Portrait einer Frau

Nationalgalerie – was heißt das überhaupt?Zu Gast im ersten SPK-Sommerinterview 2026: Anette Hüsch

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Auch 2026 befragen wir wieder SPK-Protagonist*innen an den schönsten Orten der Stiftung zum Stand der Dinge. Den Anfang macht in diesem Jahr Anette Hüsch, Direktorin der Alten Nationalgalerie. Wir treffen sie an einem sonnigen Tag direkt vor dem Stammhaus der Nationalgalerie im Kolonnadenhof: Heimspiel sozusagen. Es geht um Jahreshighlights, die neue Reihe der InterNationalgalerie und Perspektiven auf die Kunst des 19. Jahrhunderts.

Frau Hüsch, Sie sind jetzt etwas über ein Jahr Direktorin der Alten Nationalgalerie. Was ist in dieser Zeit passiert?

Anette Hüsch: Ich habe unglaublich viel gelernt und lerne auch immer weiter dazu: vor allem in meiner Arbeit mit den vielen engagierten Kolleg*innen hier im Haus, auf der Museumsinsel, in der Stiftung, und im engen Austausch mit den anderen Direktor*innen und unserem Museumsteam hier auf der Insel. Das ist ein fortwährender Lernprozess in einer so großen Stiftung wie der SPK. Und dann ist da natürlich die weltweit einzigartige Sammlung der Alten Nationalgalerie in ihrer ganzen historischen Tiefe. Außerdem lernt man in so einer Direktorinnenposition mit den immer neuen Herausforderungen, auch immer eine gehörige Menge über sich selbst. Alles andere wäre eine vertane Chance! Über die Besucher*innen können wir, glaube ich, tatsächlich noch sehr viel mehr lernen. Und das wollen wir auch in Zukunft tun.

Foto der Alten Nationalgalerie
Die Alte Nationalgalerie. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Das ist ein interessanter Punkt, weil man ja an den Besucherschlangen vor den großen Ausstellungen in der Alten Nationalgalerie der letzten Jahre merkt, dass das Interesse an der Kunst des 19. Jahrhunderts ungebrochen scheint. Warum ist das so?

Da gibt es sicher ganz viele verschiedene Faktoren. Das Haus an sich als Baukunstwerk mit einer in sich geschlossenen Sammlung von Skulptur und Malerei im Inneren plus dem Satelliten Friedrichwerdersche Kirche. Das ist allein schon ein weltweit einzigartiges Gesamtensemble und zieht natürlich die Menschen an. Wir zeigen hier die Inkunabeln der Kunstgeschichte, vom französischen Impressionismus, über Caspar David Friedrich, mit seinem Mönch am Meer und viele weitere Werke dieses großen Künstlers, sowie die Prinzessinnengruppe von Schadow. Letztere sogar gleich zweimal: einmal in Gips in der Friedrichswerderschen Kirche und einmal in Marmor hier im Haupthaus. Das sind Ikonen unseres Hauses, ebenso wie die Werke Menzels und Böcklins… die Liste ließe sich fortsetzen.

Besuchende tauchen in der Alten Nationalgalerie in eine ganz eigene Welt ein. Die Strömungen des 19. Jahrhunderts sind so vielfältig und haben so viele Berührungspunkt zu dem, was uns heute auch beschäftigt. Das fasziniert! Daneben führt die Qualität und die Art und Weise, wie hier Ausstellungen angeboten werden, dazu, dass eine Vielzahl von Menschen immer wieder kommen, um dieses Gesamtpaket an Schönheit und Vielfalt auf der Museumsinsel Berlin zu erleben, derzeit laden wir darüber hinaus zu unserer großen Sonderausstellung Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus ein, mit der wir uns zum 150-jährigen Jubiläum selbst ein Geschenk machen.
 

Foto einer Kirche
Die Friedrichswerdersche Kirche: ein "Satellit" der Alten Nationalgalerie. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
ein Ölbild
Caspar David Friedrich: Mönch am Meer, 1808-1810, Öl auf Leinwand, Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger
Ausstellungsansicht
Ansicht der Ausstellung "Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus" © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / David von Becker

Dazu kommen die Jubiläen in letzter Zeit: Die Alte Nationalgalerie feiert in diesem Jahr ihr 150-jähriges und hat 2026 in den großen, fünf Jahre andauernden 200-Jahr-Feierlichkeiten der Museumsinsel den Lead übernommen. Beflügeln Sie diese historischen Festtage in ihrer täglichen Arbeit oder sind sie eher eine Belastung?

