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Vom Zufall in die VitrineDie Comickünstlerin Powerpaola entdeckt die Fanzines-Sammlung des IAI

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Im Lesesaal des Ibero-Amerikanischen Instituts (IAI) ist noch bis zum 13. April 2024 die Ausstellung „Yo siempre estoy lejos. Fanzines y cómics latinoamericanos atravesando fronteras“ (Übers. Ich bin immer weit weg. Fanzines und Comics aus Lateinamerika überschreiten Grenzen) zu sehen. Diese Ausstellung kam auf besondere Weise zustande. Dorothea Köhler (Bibliothekarin im IAI) erzählt, wie.

Zufälle des Lebens – eine Ausstellungseröffnung der Kunstbibliothek

An einem Abend im November 2023 trafen zwei Bibliothekarinnen des IAI auf der Eröffnung der Ausstellung „Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten“ am Kulturforum die Comickünstlerin Powerpaola. Sie gehört zu den renommiertesten Comiczeichnerinnen Lateinamerikas und die Bibliothek des IAI hat ihr gesamtes Werk im Bestand. Grund genug, die Künstlerin ins IAI einzuladen. Zunächst war nur das Signieren der Werke anvisiert, aber schnell wurde im Kollegium entschieden: Wir möchten Powerpaola zu einer Veranstaltung einladen.

Ein gemeinsamer Prozess – Künstlerin, Forscher und Bibliothekarinnen arbeiten mit den Beständen

Seit Langem war es den Bibliothekarinnen ein Anliegen, eine Veranstaltung für das IAI zu konzipieren, die die junge hispanophone Community in Berlin anspricht und einbezieht und darüber hinaus Einblicke in die vielfältigen Bestände der Bibliothek vermittelt. Der Aufenthalt von Powerpaola im Rahmen ihrer Gastprofessur im Wintersemester 2023/24 am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin bot dafür eine optimale Gelegenheit.

Neben zahlreichen Veranstaltungen und Workshops auf Deutsch und Englisch sollte es so auch eine Veranstaltung mit der Künstlerin auf Spanisch geben, und zwar am IAI: im Rahmen eines Gesprächsabends sollten ein*e Forscher*in zusammen mit der Künstlerin gemeinsam erarbeitete Ergebnisse aus der Arbeit mit den Beständen des IAI präsentieren. Amadeo Gandolfo, ein in Berlin lebender Comicforscher und ehemaliger Stipendiat des IAI, stellte dafür den idealen Gesprächspartner dar.

Der Weg ist das Ziel

Powerpaola und Amadeo Gandolfo waren von der Idee begeistert und begaben sich zur Vorbereitung auf das Gespräch auf eine regelrechte Forschungsreise durch die Bestände des IAI. Ab Januar 2024 kamen sie regelmäßig zur Sichtung im Lesesaal zusammen. Daraus ergab sich ein fruchtbarer Austausch zwischen Künstlerin, Forscher und Bibliothekarinnen. Über die Recherche und Sichtung der Bestände eröffneten sich allen Seiten neue Perspektiven.

Den Arbeitsprozess beschreibt Powerpaola so: „Es war eine tolle Erfahrung. Amadeo und ich haben uns zusammengesetzt, um die Materialien der Bibliothek zu sichten. Die Kolleg*innen im IAI hatten einiges für uns zusammengestellt. Amadeo hatte Material bestellt, das ich nicht kannte, und ich bestellte auch Sachen, die er nicht kannte. Ich fühlte wieder diese Leidenschaft für selbstproduzierte Publikationen, die Bedeutung des Kollektivs und des Handgemachten.”

In kurzer Zeit trugen sie umfangreiche Materialien zusammen und schnell wurde klar, dass dies im Anschluss an die Veranstaltung in einer Ausstellung im Lesesaal präsentiert werden muss. Die Ausstellung besteht aus sieben Vitrinen, u.a. zu den Themen Arbeiten im Kollektiv und Feminismus, sowie mit regionalem Fokus auf Brasilien und die Andenregion.

Die Vitrine zur Andenregion ist von besonderer Bedeutung: Auch eine weitgereiste gut vernetzte Künstlerin wie Paola kann von unseren Beständen noch überrascht werden. So sagte sie uns, dass sie insbesondere die ecuadorianische Szene zuvor nicht auf dem Radar hatte.

