Mit einem Duschkopf durch die Alpen

Artikel

Über „Die Berge Tirols“ erzählt eine spannende Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem – und wie lange es schon eine enge Verbindung zu Berlin gibt.

Gegensätze ziehen sich an – so einfach kann man die engen Beziehungen beschreiben, die es zwischen Berlin und Tirol seit über 150 Jahren gibt: Hier die Metropole, deren höchste natürliche Erhebung der Große Müggelberg mit 114,7 Metern ist, dort das Alpenland mit der Wildspitze in den Ötztaler Alpen, die 3.768 Meter misst. Unterschiedlicher kann es wohl nicht sein. Und so reisten viele Berliner*innen nicht nur gern und regelmäßig nach Tirol, sie sammelten auch Gegenstände, brachten Pflanzen und Steine nach Hause, übten sich in Gesängen und Tänzen und im Schuhplattln - und feierten um 1900 in der Hauptstadt Alpenbälle mit über 3000 Personen. Veranstaltet wurden sie zuerst von der 1869 gegründeten Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins, die damit ein neues Partymodell in der ganzen Stadt initiierte. Tirol war einfach hip – und das lag nicht nur an den fremden Sitten und Gebräuchen, sondern vor allem an der Landschaft mit ihren Gipfeln und Gletschern. All dies untersucht die neue Ausstellung „Die Berge Tirols“ im Museum Europäischer Kulturen (MEK), denen sich außerdem die diesjährigen europäischen Kulturtage des MEK widmen. Aber wie kann man von Tirol im speziellen und der Bergwelt im allgemeinen erzählen, wenn etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schreibt: „Der Sommer wird in den Alpen zum Risiko“ und über die Auswirkungen des Klimawandels ausführt: „Ein Gipfel zerbricht, auf Hütten fehlt das Wasser, in den Tälern drohen Gerölllawinen.“

Ausstellungsansicht "Die Berge Tirols" im Museum Europäischer Kulturen. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Miriam Lotz
Ausstellungsansicht "Die Berge Tirols" im Museum Europäischer Kulturen. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Miriam Lotz

Das sind absolut bestürzende Tatsachen. Sie dominieren jedoch nicht das Konzept dieser Ausstellung, wenngleich sie darin auftauchen: „Wir wollten erst einmal eine Bestandsaufnahme machen und zeigen, was es im Lauf der Zeit mit den Bergen und uns auf sich hatte und hat“, so Moritz Roemer, mit Franka Schneider für die Kuration verantwortlich. Für diese Überblickschronik konnte man auf viele Objekte aus den Beständen des Museums zurückgreifen, die jetzt mit zahlreichen Leihgaben auf rund 300 Quadratmetern zu sehen sind.

Viel Mobilität dank Pässen und Bergpfaden

Die Ausstellung ist thematisch gegliedert und analysiert zum Beispiel Tirols Verbindungen zum kolonialen Handel. Diese gab es bereits seit dem 16.Jahrhundert, wurde doch in den Tiroler Bergen das Kupfer für Armreife gewonnen, die im Sklavenhandel als Zahlungsmittel dienten. Und in der Münzstätte in Schwaz wurde nicht nur das regionale Silber zu Talern verarbeitet, sondern auch das Silber aus den Bergwerken der spanischen Kolonien in Südamerika. Für den Seehandel lieferte man Leinen, das für Segel und Säcke benötigt wurde. Allein dies verdeutlicht, dass Tirol topographisch zwar hinter den Bergen lag, aber trotzdem gut mit der Welt vernetzt war. Die Bergpfade und Passstraßen erlaubten nämlich – je nach Wetterlage – viel Austausch, Handel und Mobilität. 
Ab den 1960er-Jahren waren dann etwa die Brenner-Autobahn zwischen Österreich und Italien oder die innerösterreichische Felbertauernstraße der Ausdruck für individuelle, grenzüberschreitende Freiheit per Pkw. Heute leiden die Regionen und die Bevölkerung unter dem stark angewachsenen Autoverkehr, dem Transitlärm und der Belastung durch Feinstaub, schließlich passieren zehntausende Fahrzeuge täglich etwa den Brenner, weshalb dort im Mai 2026 eine große Demonstration stattfand und alles lahmlegte. Im österreichischen Bundesland Tirol, das es in dieser Form seit 1919 gibt, lässt sich die komplexe Dialektik des Fortschritts genau studieren, siehe den Tourismus: Erst kamen die Gäste und sorgten dafür, dass die Infrastruktur wie Wege, Hütten, Gastronomie, Seilbahnen ausgebaut wurden. Weil das bestens und lukrativ funktionierte – und die Berge so schön waren –, kamen immer mehr Gäste, und die wurden irgendwann zum Problem und drohten die Schätze zu zerstören, deretwegen sie eigentlich aufgebrochen waren. Zum Vergleich: 777.660 Einwohner*innen hatte Tirol im Jahr 2025, während in der gleichen Zeit rund 6.000.000 Tourist*innen in das Bundesland reisten! 

