Ein Mann vor einem Bild

„Die Farbe Blau gehört niemandem. Sie ist der Himmel und das Meer“Ein Gespräch mit Jérémie Queyras

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Die Berliner Sommersonne drückt, als wir Jérémie Queyras vor dem Bode-Museum treffen. Doch statt den Künstler wie gedacht in den kühlen Museumsräumlichkeiten zu interviewen, müssen wir unsere Pläne kurzfristig ändern. Das haben wir Queyras indirekt selbst zu verdanken: Seit der Enthüllung seines Merkel-Porträts hat er einen Starstatus. Menschen erkennen ihn auf der Straße, raunen sich zu: „Das ist doch der Künstler“, sogar ein Berliner Radioreporter hat ihn gleich entdeckt und will ihn ebenfalls vor das Mikro bekommen.

Wir treffen uns auf der idyllischen und etwas neutraleren Monbijoubrücke. Queyras selbst scheint der Trubel und die große Aufmerksamkeit um seine Person wenig zu stören: Mit seiner offenen, sympathischen Art nimmt er sich geduldig für jede*n Zeit, die*er ihn anspricht. Und so entspinnt sich ein Gespräch von Himmel und vom Meer, über Berufsgeheimnisse, und der Playlist, die ihn bei der Arbeit mit Angela Merkel begleitete.

Zwei Menschen im Gespräch auf einer Steinbank
Jérémie Queyras im Gespräch mit SPKmagazin-Redakteurin Joy Clees. Foto: SPK / Louis Killisch
Zwei Männer im Gespräch mit Mikro
Gefragter Gesprächspartner: Jérémie Queyras wird von einem Radio-Reporter abgefangen. Foto: SPK / Louis Killisch

Herr Queyras, Sie haben bereits in vielen Städten gelebt und arbeiten seit rund einem Jahr in Berlin. Was ist Ihnen an der Berliner Kunst- und Kulturszene besonders aufgefallen? Inwiefern hat die Stadt Ihre Arbeit oder Ihren Blick auf die Kunst geprägt?

Vor allem ist mir die Offenheit Berlins aufgefallen. Die Berliner Kunstszene wirkte auf mich von Anfang an sehr offen und frei. Es gibt viele kunstinteressierte Menschen, und dieses Interesse zieht sich quer durch die Gesellschaft. An anderen Orten habe ich erlebt, dass Kunst dagegen eher von bestimmten Milieus getragen wird. Gerade das macht Berlin in meinen Augen so besonders.

Sie arbeiten nun in unmittelbarer Nähe der Staatlichen Museen zu Berlin. Gibt es Werke oder Künstler in den Sammlungen, die Sie besonders inspirieren? Auch das Porträt von Angela Merkel ist ja derzeit im Bode-Museum zu sehen. Eine gute Wahl in Ihren Augen?

Eine sehr gute Wahl! Das Bode-Museum hat bereits eine lange Tradition mit Porträts und Büsten. Zugleich zeigt es eine relativ große Bandbreite an unterschiedlichen Stilen und Epochen.

Die Gemäldegalerie hat mich auch sehr beeindruckt, vor allem wegen der Vielfalt der Kunstwerke. Ich erinnere mich an einen wunderschönen Vermeer, der dort hängt. Dort hängt auch „Der Mann mit dem Goldhelm“, ein Gemälde, das früher für einen Rembrandt gehalten wurde, heute aber nur seinem Atelier zugeschrieben wird. Mich fasziniert der Lichteinfall in diesem Bild: Das Gesicht des Mannes liegt im Schatten, während der Helm beleuchtet ist.

Sie haben gerade Vermeer erwähnt. Auch der Hintergrund des Merkel Porträts erinnert an den holländischen Künstler. Was macht die Alten Meister für einen jungen Künstler heute noch so anziehend?

Gut beobachtet! Den Hintergrund habe ich quasi von Vermeer geklaut (lacht). Natürlich ist er moderner gemalt, mit anderen Texturen, aber es ist eine direkte Referenz an Vermeers „Frau mit Perlenhalsband“, das auch in der Gemäldegalerie hängt – wenn auch aus einem eher unterbewussten Impuls heraus. Auch dort fällt das Licht von der Seite ein, von links nach rechts. Genau diese Lichtführung habe ich dann für das Kanzlerinnenporträt übernommen.

Sie meinten mal in einem Gespräch mit der Zeit, dass „nicht Kirchen, aber Museen ein Ort der Zwiesprache mit dem Höheren“ für Sie sind. Können Sie das etwas genauer erklären?

Vor allem als junger Kunststudent ist man auf Sinnsuche. Man fragt sich manchmal: Was mache ich hier? Was kann ich beitragen? Was habe ich Interessantes zu sagen? Museen sind eine einzigartige Möglichkeit, mit Generationen von Künstler*innen vor mir in Dialog zu treten. Für mich sind Museen immer etwas sehr Lebendiges. Ich kann die Stimmen der Maler*innen und Bildhauer*innen förmlich hören. Sie flüstern mir Mut zu. 

Künstler zu sein, heißt auch, einen Dialog mit denen einzugehen, die vor einem da waren. Im besten Fall wird in hundert Jahren jemand meine Kunst genauso betrachten. In diesem Sinne ist das Museum also ein Ort der Zwiesprache mit etwas Höherem. Es geht über unsere materielle Gegenwart hinaus – und es ist, etwas überspitzt formuliert, auch eine Form der Kommunikation mit den Toten.

