exlibris wie bei Bloch, Notizen, Briefe, personalisierte Lesezeichen. Gezielt gesucht wird über den Dienstkatalog der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände. Bei Bloch konzentrierte sich das Team auf französische Titel bis 1945 und prüfte jedes Exemplar physisch.

Die sieben Bücher tauchten in drei verschiedenen Institutionen auf: in der Staatsbibliothek zu Berlin, der Universitätsbibliothek Frankfurt und der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz. Einige gelangten bereits kurz nach dem Krieg in deren Bestände, andere erst Jahrzehnte später über Umwege der Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände der DDR. Dass sie einst Marc Bloch und Simonne Vidal gehörten, ließ sich erst durch Namenseinträge, Exlibris und andere Provenienzmerkmale nachweisen. Es ist eine komplexe Spurensuche. Bei van Genneps Formation des légendes von 1910 fanden sich im Katalog gleich drei Karteikarten, mindestens zwei Exemplare. Welches das richtige war, musste erst ermittelt werden. In einem der Frankfurter Exemplare wurde der Stempel des „Offenbach Archival Depot“ gleich zweimal überklebt.

Doch nicht nur Bücher müssen gefunden werden, auch die dazu passenden Menschen. Die Erbermittlung, sagt Michaela Scheibe, sei oft ein internationales Geflecht. Im Fall von Bloch habe die französische Restitutionskommission CIVS jahrelang hinter den Kulissen gearbeitet. Auf Wunsch der Erbinnen und Erben gehen die sieben Bücher an die Halphen-Bibliothek der Sorbonne. Eine feierliche Übergabe an die Nachkommen gehört nicht zum Alltag von Michaela Scheibe, sie sei extrem besonders. „Unsere Arbeit bekommt selten so eine Aufmerksamkeit.“ Normalerweise kehren Bücher mit der Post zu ihren rechtmäßigen Eigentümer*innen zurück.

Ob sie die Rückgabe der sieben Bloch-Bücher befriedigt? Ja, sagt Michaela Scheibe. „Aber ehrlich gesagt finde ich es auch sehr spannend, wenn wir Bücher von Menschen finden, die man überhaupt nicht kennt. Die keine große Sammlung hatten. Bücher von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, von Sozialisten, Kommunisten, Menschen aus der Arbeiterbewegung, die alle Opfer des Nationalsozialismus wurden. Wenn man von ihnen ein Buch findet, in dem ihr Name steht, kann man sie plötzlich mit ihrem ganzen Schicksal sichtbar machen. Mit ihrem ganzen Leben, ihrer Deportation oder ihrer Ermordung. Man kann sagen, dass das ihr Leben war und das ihr Buch. Diese Art des Sichtbarmachens können eigentlich nur Bibliotheken, weil diese Menschen selten hochrangige Kunst besaßen, aber eben Bücher.“

Aktuell hat die Staatsbibliothek noch 500 weitere Provenienzen in der Bearbeitungs-Warteschleife. Fünf bis sechs Fälle schafft das Team pro Jahr.

Kapitel III: 23. Juni 2026, Paris

Im November 2024 kündigte Emmanuel Macron an: Marc Bloch zieht als erster Historiker ins Panthéon ein, der nationalen Ruhmeshalle Frankreichs in Paris. An seiner Seite Simonne Vidal. Welcher Bloch wird am 23. Juni geehrt? Die Frage stellte nicht nur die FAZ. Der Patriot, der in zwei Weltkriegen kämpfte? Der Historiker, der mit der Zeitschrift Annales d'histoire économique et sociale eine neue Form der Geschichtsschreibung begründete? Der jüdische Franzose, dem Vichy die Rechte entzog? Der Résistance-Kämpfer? Sein Urenkel Matis Bloch gibt bei der Rückgabe der sieben Bücher eine sehr persönliche Antwort: „Marc Bloch, der Experte für Deutschland und Historiker für die europäischen Gesellschaften, war Europäer. Aus freien Stücken. Der Marc Bloch, der Opfer dieser Enteignung wurde, wurde ebenfalls zum Europäer gemacht. Mit Gewalt." Und dann: „Mit Marc Bloch, so möchte ich glauben, werden auch Europa und die deutsch-französische Freundschaft am 23. Juni ins Panthéon aufgenommen."

François Delattre, Frankreichs Botschafter in Berlin, sagt: „Marc Bloch lehrt uns, dass das, was wir für selbstverständlich halten – Frieden, Grundrechte, pluralistische Demokratie – in Wahrheit zerbrechliche, auslöschbare Errungenschaften sind." Wachsender Antisemitismus, Nationalismus, Angriffe auf Institutionen und Wahrheit, Bloch hat das alles schon einmal beschrieben, mit einem Scharfsinn, der als Maßstab taugt.

Ins Panthéon kommt ein Mann, der keine Repräsentationsbibliothek hatte, sondern Bücher, in die er seinen Namen schrieb. Der Frankreich liebte und Frankreich kritisierte. Der Europa dachte, als es noch keine europäische Idee gab.


Weitere Artikel zum Thema