Das Kitzeln der Geschichte

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Die Staatsbibliothek erinnert an den großen Feuilletonisten Heinz Knobloch – und verdankt dies der ehrenamtlichen Arbeit von Helmut Mehnert 

Jetzt, wo die Stadt an den Mauerbau vor 65 Jahren erinnerte, war es wieder da. Dieses vergessene Gefühl, dass die Geschichte kitzelt. Das tut sie ja eigentlich immer in Berlin. Aber in den langen Jahren vor 1989 spazierte man manchmal die Brunnenstraße oder die Friedrichstraße entlang, und spürte, wie unter den Fußsohlen der Westen vibrierte. Die U-Bahn fuhr vom Westteil durch die Geisterbahnhöfe des Ostens wieder in den Westen hinein. Einsteigen konnte man nirgends, die Bahnhöfe waren perfekt vermauert, Stationsschilder abmontiert. Aber dieses Gefühl, dass die Geschichte dieser Stadt nicht mit der Teilung begann oder dem Fernsehturm oder dem Anspruch, als halbe Portion eine ganze Hauptstadt zu sein, stellte sich immer ein, wenn es unterm Pflaster rumorte. Keiner hat diese Suche nach den Wurzeln der Stadt so wunderbar leicht und gleichzeitig so präzise beschrieben wie Heinz Knobloch. Er war, was es heute nur noch ganz selten gibt, ein gescheiter Flaneur. Ein sehr großer Mann mit einer kleinen Kolumne. „Mit beiden Augen“ hieß sie, erschien in der beliebten „Wochenpost“ von Dezember 1968 bis April 1988, und zwar in eintausend Folgen! Beobachtungen aus dem Alltag, geschichtliche Reflexion, das Wiederentdecken historisch bedeutsamer, aber leider unachtsam vergessener Protagonisten.

In einer Zeit, in der die Stadt Knoblochs formloser wie geschichtsvergessener erscheint, holt das Stabi-Kulturwerk diesen wahrhaften Stadtbilderklärer (so nannte man in Ost-Berlin die Touristenführer, die so taten, als begänne hinter dem Brandenburger Tor Grönland) zurück in die Gegenwart. In einer langen Vitrine erscheint der ganze Kosmos des gebürtigen Dresdners (!) auf: Notizbücher, Zeitungsseiten, Manuskripte, Karteikarten. Ein Stadtplan zu „Werk und Wirken“. Heinz Knobloch hat das sprichwörtliche Gras aus Berliner Boden gerissen und vor allem auch die verschüttete jüdische Geschichte wieder sichtbar gemacht. Ohne ihn würden wir nicht wissen, wer Wilhelm Krützfeld war, der Reviervorsteher, der 1938 in der Pogromnacht die Synagoge in der Oranienburger Straße rettete. Oder, dass Moses Mendelssohn die erste jüdische Schule in der Großen Hamburger Straße gründen half. Wir würden die „Suppenlina“ nicht kennen, Berlins frühe Frauenrechtlerin Lina Morgenstern. Und auch nicht wissen, dass Mathilde Jacob mehr als nur Rosa Luxemburgs wache wie kämpferische Sekretärin war. Heute gibt es Tafeln, es gibt Straßennamen für all diese Persönlichkeiten, die Heinz Knobloch aus dem Dunkel des Vergessens geholt hat

Es gibt ja viele Texte, die sich mit der Ost-West-Problematik befassen. Ich habe mich immer gefragt, wie das in der DDR möglich war. Knobloch hat seine Geschichten so verpackt, dass die sozialistische Moral zwar erkennbar blieb, aber seine Botschaft verstand jeder, der ihn aufmerksam zu lesen wusste. Das hat er bis zur Meisterschaft gebracht.

