Zweihundert Jahre von der Idee bis zur UmsetzungDie Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe

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Mit wegweisenden Werken wie den Opern Freischütz und Euryanthe, virtuosen Klavierstücken wie der Aufforderung zum Tanze und dem Konzertstück oder seinen hinreißenden Klarinettenwerken gehört Carl Maria von Weber (1786-1826) zu den prägenden Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts. Er gilt mit Fug und Recht als einer der bedeutendsten Klangmagier seiner Zeit – bewundert von Schumann, Liszt, Berlioz, Wagner und vielen anderen. Insofern verwundert es, dass fast 200 Jahre vergehen mussten, bis eine historisch-kritische Gesamtausgabe zustande kam.

Im September 1828, zwei Jahre nach Webers Tod, schrieb der Berliner Verleger Adolph Martin Schlesinger bezüglich einer Gesamtausgabe der Kompositionen an den Leipziger Musikverlag C. F. Peters: 

„Frau v. Weber […] hatte auch schon solche Idee, und bot es mir, als Hauptverleger der Weberschen Kompositionen, an, worauf ich erwiderte, dass Sie kein Recht habe, die bereits als Eigentum verkauften Kompositionen, nochmals zu verkaufen.“ 

Aus Sicht des Verlegers Schlesinger war die Reaktion durchaus verständlich: Er hatte die Stichvorlagen und die Publikationserlaubnis rechtmäßig vom Komponisten erworben und somit, auch angesichts der in Deutschland noch fehlenden überregionalen Absicherung von Verlagsrechten, kein Interesse an Konkurrenz für seine Originalausgaben. Doch auch die Sichtweise der Witwe Caroline von Weber war nachvollziehbar. Ihr war, wie sie Schlesinger mitgeteilt hatte, von einem Leipziger Verlag angeboten worden, „die sämtlichen Clavier-Werke“ ihre Mannes „in einer schönen und wohlfeilen Ausgabe heraus zu geben“, und sie argumentierte unter Bezug auf die gerade bei M. J. Leidesdorf erschienenen zwei Bände mit Klavierwerken Webers, sie sei geneigt „auf diesen Vorschlag einzugehen, als schon in Wien eine ähnliche Ausgabe veranstaltet worden, und ich doch meinen Kindern das Väterliche Erbe nicht ganz von Nachdruckern entrissen sehen mag.“ Schlesinger reagierte am 16. Juli unmissverständlich; er mahnte die Witwe, ihr Projekt aufzugeben, ansonsten werde er gerichtlich dagegen vorgehen.

Wie so oft erwiesen sich die Verlagsinteressen und die Wünsche der Autoren (bzw. in diesem Fall ihrer Erben) als unvereinbar. Immerhin legte Karl Theodor Winkler, der Vormund der Weber-Erben, 1828 eine erste Gesamtpublikation der Hinterlassenen Schriften, also der schriftstellerischen und publizistischen Arbeiten Webers, vor – ein erster Meilenstein der Weber-Edition, wenn auch aus heutiger Sicht weder vollständig noch textlich zuverlässig.

Caroline von Weber startete 1847 einen erneuten Vorstoß bezüglich der musikalischen Werke. Im Mai wandte sie sich an den Komponisten Giacomo Meyerbeer mit der Frage, „ob der Familie des Verstorbenen Componisten das Recht eine Gesamtausgabe zu veranstalten zukömt, oder ob der Verleger das Recht dazu hat, welcher die meisten Werke des Componisten verlegt hat?“ Grund dafür waren Offerten verschiedener Verlage (u. a. Julius Kistner), doch auch diesmal blieb das Vorhaben in der Planungsphase stecken. Alle nachfolgend (ab 1857) vor 1900 entstandenen sogenannten „Weber-Gesamtausgaben“ wurden ihrem Namen nicht gerecht: weder enthielten sie alle überlieferten Kompositionen noch erschienen alle enthaltenen Werke in ihrer Originalgestalt.

Im Laufe der Jahrzehnte wuchs das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Dokumentation von Webers Hinterlassenschaft. Als wissenschaftliches Monument ersten Ranges darf das Werkverzeichnis gelten, das der Berliner Musiker und Weber-Enthusiast Friedrich Wilhelm Jähns 1871 veröffentlichte. Eine Publikation aller musikalischen Werke Webers dürfte allerdings auch Jähns noch unausführbar erschienen sein. Allzu oft hatte er das mangelnde Interesse der Verleger an der Edition finanziell angeblich wenig einträglicher Kompositionen erleben müssen, und einer ungekürzten Edition der Briefe Webers, die Ludwig Nohl ab 1868 von Jähns einforderte, standen lange Zeit Bedenken der Familie von Weber entgegen.

