Getrenntes verbinden – Marion Bertram zum Abschied

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Nach 50 Jahren Dienst geht Marion Bertram, stellvertretende Direktorin des Museums für Vor- und Frühgeschichte auf der Museumsinsel, in den Ruhestand. Sammlungsarchivar Horst Junker erinnert an ein ganzes Berufsleben im Dienst der Berliner Archäologie und Museumsgeschichte. 

Günter Schade, der letzte Generaldirektor der Staatlichen Museen im Ostteil Berlins äußerte sich 2017 rückblickend zu seinen Visionen einer vereinigten Museumslandschaft in Berlin. Mit seinem Westberliner Pendant Wolf-Dieter Dube habe er schon vor dem Mauerfall darüber gesprochen, „wie es wäre, wenn die Museen vereinigt wären. Das war der Traum, dem wir nachhingen“. An Jahren um einiges jünger als Schade und Dube hatte die 1960 geborene Marion Bertram das Glück, als junge Prähistorikerin und Kustodin an der Neugestaltung der wiedervereinigten Berliner Museen mitwirken zu können. 

Zum Zeitpunkt der deutschen Wiedervereinigung konnte Marion Bertram bereits auf zehn Jahre Museumstätigkeit zurückblicken. Im Museum für Ur- und Frühgeschichte auf der damals im Ostteil der Stadt gelegenen Berliner Museumsinsel hatte sie unter dem Historiker Erik Hühns als Magazinhilfskraft begonnen und zwischen 1983 und 1988 parallel zu ihrer Sammlungsverwaltertätigkeit ein Studium der Geschichte und Ur- und Frühgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität absolviert. Das Thema ihrer Diplomarbeit, die Rolle der Prähistorischen Archäologie während der Zeit des Nationalsozialismus, verwies bereits auf ein Forschungsgebiet, welches Bertram im Laufe der kommenden Jahrzehnte weiterverfolgte und zu dem sie wiederholt wichtige Beiträge leistete: die Geschichte der Berliner Museen und der Berlin-Brandenburgischen Bodendenkmalpflege. 

Die Anfänge: Virchow und Schliemann

Die beruflichen Anfänge Bertrams lagen indes bei der damaligen Deutschen Staatsbibliothek in dem heute „Haus Unter den Linden“ genannten Stammhaus der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Dort hatte sie sich ab 1976 zunächst zur „Facharbeiterin für wissenschaftliche Bibliotheken“ ausbilden lassen und bis zu ihrem Wechsel in das nur wenige hundert Meter entfernte Alte Museum, dem damaligen Sitz des Museums für Ur- und Frühgeschichte, als Bibliotheksangestellte gearbeitet. Ihren bibliothekarischen Sachverstand brachte Bertram wiederholt in ihre Museumstätigkeit ein, indem sie an ihrem jeweiligen Wirkungsort die bestehende archäologische Fachbibliothek nach Kräften förderte und dafür sorgte, dass sich diese zu einem lebendigen Ort wissenschaftlicher Forschung entwickelte.

Ein erster großer Schritt in ihrer kuratorischen Laufbahn stellte 1987 die Ausstellung „Rudolf Virchow als Prähistoriker dar“, die als einer von drei Beiträgen des Museums für Ur- und Frühgeschichte im Jahr des 750-jährigen Bestehens Berlins im Bode-Museum gezeigt worden war. Bertram machte darin Virchows bis dahin wenig bekannte Rolle bei der Etablierung der Prähistorischen Archäologie als wissenschaftlicher Disziplin im ausgehenden 19. Jahrhunderts bekannt und arbeitete besonders auch seinen Einfluss auf den Troja-Entdecker Heinrich Schliemann hinsichtlich dessen Entschlusses zur Schenkung seiner Sammlung an Deutschland heraus. Den einhundertsten Todestag Schliemanns beging das Museum für Ur- und Frühgeschichte 1990 mit dem griechisch-deutschen Ausstellungsprojekt „Troja – Mykene – Tiryns“, dessen institutionellen Rahmenbedingungen eine stärkere Beteiligung Bertrams zunächst nicht zugelassen hatten. Erst als es darum ging, das bestehende Ausstellungskonzept ab 1991 zu einer gesamtdeutschen Wanderausstellung weiterzuentwickeln, fanden ihr forschungsgeschichtliches Fachwissen und ihre Fähigkeit zur Integration und zur Zusammenschau der seit dem Zweiten Weltkrieg auf unterschiedlichen Wegen überlieferten Berliner Museumsbestände angemessene Berücksichtigung.