Ein Jubiläum ist ja zunächst ein faktischer Umstand und grundsätzlich könnte jedes Museum ständig etliche Jubiläen feiern: beispielsweise die Todes- oder Geburtstage von Künstler*innen. Aber es gibt natürlich Zäsuren in der Kunst- und Museumsgeschichte. Die Eröffnung der Nationalgalerie auf der Museumsinsel ist selbstverständlich ein Datum, das zentral ist für alle Häuser der Nationalgalerie, inklusive der Neuen Nationalgalerie mit der Sammlung Scharf-Gerstenberg und dem Museum Berggruen, des Hamburger Bahnhofs und den dazugehörigen Sammlungen. Insofern ist es ein willkommener Anlass, das Haus der Öffentlichkeit nochmal neu zu präsentieren und neben der jetzt gerade eröffneten Sonderausstellung Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus mit Hermione von Preuschens Mors Imperator ein einzelnes Werk einer Künstlerin des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt zu stellen.

Ein Ölgemälde eines Skelettes
Hermione von Preuschen: Mors Imperator (Detail), 1887, Privatbesitz © Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, Mika Wißkirchen

Am 19. Juni startet mit dem Gastspiel des Nationalmuseums Warschau Ihre neue Kabinettreihe „InterNationalgalerie“. Nationalgalerien gibt es weltweit, aber eine InterNationalgalerie – das ist neu. Was kann man sich darunter vorstellen?

In der Reihe der „InterNationalgalerie“ laden wir Häuser ein, die den Begriff National im Titel tragen, sich bei uns zu präsentieren. Das Nationalmuseum Warschau macht unter dem Titel Die Erfindung der Mythen den Anfang. 

Wir sind interessiert an den grundsätzlichen Fragen: Was bedeutet eigentlich der Nationenbegriff für die Arbeit an Häusern, die diesen Begriff im Titel tragen? Wie ist er in den Sammlungen reflektiert? Die Nationalgalerie hat ja schon von Anfang an nicht nur in Deutschland entstehende Kunst gesammelt – schon in der Sammlung des Bankiers Wagener, die den Ursprung bildet, waren Künstler aus Belgien, der Schweiz und Frankreich vertreten. Was heißt es in einer globalisierten Welt überhaupt, so einen Begriff im Namen zu tragen? Das zieht ständige Reflexionen über unsere Verbindungslinien in die ganze Welt nach sich.

eine Frau spricht mit einer Person
Anette Hüsch im Gespräch mit dem SPK-Magazin im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel Berlin. Foto: SPK / Sven Stienen

Auch innerhalb Berlins gibt es ja diese Verbindungslinien: Alte Nationalgalerie, Neue Nationalgalerie, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Museum Berggruen, Sammlung Scharf-Gerstenberg. In anderen Worten: Die Sammlung der Nationalgalerie verteilt sich über viele Häuser. Ist das noch zeitgemäß? Lohnt sich nicht vielleicht auch ein Nebeneinanderstellen der Kunst?

Zunächst einmal: Es ist eine gemeinsame Sammlung, die sich über diese drei Häuser mit ihren weiteren Standorten erstreckt und historisch so gewachsen ist. Die Nationalgalerie ist sozusagen ein idealer Ort. Die Trennlinien verlaufen dabei nicht immer scharf und es gibt durchaus viele Überschneidungen: In diesem Herbst z.B. laden wir wieder punktuell Arbeiten aus dem späteren 20. Jahrhundert und der Gegenwart zu uns ein, die in Dialog mit den Werken unserer Sammlung treten. Der Ausstellungstitel lautet daher passenderweise auch Über Zeiten. Denn Kunst ist ja per se etwas, was durch die Zeiten immer wieder auch miteinander in Beziehung gesetzt werden kann. 

Und Kunst inspirierte Künstler*innen auch immer wieder zu weiterer Kunst. Bereits vor über 20 Jahren noch unter Peter-Klaus Schuster wurde am Alten Museum die Arbeit „All Art has been Contemporary“ von Maurizio Nanucci gezeigt. Das ist eine Idee, die immer mitschwingt, wenn wir etwas betrachten. Was wir heute sehen, war in der Vergangenheit einmal Gegenwart. Und das miteinander in Beziehung zu setzen, ist ungeheuer anregend.