Populärliteratur in der Sammlung der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts

In der Tat ist die Sammlung von Fanzines und Comics am IAI etwas Besonderes. Sie ist einem der Sammelschwerpunkte der Bibliothek des IAI geschuldet, systematisch Populärliteratur aus Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal zu erwerben. So erläutert Christoph Müller, Stellvertretender Direktor der Bibliothek: „Neben der wissenschaftlichen Literatur aller Disziplinen aus und zu den Ländern der Regionen werden auch Kulturzeitschriften, sogenannte Kioskliteratur und populäres Kleinschrifttum sowie seit Anfang der 2000er Jahre auch systematisch Comics und (Fan)zines aus diesen Regionen erworben.“

Wie der Erwerb dieser Materialien vonstattengeht, interessierte auch Powerpaola. Bereits in der Gesprächsveranstaltung drückte sie ihre Bewunderung darüber aus, dass so außergewöhnliche Materialien von einer deutschen Bibliothek in Lateinamerika überhaupt gefunden und erworben werden.

So sagt sie über die Zine- und Comic-Sammlung des IAI: „Ich bin beeindruckt von dem vielfältigen und schwer erhältlichen Material, das es in der Bibliothek gibt. Ich verstehe immer noch nicht ganz, wie es kurzlebige Fanzines, die auf spezialisierten Messen in kleinen Orten in Lateinamerika verkauft werden, hierhergeschafft haben. Es erscheint mir unglaublich.“

Wie Christoph Müller erläutert, spielt beim Erwerb dieser einzigartigen Materialien die internationale Arbeit der wissenschaftlichen Bibliothekar*innen der Bibliothek die entscheidende Rolle. Sie fahren direkt in die Länder, erwerben dort für die Bibliothek auf Buchmessen und Buchläden und treffen auch Produzent*innen populärkultureller Literatur.

So ist über die Jahre neben der wachsenden Sammlung ein großes Wissen über den Erwerb und auch ein weit verzweigtes Netzwerk entstanden. Komplementiert werden diese Erwerbungsaktivitäten durch die Kooperationen mit Buchhändlern in den Regionen, die gemäß der Vorgabe der Bibliothek eben auch Zines und Comics erwerben. Mit Stolz sagt Christoph Müller, dass „auf diese Weise in der Bibliothek des IAI über Jahrzehnte eine der umfangreichsten Sammlungen dieser Materialien aus Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal aufgebaut worden ist.“

Fanzines in einer wissenschaftlichen Bibliothek – zugänglich für alle

Wer Lust bekommen hat, die einzigartige Sammlung selbst zu entdecken, ist herzlich willkommen. Fanzines und Comics stehen allen angemeldeten Nutzer*innen uneingeschränkt zur Verfügung und sind über den IAI-Katalog recherchier- und bestellbar.

Wie die Fanzines in den Katalog kommen, erklärt die Bibliothekarin Charlotta Andersson. So betont sie, dass das Katalogisieren von Fanzines echte Detektivarbeit erfordert. Denn im Unterschied zu „normalen“ Büchern mangelt es oft an Angaben zur Veröffentlichung wie Verlag, Erscheinungsort und Jahr, die sonst bei den meisten Büchern zum Standard gehören. „Manchmal ist es sogar schwer zu deuten, was genau der Titel ist und wer hinter der Publikation steckt. Man muss definitiv nach versteckten Anhaltspunkten suchen. Verbirgt sich irgendwo doch eine Jahresangabe? Wird auf einen Social-Media-Kanal verwiesen, wo eventuelle weitere Informationen zu finden sind?“ Für Charlotta Andersson macht genau diese zusätzliche Recherchearbeit das Katalogisieren von Fanzines und Comics so reizvoll und spannend.

Wie sinnvoll und wichtig diese „Mehrarbeit“ auf Bibliotheksseite ist, verdeutlicht Powerpaola. Sie hebt hervor, dass Bibliotheksbesuche ihr Interesse für diese Kunstrichtung erst geweckt haben: „Um besondere Sachen zu entdecken, muss es jemanden geben, der diese Materialien erwirbt, katalogisiert und in einer Bibliothek zur Verfügung stellt“.

Für seine weitere Arbeit konnte das IAI viel aus dem Projekt lernen. Von den Mitarbeiterinnen selbst als Grassroots-Projekt initiiert, hat es dem Institut neue Zugänge geöffnet, den eigenen Bestand zu präsentieren. Das Projekt hat gezeigt, wie wichtig es ist, digitale und analoge Präsentationsräume für die Breite der Bestände zu schaffen und in diesem besonderen Fall die Künstler*innencommunity zu involvieren und aktivieren.

Das alles war nur durch die direkte und enge Arbeit mit den Nutzer*innen der Bibliothek möglich. Durch Gespräche und Austausch können aktuelle Themen und Entwicklungen wahrgenommen und kollaborativ in Veranstaltungs- oder Ausstellungsformaten umgesetzt werden.


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