Es muss nicht immer Papier sein: Im Forschungscampus Dahlem zeigt die Ausstellung „ErzählStoff“, wie Geschichten und Gedichte auf unterschiedlichsten Materialien vermittelt werden können. Sie werden Ihren Augen nicht trauen!
Es war die große US-amerikanische Autorin Joan Didion, die einmal schrieb: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ Dabei scheint es egal zu sein, ob die Geschichten, die erzählt werden, schriftlich fixiert sind, aus Knochen gelesen, gezeichnet, in Matten geflochten wurden. Geflochten? Gibt es das auch? Aber sicher. Welche Formen sich die Menschheit geschaffen hat, um einander und um kommenden Generationen Dinge mitzuteilen, die sie für wertvoll hält, zeigt nun die Ausstellung „ErzählStoff. Neue Perspektiven auf Literatur“ im Forschungscampus Dahlem. Aufs wesentliche konzentriert und sehr besucher*innenfreundlich aufgebaut, zeigt sie sechs verschiedene Positionen. Dabei wird der Blick weit über das gedruckte Wort hinaus gerichtet und öffnet den Horizont für andere Formen der poetischen Artikulation und des Wissenstransfers. Der Begriff Literatur, wie er hier verstanden wird, geht von Objekten aus verschiedenen Bereichen und Jahrhunderten aus. Der Ansatz ist, wie im FC Dahlem üblich, interdisziplinär, und die Ausstellung ein Projekt des Instituts für Museumsforschung, des Ethnologischen Museums / Museums für Asiatische Kunst sowie des Exzellenzclusters Temporal Communities der Freien Universität Berlin. Abgerundet wird die Ausstellung mit zahlreichen Veranstaltungen, Workshops und Events für die ganze Familie. Die Erläuterungen zu den Stationen sind alle nach dem gleichen Muster gegliedert, was es erleichtert, sie zu begreifen und miteinander zu vergleichen. Da das nach Plänen von Wils Ebert und Fritz Bornemann 1965 bis 1973 erbaute Foyer nicht als Ausstellungsraum geplant war, kann es auch nicht entsprechende Standards erfüllen. Insofern werden wegen der klimatischen Bedingungen nicht Originale, sondern Reproduktionen ausgestellt, mitunter aus dem 3D-Drucker. Und deshalb kann man manche Objekte anfassen oder sich in eine Koje direkt neben die Objekte hineinsetzen.

Orakelknochen entziffern, zwischen Paravents diskutieren
Den Anfang in diesem Parcours der Erzählweisen machen die ältesten Objekte der Ausstellung, die Orakelknochen. Im Ethnologischen Museum in Berlin befinden sich 486 von ihnen. Sie sind über 3000 Jahre alt und sollten einst helfen, in die Zukunft zu schauen - ob es dabei um familiäre Angelegenheiten ging, den Verlauf des Wetters oder militärische Vorhaben. Was in unserer Zeit Tarotkarten oder die Technik des Pendelns sind, waren im alten China vor allem Schildkrötenpanzer und Rinderschulterblätter. Aus ihnen lasen die Wahrsager alle möglichen Antworten, indem sie diese an bestimmten Stellen erhitzten und die auf diese Art entstehenden Risse interpretierten. Die Inschriften gehören zu den logographischen Schriften, bei denen Zeichen bestimmte Begriffe darstellen. Der vollständige Vorgang der Wahrsagung wurde am Schluss mit Bronze- oder Jadesticheln dokumentiert und sozusagen archiviert. Davon profitiert die Wissenschaft bis heute und kann mit ihrer Hilfe die frühe chinesische Schrift erforschen.

Man braucht nur ein paar kleine Schritte zur nächsten Station zu gehen, um eine ganz andere Form der Kunst des Erzählens kennenzulernen: „Die Geschichte vom Prinzen Genji“ gilt als erster romanartiger Text und wurde zwischen 1004 und 1011 in Japan von der adeligen Dichterin Murasaki Shikibu verfasst. In 54 Kapiteln und mit mehr als 500 Figuren erzählte sie von dem jungen, lebenslustigen Prinzen Hikaru und wie es ihm am kaiserlichen Hof erging. Das Besondere daran ist unter anderem, dass nicht nur die Ereignisse geschildert wurden, sondern überdies die innere Verfasstheit der Personen, ihre Gedanken und Gefühle. Das Originalmanuskript ist verloren gegangen, aber es existieren historische Abschriften und zahlreiche bildnerische Adaptionen, unter anderem auf prächtigen Stellwänden. Diese Paravents, zwischen die man sich in der Ausstellung auf Tatamis setzen kann, schufen früher in größeren Räumen einen privaten Bereich für Kommunikation und Debatte. Sie zeugten natürlich auch vom Wohlstand ihrer Besitzer, wie etwa durch die großzügig aufgetragene Goldfarbe, welche die Gemälde inhaltlich wie statusmäßig aufwertet.

Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst / Jürgen Liepe CC BY-SA 4.0
Gedichte auf Palmblättern und als Töne der Lüfte
Als eine Art bildnerische Anverwandlung von Sprache könnte man ebenfalls die Flechtmatten von der ostafrikanischen Swahili-Küste bezeichnen. Sie heißen mikeka und werden aus den Blättern der Senegalesischen Dattelpalme meist von Frauen hergestellt. In feine Streifen geschnitten, werden diese geflochten – um nicht nur farblich ornamental zu leuchten, sondern eben auch, um damit in arabischer Sprache Gedichte zu vermitteln. Dass sich durch die Materialität der Matten Uneindeutigkeiten in der durch sie umgesetzten Sprache ergeben können, gilt als eines der wichtigsten rhetorischen Mittel in der (oralen) Swahili-Literatur. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts sind solche mikeka im Lamu-Archipel (an der Nordküste des heutigen Kenia) nicht mehr erzeugt worden. Doch dann kam es im Rahmen des Projekts „Talking Mats: Intervowen Histories“ („Sprechende Matten: Verwobene Geschichten – Menschen verbinden“) zu einer transregionalen und transdisziplinären Kooperation zwischen dem Ethnologischen Museum Berlin und den National Museums of Kenya. Sie führte schließlich zu einer Wiederbelebung dieser Tradition und so sind bereits neue „literarische Flechtmatten“ kreiert worden. Das Ergebnis liefert zugleich ein anschauliches Beispiel für eine innovative Form der Kooperation zwischen Museen und internationalen Parter*innen, die im Projektcluster „CoMuse: Das Kollaborative Museum“, entwickelt werden.
Knochen, Paravents, Palmblätter: Das sind sehr ungewöhnliche Stoffe, auf denen uns die Träume, die Geschichten der Welt begegnen. Manchmal sogar einfach als Töne in der Luft: Denn es gibt hier auch gesungene Poesie aus Indien zu entdecken, wie die Dhrupad, deren Ursprünge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen und die in Hindu- und Sikh-Tempeln aufgeführt wurden. Geschrieben zumeist auf indischem Papier und ausgerichtet auf religiöse Texte, haben sie einen melodischen Rahmen und einen rhythmischen Zyklus und werden von verschiedenen Instrumenten begleitet. Eine Hörstation vermittelt direkte akustische Impressionen.
Anhand der Exponate wird so nicht nur die Vielfalt des Erzählens deutlich, sondern es werden auch unterschiedliche Aspekte der objektbasierten Forschungen im Museum evident: Von der Musikethnologie über die kollaborative Forschung in der Ethnologie und die Geschichte der Kunst Asiens bis hin zur Gegenwart.
Zeitgenössische Positionen bis zur Balkanroute
Einem religiösen Kontext entspringen überdies die Sutras, die Buddhas Lehre in Schriftform festhielten. Sie wurden oft kalligraphisch aufwendig und mit kostbaren Materialien wie Goldtusche oder Seidendamast hergestellt. In „Die Reise nach Westen“, einem der vier klassischen Romane der chinesischen Literatur, wird von einem Mönch berichtet, der Schriften Buddhas aus Indien nach China bringen soll. Geschrieben im 16. Jahrhundert, brachte es das opulente Werk 2018 sogar zu einer Serienadaption bei Netflix. Die Sutras inspirieren bis heute auch Künstler*innen, wie man im Humboldt Forum sehen kann. Dort schuf der 1968 geborene Landschaftsmaler Lin Haizhong im Auftrag des Museums für Asiatische Kunst eine künstlerische Antwort auf das fünf mal zehn Meter große Seidengemälde „Buddhapredigt“, das der Hofmaler Ding Guangpeng 1770 angefertigt hatte und das im Humboldt Forum eine ganze Wand einnimmt. Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich so zu einer neuen Geschichte über die Räume und Zeiten hinweg.

Eine ganz aktuelle Position des Storytellings zeigt die Künstlerin Reem Helou. Sie ist 2015 mit zwei Freundinnen aus Syrien nach Deutschland geflüchtet und hat diese beschwerliche Reise mit Handy-Fotos und Texten aufgezeichnet. Daraus entstand „Die Balkanroute“, eine so eindrucksvolle wie bewegende Graphic Novel, die nun auf arabisch, deutsch und englisch erscheinen soll. Noch sucht Helou dafür einen Verlag für ihr sehr gelungenes Projekt: Mit feiner Feder und viel Humor, mit dem präzisen Blick für die unterschiedlichen Situationen und mit lebendiger Distanz zu den wenig angenehmen Umständen und Personen auf dieser Tour. Da diese Graphic Novel auf arabisch, Reem Helous Muttersprache, geschrieben wurde, hat sie sich entschieden, deren Leserichtung – von rechts nach links – auch in den Übersetzungen beizubehalten, weil dies genau die Bewegung der Figuren auf der Balkanroute ist: Von Osten nach Westen. Natürlich hat man inzwischen viel über die große Fluchtbewegung 2015 gelesen und gesehen. Hier jedoch spricht eine der Geflüchteten selbst, deren Devise mit ihren Freundinnen war: Angesichts der strapaziösen Aufgaben könnten sie nur aufgeben oder Witze machen! Sie haben sich für letzteres entscheiden. Das gibt diesen Blättern immer wieder eine heitere Leichtigkeit, die das Thema nicht unbedingt erwarten ließe. In einer Abfolge sehr unterschiedlicher Formen der Narration ist es eine von zeitgenössischen Varianten, die freilich genau die Haltung einnimmt, die schon die anderen so eindrücklich hatten: „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“
Weiterführende Links
ErzählStoff. Neue Perspektiven auf Literatur. Do 14-20 Uhr, So 11-18 Uhr, bis 3.9., Forschungscampus Dahlem, 14195 Berlin, Lansstr.8, www.smb.museum/fcd. Der Eintritt ist frei.
Begleitende Veranstaltungen für Erwachsene, für Jugendliche sowie für Kinder und Familien sind hier zu finden: https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/dahlem/veranstaltungen/









































































































































