Wanderstock mit Stocknägeln, u.a. aus Tirol, 1930-1960. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug
Souvenir in Form einer Kuhglocke, 2025. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug

Der Tourismus und die Vermessung der Natur

In den Anfangsjahren des Tourismus war es den Hütten noch erlaubt, den bei Wandertouren anfallenden Abfall einfach in die Spalten einer der rund 620 Tiroler Gletscher zu schmeißen. Das ist heute zum Glück verboten und jede*r muss seinen Müll selbst wieder ins Tal tragen. Was die Besucher*innen unter anderem dereinst hinterlassen haben, kann man in einer eigenen Vitrine mit wenig appetitlichen Fundstücken bestaunen, die von den ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Sektion Berlin des Deutschen Alpenvereins – ein wichtiger Kooperationspartner der Ausstellung – eingesammelt wurden: Getränkedosen, ein Schuh mit Holzsohle, eine Tube mit Kondensmilch, verrostetes Besteck. Man schaut es an und schämt sich – obwohl diese Entsorgungspraxis seinerzeit nicht verboten war.
Dank der Alpenvereine lassen sich auch Veränderungen in der Landschaft belegen. Denn schon in den ersten Jahren der Gründung wurden etwa Gletscher fotografiert und vermessen. Damit kann man genau nachweisen, wie stark sie inzwischen abgeschmolzen sind.
Längst ist der Massentourismus inklusive Wintersport eine der Haupteinnahmequellen in den Tiroler Bergen. In bescheidenem Maße kommt die Almwirtschaft dazu, die in früheren Jahren erheblich stärker zu Buche schlug. Da wurden Kühe, Schafe und Ziegen den Sommer über auf die saftigen, höher gelegenen Wiesen getrieben. Diese Almwiesen sind eine menschengemachte Kulturlandschaft. Werden sie nicht regelmäßig genutzt, siedeln sich wieder Büsche und Bäume an, wie das ursprünglich der Fall war. Das wäre problematisch, so Moritz Roemer, sind diese Wiesen doch „wichtige Biodiversitätsinseln. Ganz viele Pflanzen und Vögel und Insekten leben hauptsächlich nur dort.“ 

Schuhplattl-Gruppe der Sektion Berlin des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins, 1896. Fotoarchiv Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin
Milchaufzug bei Elmen, oberes Lechtal, 1939. Foto: Erika Groth-Schmachtenberger, Fotoarchiv Museum Europäischer Kulturen, Staatliche Museen zu Berlin

Der Berg ruft und beschenkt uns

Auf einem Foto ist zu sehen, wie ein kleiner Bub 1943 im Ötztal Ziegen vor sich hertreibt. Solche Kinderarbeit gibt es natürlich nicht mehr, wohl aber die Praxis, verlorene Tiere, die hier frei weiden können, wiederzufinden: Dank der Schellen, die ihnen um den Hals gehängt wurden. Drei solcher Schellen sind ausgestellt. Die Tiere lieferten nicht nur Fleisch, sondern überdies Milch, Butter, Käse. Wie man das für die Weiterverarbeitung benötigte Salz lagerte, zeigt ein Salzkasten aus Kiefernholz aus dem Jahr 1797, den einst James Simon sammelte. Den traditionellen Produktionsweisen freilich macht die industrielle Landwirtschaft mit ihren Dumpingpreisen Konkurrenz, weshalb viele Almen verkleinert oder aufgegeben werden. Die traditionellen Gepflogenheiten werden dann – wie beim Almabtrieb – oft nur mehr für die auswärtigen Gäste inszeniert. Wieder wird die schwierige Balance zwischen originärer Kultur und kommerzieller Folklore deutlich, wobei die Ausstellung auch in diesem Bereich darauf hinweist, dass die gegenwärtige Almwirtschaft ohne die Einnahmen aus dem Tourismus kaum möglich wäre. 
Zu den Kuriositäten in „Die Berge Tirols“ gehört auf jeden Fall ein Duschkopf, den ein Wanderer bei einer viertägigen Tour mit sich trug – besonders kurios, weil bei solchen alpinen Ausflügen normalerweise jedes Gramm zählt, das mitgetragen wird. Der Duschkopf hatte als Requisit in einem Theaterstück auf Sylt mitgewirkt und war im Rucksack des Wanderers verblieben, der ihn nur flüchtig ausgeräumt hatte … Ein anderes Utensil, das früher allerdings mit Absicht eingepackt wurde, war der gut gefüllte Flachmann, um den „Gipfelschnaps“ genießen zu können. Heute wird er, heißt es, kaum noch verwendet, das Ritual sei nicht mehr üblich. 
Interaktive Vermittlungsstationen erlauben den unmittelbaren Zugang etwa zu den Schätzen der Berge wie Salz, Flachs oder die Zirbe, eine regionale Baumart, aus deren Holz Möbel gefertigt werden und aus deren Zapfen Schnaps hergestellt wird. Interviews und Ausschnitte aus Bergfilmen etwa von Luis Trenker und Arnold Fanck oder aus „Downhill Racer“ (1969, mit Robert Redford) sowie ein Zusammenschnitt aus den fünf Geierwally-Filmen von 1921 bis 1988 runden die familienfreundliche Ausstellung multimedial ab. So vermittelt sie einen fundierten Überblick über die Tiroler Bergwelt mit ihrer Alltagskultur und illustriert mit Witz und Grips, wie unterschiedlich sich Einheimische und Besucher*innen zu ihr ins Verhältnis setzten: Eine faszinierende Zeitreise! 

Ausstellungsansicht "Die Berge Tirols" im Museum Europäischer Kulturen. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Miriam Lotz © Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Miriam Lotz

Weitere Artikel zum Thema