Eine Frau vor mehreren Bildschirmen

„Immer schon ein Stück weiter“True Crime im Museum

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Kriminelle Vereinigungen haben die Kunstwelt für sich entdeckt – und zwar nicht mit Weinglas und Sammlungskatalog auf Eröffnungen, sondern mit Vorschlaghammer und Stemmeisen auf Raubzug. Was tun angesichts dieser neuen bedrohlichen Realität? LKA-Experte René Allonge und Stefan Simon vom Rathgen-Forschungslabor haben Antworten parat und können auf die Lösung zweier spektakulärer Kunst-Krimis zurückblicken.

„Erneuter Einbruch in Frankreich: Mehrere Renoir-Gemälde aus Museum gestohlen“, „Kunstraub in Italien: Diebe brechen in Museum ein und entwenden berühmte Werke“, „Schweizer Museen im Visier: So skrupellos agieren Kunsträuber“, das sind nur einige Headlines im Kulturteil von Zeitungen und Nachrichtenportalen der letzten Tage. Es entsteht der Eindruck, dass Europa derzeit mit einer Welle von Kunstdiebstählen überzogen wird. Und in der Tat sind Expert*innen sich einig, dass das organisierte Verbrechen sich verstärkt auf Kunstdiebstahl spezialisiert hat. Die Vorgehensweise wird dabei immer brachialer: Sprengstoff, Äxte, Brechstangen – mit äußerster Brutalität, Dreistigkeit und Chuzpe gehen die Diebe vor. Egal ob im kleinen Uhrenmuseum von Le Locle oder im weltberühmten Louvre, die Diebesbanden schrecken anscheinend vor nichts zurück. Was also können Museen tun, um ihre Schätze zu schützen?

zwei Männer
René Allonge (l.) und Stefan Simon. Foto: LKA Berlin

Tatenlos zuschauen ist keine Alternative. In Frankreich, wo es diesen Sommer bereits zu vier Museumseinbrüchen sowie mehreren Einbruchsversuchen kam, hat man für mehr als 3.000 Museen, Denkmäler und Kirchen einen detaillierten Aktionsplan ausgearbeitet. Und auch in der SPK hat das Thema Sicherheit allerhöchste Priorität – spätestens seit dem spektakulären Münzraub im Bode-Museum. 

„Wie bei CSI“

Genau an diesem „Tatort“ trafen sich anlässlich der Langen Nacht der Museen zwei, die sich wie niemand sonst mit der Thematik auskennen: Stefan Simon, Direktor des Rathgen-Forschungslabors der SPK, und René Allonge, Leiter des Sachgebietes „Kunstdelikte“ im Berliner Landeskriminalamt. In einem sehr gut besuchten Talk zum Thema „Wie überführt man Kunstdiebe und Fälscher?“ sprachen beide über spektakuläre Fälle, bei denen sie zusammengearbeitet haben, und die Zukunft der Museumssicherheit – doch dazu später mehr.

Zwei Frauen untersuchen ein Kunstwerk
Untersuchung eines Kunstwerks im Rathgen-Forschungslabor. Foto: Rathgen-Forschungslabor / Stefan Simon
Zwei Männer untersuchen ein Bild wissenschaftlich
Das Labor verfügt über Equipment und Expertise um Kunstwerke auf Authentizität und Erhaltungszustand zu untersuchen. Foto: Rathgen-Forschungslabor

Aber wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit von Ermittler und Chemiker? „Das kann man sich so ein bisschen wie im Fernsehen vorstellen – wie bei CSI“, erklärt Allonge. „Als Ermittler komme ich manchmal an meine Grenzen. Ich möchte beispielsweise wissen, ob ein Kunstwerk echt oder falsch ist. Und wenn unsere Kriminaltechnik dann gewisse Details nicht herausfinden kann, weil es eine raffinierte Fälschung ist, dann weiß ich, wen ich anrufen kann. Das ist dann Professor Simon.“

Der Fall Beltracchi

Zusammengebracht hat die beiden 2010 der Fall um Deutschlands wohl bekanntesten Kunstfälscher, Wolfgang Beltracchi, einer der nicht nur Kunstexperten und Auktionshäuser an der Nase herumführte, sondern auch einen Schaden in Höhe von 35 Millionen Euro anrichtete. Mithilfe der Expertise von Stefan Simon und seinem Team im Rathgen-Forschungslabor konnten die Farbpigmente in Beltracchis Fälschungen zweifelsfrei auf die Zeit nach dem vorgeblichen Entstehungszeitpunkt datiert und der Fälscher somit überführt werden.

eine Collage aus bunten Bildern
Beschlagnahmte Fälschungen des Malers Wolfgang Beltracchi. Fotos: Rathgen-Forschungslabor / Stefan Simon

„Wir hatten früher den Vorteil gegenüber vielen Laboratorien in Deutschland, dass wir auch Proben nehmen konnten, ohne, dass man sehen konnte, dass eine Probe genommen wurde“, führt Simon aus. Diese quasi zerstörungsfreie Vorgehensweise erlaubt es dem Rathgen-Forschungslabor, Kunstwerke auf ihre Authentizität zu überprüfen, ohne dass Kurator*innen und Restaurator*innen graue Haare bekommen. Auf diese jahrelange Expertise stützen sich auch Allonge und das LKA. 

Der Kunstraub von Gotha

Zweifelsfrei aufklären konnten beide auch einen Fall, der stark an die heutige Zeit erinnert. 1979 wurden fünf altmeisterliche Gemälde aus Schloss Friedenstein in Gotha gestohlen. Und 40 Jahre später stellten Allonge und seine Kolleg*innen die Bilder im Rathgen-Forschungslabor sicher. Die Gemälde sollten dort darauf überprüft werden, ob es sich tatsächlich um die entwendeten Werke aus Gotha handelte. 
 