 

Das Haus formte sich durch Spannungen, durch Reibungen. Man denke an die Auseinandersetzungen Tschudis mit dem Kaiser. Ist das, was die Alte Nationalgalerie heute zeigt, ein abgesicherter Kanon oder entdecken Sie immer noch Sprengkraft in den Werken? 

Die spürt man definitiv noch heute in allem, was wir hier machen. Damals gab es große Erwartungshaltungen an diese neue Nationalgalerie einer noch jungen Nation und die Kunst bzw. die Kunstästhetik, die hier gezeigt werden sollte. Vor allem über die Frage, wer hier gezeigt werden sollte, gab es großen Dissens. Und auch wenn das 19. Jahrhundert in den rund 4.000 Werken, die insgesamt zu den Beständen zählen, eine gewisse Anmutung der Abgeschlossenheit mit sich bringt, so ist auch das natürlich nur ein spezieller Blickwinkel auf diese Zeit. 

Ich habe mich immer wieder intensiv mit marginalisierten Künstlerinnen beschäftigt und dazu Ausstellungen kuratiert. Das betrifft natürlich auch ganz stark das 19. Jahrhundert und dieses Haus, das sich bereits früh bemühte, seinen Kanon neu zu ordnen. Sammlungen und ein Kanon sind nie wirklich abgeschlossen – ganz im Gegenteil. Sie müssen sich den Fragen stellen, die wir heute haben. Dabei gilt es auch neue Perspektiven sichtbar zu machen, wie in den Ausstellungen Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919, oder aktuell Skandal! Hermione von Preuschen und der Mors Imperator.


 

s/w Bild eines Mannes
Paul Cassirer in den frühen 1920er-Jahren © Nimbus. Kunst und Bücher

Es ging Ihnen im Programm immer auch um die Geschichte des eigenen Hauses. Jetzt erfüllt sich ein Herzenswunsch: Cassirer. Welche Bedeutung hat diese Ausstellung für Sie?

Unsere Sammlungsbestände der französischen Moderne, des Impressionismus und des Post-Impressionismus sind eng verknüpft mit dem Kunsthändler Paul Cassirer. Und in der Ausstellung wollen wir zeigen, welche Bedeutung er und sein großes Kunst-Netzwerk für Berlin und Deutschland und weit darüber hatte und die Sammlungen der Museen prägt. Cassirer hat über die Art und Weise, wie er Kunst gehandelt und vermittelt hat, unter anderem dazu maßgeblich beigetragen, dass die deutschen Museen mit der französischen Moderne und dem französischen Impressionismus nicht nur in Kontakt kamen, sondern wirklich anfingen, diese Kunstströmungen zu sammeln. Er hat einen Markt entwickelt und Werke gut platziert. Diese Ausstellung stand lange im Raum, wurde aber nie wirklich konzipiert und realisiert. Das ich dies nun mit dem Team zum Jubiläumsjahr planen und umsetzen konnte, ist für mich eine große Freude. Wir laden mit der begleitenden Publikation zu einem Augenschmaus und zugleich zu weiteren Forschungen zu Cassirer ein.
 

Am 5. Juni beginnt das große Inselfest und die Menschen werden wieder zahlreich auf die Museumsinsel strömen. Worauf freuen Sie sich besonders?

Neben unserer wunderbaren Cassirer-Ausstellung und Hermione von Preuschen erwartet die Besucher*innen an diesem Wochenende ein umfangreiches Programm im ganzen Haus. Ich drücke uns die Daumen, dass das Wetter schön bleibt und dass möglichst viele Menschen kommen werden, um dieses Stück Weltkulturerbe zu zelebrieren, auf dem wir uns hier bewegen. Besonders freue ich persönlich mich darauf, mit den Menschen hier ins Gespräch zu kommen, oder einfach nur zu beobachten, wie sie diesen einzigartigen Ort der Museumsinsel im Herzen der Stadt genießen.
 

eine Menschenmenge vor der Alten Nationalgalerie
Das Inselfest 2025 war ein echter Publikumsmagnet. Foto: SPK / Photothek / Thomas Koehler

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