Die Wiedervereinigung fordert Kraft und Wissen

Zum Zeitpunkt des formalen Zusammenschlusses der Ostberliner Staatlichen Museen zu Berlin mit der Westberliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 1992, lag der „Umzug“ ihres Büros in das Charlottenburger Museum für Vor- und Frühgeschichte bereits Monate zurück. Der tägliche Blick vom Schreibtisch ihres Büros auf das malerische Schloss Charlottenburg schien für sie indes kein Anlass zum Innehalten gewesen zu sein. Er dürfte sie vielmehr täglich angespornt haben, sich mit all ihrem Wissen und ihrer Kraft den großen Aufgaben zu widmen, die die Wiedervereinigung der Berliner Museen, Bibliotheken und Archive unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den kommenden Jahren an sie richten würde. 1990 war der Merowinger-Spezialist Wilfried Menghin Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte geworden. In seiner Ägide fand Marion Bertram endlich jene Freiräume, die nötig waren, um ihr kuratorisches und forschungsgeschichtliches Potential zu entfalten und den Weg zur Promotion einzuschlagen. Doch dazu später mehr.

Nach dreijähriger Vorarbeit veröffentlichte Marion Bertram 1994 einen Bestandskatalog für die frühmittelalterlichen Museumsbestände aus beiden Berliner Museumsteilen, den ersten Band dieser Art, in dem die 45 Jahre zuvor getrennten Objektkonvolute erstmals wieder gemeinsam fachlich besprochen wurden. Die darin von ihr vorgestellten Tauschierarbeiten der Merowingerzeit, so auch der Buchtitel, waren im Vorfeld ihrer Veröffentlichung naturwissenschaftlich untersucht, umfassend restauriert und schließlich in einer Sonderausstellung im Langhans-Bau des Schlosses Charlottenburg präsentiert worden.

Die Franken als Wegbereiter

Als erstes Ausstellungsprojekt mit internationalen Leihgebern kuratierte Marion Bertram gemeinsam mit Wilfried Menghin die 1997 am Berliner Kulturforum gezeigte Sonderausstellung „Die Franken – Wegbereiter Europas“. Als Leiterin des Ausstellungsbüros oblag ihr die wissenschaftliche und organisatorische Gesamtverantwortung für den Ausstellungsaufbau, bei dem sie nebenher zwischen den unterschiedlichen Arbeitskulturen eines Berliner und eines Mannheimer Aufbauteams vermitteln musste. Am Ende stand das Entscheidende: die termingerecht eröffnete Ausstellung, die danach große internationale Beachtung erfuhr und hohe Besucherzahlen am Kulturforum generierte.

Von Wilfried Menghin zur Promotion ermuntert, fand Marion Bertram nach dem Erfolg der Frankenausstellung endlich die nötige Zeit, um die Arbeit an ihrer Dissertation –nebenberuflich – in Angriff zu nehmen. Dabei untersuchte sie die Grabinventare zweier merowingerzeitlicher Gräberfelder aus Bayern, die zwischen 1884 und 1902 in die Berliner Museen gelangten und 1945 anteilig nach Russland verbracht worden waren. Die Intensivierung der Kontakte des Museums für Vor- und Frühgeschichte mit russischen Einrichtungen während der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erlaubte es ihr, vor Drucklegung der Dissertation im Jahr 2000 erstmals auch Forschungsdaten aus russischen Museen einfließen zu lassen.

Merowinger und russische Museen

Somit war es nur konsequent, dass die promovierte Kustodin unter Federführung von Wilfried Menghin auf ein russisch-deutsches Ausstellungsprojekt zu den merowingerzeitlichen Sammlungsbeständen in Berlin, St. Petersburg und Moskau hinarbeitete, bei der die 1945 kriegsbedingt von Berlin nach Russland gelangten und bis heute dort zurückgehaltenen Museumsbestände, die sogenannte Beutekunst, eine zentrale Rolle spielten. „Merowingerzeit – Europa ohne Grenzen“, so der programmatische Titel der Schau, wurde 2007 im Moskauer Puschkin-Museum und in der Eremitage St. Petersburg gezeigt. Weitere in Kooperation mit russischen Museen veranstaltete Ausstellungen dieses Formats folgten, darunter zu den eisenzeitlichen und den bronzezeitlichen Beständen des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte.