Helmut Mehnert

Dass er selbst, der im März 100 Jahre alt geworden wäre, nicht vergessen wird, verdankt sich der ehrenamtlichen Arbeit von Helmut Mehnert. Ein geschichtlich interessierter Landschaftsgärtner aus Nordrhein-Westfalen, der kurz vor dem Mauerfall für das Studium zum Berufsschullehramt nach West-Berlin zog und in Stadtführungen immer wieder den Namen Knobloch hörte. In den 1990er Jahren lernte er den Autor auch persönlich kennen und nun sitzt er seit gut zweieinhalb Jahren in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek und durchforstet einen umfänglichen Nachlass, der eigentlich für ein kleines Forschungsprojekt taugen würde. Material für 20 Jahre Arbeit! Denn es geht nicht nur um Stadtgeschichte, sondern auch darum, wie Heinz Knobloch arbeitete, wie er die Zensur umging und letztlich seinen Leserinnen und Leser immer zwischen die Zeilen schmuggelte, dass dieses Berlin klüger und reicher und abgründiger ist, als es die aktuellen Machthaber befahlen. „Es gibt ja viele Texte, die sich mit der Ost-West-Problematik befassen. Ich habe mich immer gefragt, wie das in der DDR möglich war. Knobloch hat seine Geschichten so verpackt, dass die sozialistische Moral zwar erkennbar blieb, aber seine Botschaft verstand jeder, der ihn aufmerksam zu lesen wusste. Das hat er bis zur Meisterschaft gebracht“, sagt Helmut Mehnert. Ein Fontane-Zitat, in der es um die Freiheit des Einzelnen geht, lässt sich eben nicht zensieren. Trotzdem gelang es ihm nicht immer, den Rotstift zu überlisten, und so sind oft erst nach dem Mauerfall auch die gestrichenen Passagen seiner Texte erschienen. Mehnert möchte mit seiner Arbeit auch erreichen, dass Knobloch mit seiner großen “kleinen Form“ anerkannt wird und von der Literaturwissenschaft nicht länger ignoriert werden kann. Und vom westdeutschen Kulturbetrieb auch nicht. Denn wer kann heute noch so schreiben? Martenstein? Florian Illies? Die Streiflicht-Redaktion der Süddeutschen?

Helmut Mehnerts Vitrine im Stabi-Kulturwerk ist ein Anstoß zum Wiederlesen der Knoblochschen Texte. Auf der Website www.heinz-knobloch.de leben seine Kolumnen wieder auf. Und damit auch seine berühmt gewordene Aufforderung: „Misstraut den Grünanlagen. Beginnt es mit einem zufälligen Blick beim Spazierengehen im zerbröckelnden alten Berlin? Eine Häuserlücke, davon gibt es viele, als Rasenfläche getarnt, auch das haben wir mehrfach; und zugleich offenbart sie sich durch einen Denkstein, das ist selten. Seine betrübende Inschrift wird noch mitgeteilt.“ Das sind die Anfangssätze seines Buches „Herr Moses in Berlin“. Und sie beschreiben letztlich Knoblochs Credo. Sein Vermächtnis. Denn jetzt, wo es so viel weniger Häuserlücken und Verlegenheitsrasenflächen gibt, wo Berlin immer weniger zerbröckelt, muss das Misstrauen ja noch viel größer sein. Und deshalb kaufen wir uns am Bahnhof Bernauer Straße französischen Käse und Baguette, gehen dann über einen schmalen Pfad nach Hause, schauen auf den rissigen Asphalt und triumphieren über den ehemaligen Postenweg der Mauerbewacher. Links und rechts wohnt das neue Berlin, aber dazwischen eben die kitzelnde Geschichte.

Ein Klassiker: Heinz Knoblochs Buch über Moses Mendelssohn war für viele im Osten ein Auslöser, sich intensiver mit der verschütteten jüdischen Geschichte zu befassen. Foto: Stabi
Ein Buch, zwei Ausgaben, zwei Welten: Im Westen hießen Knoblochs Berlin-Geschichten „Angehaltener Bahnhof“, im Osten „Stadtmitte umsteigen“ – heute liegen beide Stationen wieder dichte dran. Foto: Stabi

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