Erst der verengte, von nationalem Chauvinismus geprägte Blick des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts auf Weber als „Nationalkomponist“ beförderte ein Umdenken, was sich in verschiedenen Editionsprojekten niederschlug. Wieder stand eine Publikation der Sämtlichen Schriften – diesmal von Georg Kaiser 1908 als Kritische Ausgabe vorgelegt – am Beginn. Kaisers Planungen zu einer Brief-Gesamtausgabe blieben nach seinem frühen Tod 1918 allerdings unausgeführt. 1926 wurde anlässlich von Webers 100. Todestag unter Leitung von Hans Joachim Moser die Erste kritische Gesamtausgabe der musikalischen Werke Webers in Angriff genommen, doch dieses ambitionierte Projekt der „Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums“(!), das im Subskriptionsaufruf vollmundig zum „vaterländischen Denkmal“ stilisiert wurde, blieb ein Torso: 1939 war nach nur drei Bänden Schluss. Alle Bemühungen, nach 1945 an diese Vorarbeiten anzuknüpfen, blieben – sicherlich auch wegen der nationalistischen Ausrichtung des Projekts in seinen Anfängen – vergeblich.

Nach wiederum 40 Jahren wurden 1987 schließlich die Weichen für die heute bestehende Weber-Gesamtausgabe gestellt: Maßgeblich von Gerhard Allroggen (1936-2025) in Detmold und Wolfgang Goldhan (1934-2017) in Ost-Berlin vorangetrieben und vom Ururenkel Webers, Hans-Jürgen von Weber (1910-2002) in Hamburg, gefördert, wurde ein Internationales Weber-Kuratorium gegründet, dessen „Internationalität“ (u. a. mit britischer und tschechischer Beteiligung) vor allem dazu diente, die in der Zeit der deutschen Teilung in der DDR beargwöhnte deutsch-deutsche Zusammenarbeit zu kaschieren. 

Der Fall des „eisernen Vorhangs“ 1989 hätte fast zu einem vorzeitigen Ende des gerade anlaufenden Projekts geführt, da alle zuvor ausgehandelten deutsch-deutschen Vereinbarungen plötzlich zur Disposition standen. Dank des Engagements von Hanspeter Bennwitz (1930–2022), dem Koordinator der Musikergesamtausgaben an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, sowie der Unterstützung durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gelang dann doch Schritt für Schritt die Übernahme der Weber-Gesamtausgabe ins Akademienprogramm.

Die Planungen zu Zeiten der deutschen Teilung sind noch heute in der Struktur der Weber-Gesamtausgabe mit ihren beiden Arbeitsstellen in Detmold (am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn) und Berlin (in der Musikabteilung der Staatsbibliothek) erkennbar. In der Bundesrepublik waren und sind solche Editionsprojekte eher im universitären Kontext oder direkt an den Akademien verortet, eine Bibliothek als „Heimat“ eines Langzeit-Editionsunternehmens ist ungewöhnlich und basiert auf Goldhans Bemühungen, an der Ost-Berliner Staatsbibliothek einen Forschungsbereich zur Musik des 19. Jahrhundert zu etablieren. 

Von dieser Anbindung an die Staatsbibliothek profitiert die Weber-Gesamtausgabe heute in besonderem Maße, finden sich in deren Musikabteilung doch die bedeutendsten Autographen-Bestände sowie weitere Sammlungen zu Weber (darunter der sogenannte Weber-Familiennachlass, die Weberiana-Sammlung und der Nachlass von F. W. Jähns) – ein geradezu luxuriöses Umfeld für ein Editionsprojekt, das seinerseits die Erschließung und den weiteren Ausbau dieser Bestände begleitet und befördert.
Im Jahr des 200. Todestages von Weber kann die Gesamtausgabe (Projektende: 2034) auf einen beachtlichen Ertrag verweisen: 41 der geplanten 55 Bände der musikalischen Werke liegen vor, sechs weitere sind aktuell in Arbeit. Ein Großteil der Briefe, Tagebuchnotizen und Schriften ist durch eine digitale Edition erschlossen und innerhalb einer innovativen Datenbankstruktur frei zugänglich, ergänzt durch gedruckte wie digitale Sonderpublikationen. Eine moderne Weber-Philologie, deren Fehlen noch 1986 beklagt wurde, ist begründet – zweihundert Jahre nach Caroline von Webers Idee eine zwar überfällige, aber doch erfreuliche Bilanz!

Weiterführende Links

  • Carl-Maria-von-Weber-Gesamtausgabe
  • Staatsbibliothek zu Berlin

    Weiterführende Literatur

  • Joachim Veit und Frank Ziegler, Zur Idee und Geschichte einer Weber-Gesamtausgabe, in: Musikeditionen im Wandel der Geschichte, hg. von Reinmar Emans und Ulrich Krämer, Berlin und Boston 2015, S. 405–430
  • Eveline Bartlitz, „… so wird nach u. nach doch Gesamtausgabe“. Ein Blick auf Ideen und Versuche einer Brief-Gesamtausgabe Carl Maria von Webers im 19. und 20. Jahrhundert, in: Weberiana, Heft 23 (2013), S. 99–118

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