Wilfried Menghin hatte das 175-jährige Bestehen des Museums für Vor- und Frühgeschichte im Jahr 2004 zum Anlass genommen, um in einer mehr als 750 Druckseiten umfassenden Festschrift den Werdegang dieser bedeutenden Institution umfassend aufarbeiten zu lassen. Als wichtigste Autorin des Bandes darf rückblickend Marion Bertram gelten, die mit gleich fünf Aufsätzen und darüber hinaus einer umfassenden redaktionellen Mitarbeit maßgeblich zum Zustandekommen dieser außergewöhnlichen Publikation beitrug.

Stellvertretende Direktorin unter Matthias Wemhoff

Eine Herausforderung, die spätestens ab 2007 zeitweilig Marion Bertrams gesamte Arbeitskraft beanspruchte, stellte die baubegleitende Mitarbeit bei der Wiedererrichtung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel durch Chipperfield Architects dar. Hier ging es im Kern um die Frage, wie aus einem historisch und architektonisch einzigartigem Gebäude aus der Mitte des vorletzten Jahrhunderts ein didaktisch zeitgemäßes und wissenschaftlich anspruchsvolles Museum gestaltet werden konnte. Dass das in seiner historischen Vielschichtigkeit vielleicht wirkmächtigste Museumsgebäude Berlins nach seiner Fertigstellung 2009 dem Museum für Vor- und Frühgeschichte eine wirkliche Heimstatt werden konnte, an dem es seither die wertvollsten Teile seiner 370.000 Objekte umfassenden Sammlungen präsentiert, ist auch ein Ergebnis des fachkundigen, sorgfältigen und beharrlichen Engagements Marion Bertrams in der entscheidenden Planungs- und Bauphase. Ihr Lieblingsort im Neuen Museum, das sei an dieser Stelle einmal verraten, ist der Vaterländische Saal, einer der ersten Museumsräume Europas, der bei seiner Errichtung speziell für eine prähistorische Sammlung konzipiert und ausgestattet worden war.

Nach dem Ausscheiden der Hauptkustodin und stellvertretenden Direktorin, Alix Hänsel, erreichte Marion Bertram 2014 der Wunsch, die Interessen und Belange des Museums für Vor- und Frühgeschichte fortan im Rang einer stellvertretenden Direktorin zu vertreten. Im Zusammenwirken mit Matthias Wemhoff, der seit 2008 das Museum für Vor- und Frühgeschichte als dessen Direktor leitete und daneben als Landesarchäologe von Berlin wirkte, oblagen ihr fortan wichtige Entscheidungen und Koordinationsprozesse bei der Weiterentwicklung der Museumsstandorte Archäologisches Zentrum, Neues Museum und Langhans-Bau. Hinzu traten die oft lästigen Verwaltungsaufgaben eines Stellvertreters, die von der Teilnahme an Standort- und Direktorenkonferenzen über die Führung von Bewerbungsgesprächen bis hin zur Genehmigung von Urlaub für die zeitweilig mehr als dreißig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums reichte.

Unbetretene Wege und Trümmerfunde

Trotz ihres oft gut gefüllten Terminkalenders schuf sich Bertram auch nach 2014 regelmäßig kleine Freiräume, um sich abseits des Tagesgeschäfts mit neuen archäologischen Funden oder sammlungsgeschichtlich bedeutsamen Persönlichkeiten und Ereignissen intensiver zu befassen. So widmete sie sich 2014 in einem Aufsatz ausführlich der Entstehung und dem Bildprogramm des Vaterländischen Saales im Neuen Museum, erarbeitete zusammen mit den Archäologen Bernhard Heeb und Benjamin Wehry aus Anlass des 125. Todestages von Heinrich Schliemann unter dem Titel „Tod in Neapel“ eine Sonderausstellung mit Begleitbroschüre, legte 2019 unter dem Titel „Das Schwert mit dem goldenen Griff“ eine umfassende Monographie zu einem herausragenden Fundkomplex der beginnenden Völkerwanderungszeit vor und untersuchte 2025 im Rahmen der Ausstellung „Auf unbetretenen Wegen. Georg Schweinfurth und die Ägyptologie“ den wissenschaftlichen Austausch des Afrikaforschers mit Heinrich Schliemann und Rudolf Virchow. 