Viele Besucher*innen haben den Eindruck, dass die Angela Merkel in Ihrem Bild sie anschaut, egal, wo sie im Raum stehen. Wie haben Sie das gemacht? 

Das wird wohl ein Geheimnis bleiben! Trade secret, würde man auf Englisch sagen. Natürlich ist das eine Wirkung, die ich angestrebt habe. Wenn ein Bild eine starke Präsenz hat, kann sie sich ganz von selbst einstellen. Manchmal bemüht man sich aber auch noch so sehr darum und trotzdem gelingt es nicht. In gewisser Weise, ist es auch für mich beim Malen etwas besonderes, wenn das Bild plötzlich etwas lebendiges hat. Darin liegt die Magie des Blicks. 

 

Gibt es denn ein Detail, das Ihnen besonders wichtig war – etwas, das Sie unbedingt zeigen oder ausdrücken wollten?

Was ich von Anfang an wollte, war, sie stehend zu malen. Auch im Kontrast zu all ihren Vorgängern, die alle sitzend dargestellt wurden. Ich habe sie immer als eine sehr aktive Person wahrgenommen und fand, dass eine sitzende Pose dem nicht gerecht geworden wäre. So kommt auch ihre Präsenz noch stärker zur Geltung.

Sie haben sich für das Blau des Blazers von Frau Merkel entschieden. Heute sind sie ganz in Blau gekleidet. Ist Blau eine besondere Farbe für Sie?

Ich benutze Blau tatsächlich oft. Der blaue Blazer wurde ja sehr viel thematisiert und der Farbe wurde alles Mögliche zugeschrieben: von Mutter Maria bis hin zur Europafahne. Aber: Die Farbe Blau gehört niemandem. Sie ist der Himmel und das Meer.

Dazu kommt, dass ich einfach gerne mit Blautönen spiele. Im Farbspektrum ist Blau eine der Farben mit der größten Tiefe – sie zieht uns regelrecht hinein. Gelb und Rot kommen uns entgegen. Blau dagegen ist eine Farbe, in deren Tiefe man hineinfällt, auch im physikalischen Sinne. Gerade deshalb bietet Blau einen besonders großen Spielraum.

 

Die Porträtmalerei gilt oft als traditionsreiches, vielleicht sogar altmodisches Genre. Wie gelingt es Ihnen, sie zeitgenössisch zu halten, damit sie auch aktuell eine relevante Kunstform bleibt?

Es ist einfach dadurch zeitgenössisch, dass ich es male. Und dass ich es in dem Kontext, in dem wir leben, male – mit den heutigen Attributen, den Klamotten, den kleinen Symbolen auf dem Tisch. Auch dem jetzigen Licht – dem Berliner Licht. Denn jedes Land, jede Region hat ihren eigenen Lichtcharakter. Dieses natürliche Licht, im Gegensatz zu künstlichem, bringt das Gemälde ins Hier und Jetzt.

Deshalb bemühe ich mich gar nicht krampfhaft darum, dass es ultra modern wirkt. Wenn man sich ein sehr altes Porträt anschaut, ist es teilweise erschreckend, wie ähnlich die Menschen uns sehen. Wir haben uns auch nicht so sehr verändert, da muss man gar nicht viel dazu erfinden. 

Menschen werden immer interessant sein – gerade in Zeiten von KI und Fakes. Durch die Über-Technologisierung werden unsere Mitmenschen umso spannender. In dieser Frage entdeckt man das Zeitgenössische. Außerdem wäre es auch gekünstelt gewesen, wenn ich versucht hätte, noch einen LED-Screen im Hintergrund einzubauen, oder? 

Natürlich bleiben die Gespräche, die Sie mit Frau Merkel geführt haben, etwas Persönliches. Aber können Sie uns vielleicht einen oder zwei Songs aus der Playlist verraten, die während der Mal-Sessions gelaufen sind?

Mendelssohns Violinkonzert und Beethovens Klaviersonaten. Die haben wir oft gehört. 

 

Frau Merkel hat Sie ja gewarnt, dass nach diesem Auftrag Ihr Leben nicht mehr dasselbe sein werde. Stimmt das? Und: Was kommt nach dem Merkel-Porträt? Woran arbeiten Sie gerade und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Das stimmt schon. Obwohl sich in meinem Alltag gar nicht so viel verändert hat – außer, dass ich inzwischen einen Kalender führen muss, weil ich sonst mit den Terminen nicht mehr hinterherkomme. Früher habe ich mir meine Termine einfach gemerkt, und wenn ich mir nicht sicher war, war ich eben eine Stunde früher da. Jetzt muss ich organisierter sein, weil ich unglaublich viele Meetings und Anfragen habe. Ansonsten mache ich aber einfach meine Kunst weiter.

Gerade arbeite ich an einem großen Porträtprojekt mit Schauspieler*innen. Es geht mir bei diesem Projekt darum, den Moment zwischen zwei Welten einzufangen. Die Schauspieler sind in Kostüm und Maske, aber noch nicht auf der Bühne. Sie sind nicht mehr sie selbst, aber auch noch nicht hundert Prozent in ihrer Rolle. Diesen Akt der Verwandlung möchte ich malen. Das Projekt wird hoffentlich auch in Berlin zu sehen sein.


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