Eine S/W-Fotografie eines Diebstahltatorts
Tatort Gotha: der größte Kunstraub in der DDR-Geschichte. © LKA Berlin

Doch wie gelangten die Bilder in das Rathgen-Forschungslabor? Über indirekte Kontakte traten eine Familie und ihr Anwalt 2018 an die Stadt Gotha heran, um ihr das damals geraubte Diebesgut wieder anzubieten. Denn strafrechtlich galt der Diebstahl als verjährt, die Familie berief sich auf eine „gutgläubige Ersitzung“, den Erwerb von Eigentum nach einer bestimmten Besitzzeit – doch die Stiftung Schloss Friedenstein hatte durch die unrechtmäßige Entwendung nie die Eigentumsrechte an den Gemälden verloren. Man einigte sich darauf, die Bilder im Rathgen-Forschungslabor auf ihre Echtheit überprüfen zu lassen. Simon stimmte zu, aber nur unter der Bedingung, Allonge und das LKA einzubinden, denn wer die Drahtzieher des damaligen Diebstahls waren, ist bis heute nicht geklärt. Es gab Gerüchte um Stasi- und andere Geheimdienstinvolvierung, und Stefan Simon fürchtete, dass die Bilder, allein in seiner Obhut, nicht so sicher wie notwendig sein könnten. 

eine Frau vor einem Bildschirm
Die Röntgenaufnahmen aus dem Nachlass des Radiologen wurden mit den aktuell angefertigten verglichen. © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Die eigentliche Überprüfung der Bilder war tatsächlich gar nicht so leicht, da dem Labor zunächst nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Werke vorlagen. Doch in den Akten der DDR-Polizei befand sich ein Hinweis auf verschollene Röntgenaufnahmen der Bilder. Damit konnte das Rathgen-Forschungslabor arbeiten. Über Umwege fand man heraus, dass sich der Nachlass jenes Radiologen, der diese Aufnahmen damals angefertigt hatte, im Deutschen Röntgen-Museum in Remscheid befand. Durch Vergleiche von Leinwand- und Holzstruktur mit den vorliegenden Werken konnten die Gemälde zweifelsfrei als die Diebesbeute von Gotha identifiziert werden. 

Die ganze Stadt war durch den Wind – die Frau am Kassenhäuschen genauso wie der Generaldirektor

Stefan Simon

Bis heute hat das Rathgen-Forschungslabor einen engen Draht zur Stadt und Schloss Friedenstein, macht regelmäßig Ausflüge dorthin. „Die ganze Stadt war durch den Wind, als die Bilder zurückkamen – die Frau am Kassenhäuschen genauso wie der Generaldirektor der Stiftung Schloss Friedenstein. Das werde ich nie vergessen“, schwärmt Simon.

Kooperation und Vernetzung gegen Diebesbanden

Doch dann wendet sich das Gespräch der aktuellen Bedrohungslage zu und der Ton wird ernster. „Wir sehen da gerade eine Verschiebung. Erst kürzlich hat Europol eine neue Warnung an Museen in Europa rausgeschickt. Vieles verändert sich da gerade“, sagt Simon, der seit März auch Chair von ICOM SECURITY ist, dem Internationalen Komitee für Museumssicherheit.

In Deutschland sind vor allem die Diebstähle aus dem Bode-Museum 2017, dem Grünen Gewölbe in Dresden 2019 und zuletzt dem Kelten-Römer-Museum in Manching 2022 in Erinnerung geblieben. Dass das Land in den aktuellen paneuropäischen Raubzügen bislang noch glimpflich davonkam, führt René Allonge vor allem auf das zurück, was nach den genannten Taten im Hintergrund passiert ist: Museen haben sich zusammengeschlossen, die Sicherheitsverantwortlichen haben sich stärker vernetzt und es sind klare Sicherheitsempfehlungen herausgegeben worden. 

Drei Männer in einem Raum stehend
Stefan Simon (l.) und René Allonge (r.) bei der Begutachtung der Fälschungen Wolfgang Beltracchis. Foto: Rathgen-Forschungslabor

Neben Fortschritten in Ermittlungsarbeit und Diebstahlprävention ist auch die Forensik ein sich ständig weiterentwickelndes Feld. Für Stefan Simon steht fest: „Wir haben einen gewissen Standard hier in Deutschland. Und viele Länder schauen sowohl auf das, was die Polizei macht, als auch auf das, was wir Wissenschaftler*innen machen.“ Aber: Es sei nicht garantiert, dass das so bliebe. „Es reicht nicht, das älteste Museumslabor der Welt zu sein (das Rathgen-Forschungslabor wurde 1888 als erstes seiner Art gegründet), wenn man auch das älteste Equipment der Welt, und was noch schlimmer ist, zu wenig Personal und Nachwuchs hat.“ 

Um State-of-the-Art zu bleiben, müsste weiter in Sicherheit, Vernetzung und Ausbildung, gerade auch im Bereich der Provenienzforschung, investiert werden. Einen Tipp für Museen in Zeiten von axtschwingenden Einbrecherbanden hat Stefan Simon auch noch parat: „Es müssen nicht 57 Goldobjekte in eine einzelne Vitrine. Einige wenige reichen exemplarisch vielleicht auch aus. Aus Manching oder Villena kann man eine Lektion lernen. In Kombination mit gutem Sicherheitsglas kann Dieben das Leben schwer gemacht werden, aber es gibt kein ‘perfekt’ widerstandsfähiges Glas.“ Und René Allonge ergänzt: „Alles können wir hier heute nicht verraten, aber wir sind immer schon ein Stück weiter, als das, was öffentlich bekannt ist.“ 


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