Ein gänzlich neues Forschungsgebiet hatte sich die Prähistorikerin Marion Bertram schon ab 2010 erschließen müssen, als bei Berliner Ausgrabungen in der Nähe des Roten Rathauses ein Skulpturenensemble der Klassischen Moderne entdeckt worden war. Die Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Emy Roeder, Marg Moll, Karl Ehlers und Otto Freundlich, im nationalsozialistischen Deutschland als „entartete Kunst“ klassifiziert und diffamiert, waren durch die Bombardierung des Areals bei Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen den Trümmern eines Wohn- und Geschäftshauses untergegangen. Marion Bertram und Matthias Wemhoff hatten früh die außergewöhnliche Bedeutung der geborgenen Skulpturen erkannt und unternahmen fortan beträchtliche Anstrengungen, diese außergewöhnlichen „Bodenfunde“ zu restaurieren und auszustellen. Seit 2012 ist der Berliner Skulpturenfund an mehr als 15 Orten in Deutschland und dem benachbarten Ausland ausgestellt worden. 

Marion Bertram betreute alle diese Ausstellungen mit ihrer inzwischen auch in jenen Zweig der Kunstgeschichte hineinreichenden wissenschaftlichen Expertise. Ihre Forschungen zur Provenienz und Bedeutung des Berliner Skulpturenfundes gehören wohl zu den außergewöhnlichsten Aufgaben, die die Kustodin in ihrer 50-jährigen Dienstzeit zu lösen hatte. Dass sie sich der Erforschung der sechzehn Kunstwerke mit demselben wissenschaftlichen Interesse näherte wie zuvor bedeutenden archäologischen Funden der Spätantike und des frühen Mittelalters zeigte einmal mehr ihr breites kulturgeschichtliches Interesse und ihre Offenheit für neue Erkenntnis und Forschungsgebiete. Noch wenige Tage vor ihrem Übertritt in den Ruhestand brachte sie am kürzlich neu eröffneten Museumsstandort PETRI Berlin in Publikumsführungen interessierten Besucherinnen und Besuchern die Entdeckungsgeschichte der Skulpturen und ihre kunsthistorische Einordnung nahe.

Ein Teil der Geschichte

In der 2022 aus Anlass des 200. Geburtstages Heinrich Schliemanns in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum gezeigten Sonderausstellung „Schliemanns Welten: Sein Leben. Seine Entdeckungen. Sein Mythos“ konnte Marion Bertram noch einmal ihr profundes forschungsgeschichtliches Wissen zu einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Archäologiegeschichte ausbreiten. Es gelang ihr gemeinsam mit ihren Kuratorenkollegen, den Mecklenburger Archäologen, Kaufmann und Selfmademillionär in seiner ganzen Widersprüchlichkeit darzustellen – als visionären Entdecker und Kosmopoliten, als geschickten Selbstvermarkter und erfolgsgetriebenen Ausgräber. „Schliemanns Welten“ erweiterte das öffentliche Schliemann-Bild um neue Aspekte und machte den weitgehend unbekannten Unternehmer, Weltbürger, Ehemann und Familienvater vor dessen Hinwendung zur Archäologie eindrücklicher sichtbar.

Mit „Schliemanns Welten“ vollendete sich der kuratorische Weg Marion Bertrams, der 1987 mit der Herausarbeitung des Einflusses Rudolf Virchows auf den Mecklenburger Archäologen und Mäzen begonnen hatte. Die Staatlichen Museen zu Berlin haben Marion Bertram über fast ein halbes Jahrhundert hinweg als hervorragende Museologin, Kustodin, Kuratorin und Forscherin erlebt, die ihre ganze berufliche Kraft in den Dienst ihrer Institution und der ihr anvertrauten Sammlungsbestände stellte. Ihr Wirken hat die Berliner Museen bereichert und deren Geschichte mitgeschrieben. Dieser Tage gilt es einmal mehr, Marion Bertram dafür unseren Dank auszusprechen.


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