Viel mehr als geistloses Zocken: Als Sammlungsobjekt, wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand und Medium der Wissensvermittlung sind Computerspiele bereits seit längerem im Fokus von Kulturerbe- und Forschungseinrichtungen. Auch innerhalb der SPK passiert so einiges: Letzter Höhepunkt war ein Meetup mit Gameentwicklerinnen im Haus Bastian.
Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet Bücher sind der Missing Link zwischen Computerspielen und der Staatsbibliothek zu Berlin. Genauer gesagt die sogenannten Spielbilderbücher. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert waren deren charakteristische Ziehlaschen, Drehscheiben und Faltelemente äußere Merkmale einer meist hochkomplexen, zwischen den Seiten verborgenen Papiermechanik, die selbst nach heutigen Maßstäben verblüfft. Spielbilderbücher sind sozusagen die Computerspiele des analogen Zeitalters. Und so kam es, dass die Stabi 2023 zusammen mit dem Berliner Computerspielemuseum der papierenen Wiege des Computerspiels mit Play it Again – vom Spielbilderbuch zum Videospiel eine Ausstellung widmete. Deren Gegenstand war die Sichtbarmachung der bislang ignorierten Bezüge zwischen diesen beiden interaktiven Mediengattungen.
Das Spielbilderbuch als Computerspielprotagonist
Insofern ist es wohl auch nur konsequent, dass das von der SPK koordinierte deutschlandweite Verbundprojekt museum4punkt0. Digitale Strategien für das Museum der Zukunft einige Spielbilderbücher aus der Werkstatt des international erfolgreichen Münchener Papieringenieurs Lothar Meggendorfer in den Fokus nahm – und zu den Protagonisten eines Computerspiels zur exemplarischen Anwendung von Gamification in Ausstellungskontexten machte. In Rettet die Spielebücher – Robo gegen die Papierfresser geht es darum, einem jungen Publikum die ungewöhnliche, weit über die konventionellen Formen der Buchbenutzung hinausgehende Interaktionsmaterialität historischer Spielbilderbücher nahe zu bringen und begreiflich zu machen.
„Robo gegen die Papierfresser“ baut übrigens auf Ergebnissen eines älteren Forschungsprojekts der Stabi auf – und veranschaulicht eindrücklich, dass Gametechnologie sich nicht nur zur musealen Vermittlung statischer und insbesondere kinetischer Sammlungsobjekte eignet, sondern auch für ihre 3D-Visualisierung in wissenschaftlicher Perspektive. Damit das gelingt, wird das digital zu reproduzierende Werk zunächst virtuell in seine einzelnen Teile zerlegt – etwa seine optischen, mechanischen und räumlichen Eigenschaften –, um diese anschließend mithilfe von Animationssoftware wieder zusammenzubauen.
Wie aber kann man einen spartenübergreifenden Musterworkflow entwickeln, um beliebige bewegliche Kulturobjekte – von Automaten über Marionetten bis zu Flügelaltären – digital zu replizieren? Dieser Frage widmet sich das von der Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderte Stabi-Projekt Pop-up 3D – Digitalisierung und interaktive Visualisierung historischer Spielbilderbücher in wissenschaftsgeleiteter Praxis. Ein Referenzkorpus von 100 Exemplaren dieser zwischen Buch und Spielzeug changierenden Werke soll dazu so in den Open Access transformiert werden, dass beliebige Bewegungssequenzen zitierfähig und reproduzierbar gemacht werden können. Damit das gelingt, werden auch im Game Design gebräuchliche Aufnahmetechniken, Animationsverfahren und Softwareinstrumente benutzt.
Let’s play together!
Ungeachtet dieses beträchtlichen gegenseitigen Lern-, Inspirations- und nicht zuletzt Kooperationspotentials steckt der Dialog von Universitäten, Archiven, Bibliotheken und Museen mit den Kreativunternehmen der Spielebranche allerdings noch in den Kinderschuhen. Erstaunlich, schließlich existieren mit der Stiftung Digitale Spielekultur oder dem demnächst eröffnenden House of Games Berlin tragfähige institutionelle Plattformen für den Austausch. Und nicht zuletzt, wird die 3D-Digitalisierung interaktiver Sammlungsobjekte inzwischen auch von Seiten der internationalen Forschungsförderorganisationen als Handlungsfeld betrachtet.
Höchste Zeit also, die Zusammenarbeit zu intensivieren – dachte man auch an der Stabi und lud im Frühling 2026 gemeinsam mit dem Entwicklerinnennetzwerk FemDevsMeetup und NFDI4Culture zum Meetup Cultural Heritage Meets Game Development im Haus Bastian, dem Zentrum für kulturelle Bildung der SPK. Bei dem Treffen ging es darum, sowohl den Möglichkeitsraum für einen spartenübergreifenden Dialog zwischen Kulturerbeeinrichtungen und Spielewirtschaft zu vermessen als auch konkrete (neue) Anwendungsfelder für den Einsatz von Gamification und 3D-Animationstechnologie zu sondieren – ausgehend vom Pop-up 3D-Projekt.
Das Diskussionsformat richtete sich an Game Developers, Forschende, Sammlungsverantwortliche sowie an Angehörige der Kreativwirtschaft und Kunstschaffende gleichzeitig – und war auch aus allen Zielgruppen gleichermaßen gut besucht. Wenn es übrigens einen idealen Ort für eine derartig grenzenüberwindende Veranstaltung gibt, dann Haus Bastian – nicht zuletzt, weil die Offenheit des intellektuellen Dialograums ihre Entsprechung in der Transparenz und funktionalen Flexibilität der Architektur des von David Chipperfield ursprünglich als Galerie konzipierten Gebäudes fand.
Das Beste aus beiden Welten
Im Zentrum dieses Forums für den Austausch zwischen beiden Welten standen dynamisch-performative Sammlungsobjekte wie besagte Spielbücher. Nicht ohne Grund, wurden sie doch zum Zwecke der Interaktion mit dem Publikum gebaut. Was liegt dann näher, als diese analogen Interaktionsangebote mithilfe von 3D-Animationssoftware digital zu replizieren und in gamifizierter Form an unterschiedliche Publika zu vermitteln? Dieser thematische Schwerpunkt erklärt zudem auch die Beteiligung von NFDI4Culture, verantworten doch Stabi und die Technische Informationsbibliothek Hannover im Rahmen des nationalen Konsortiums für Forschungsdaten materieller und immaterieller Kulturgüter gemeinsam die Weiterentwicklung von kompakkt, einer technischen Plattform zur wissenschaftsadäquaten digitalen Bereitstellung von 3D-Visualisierungen statischer wie interaktiver Artefakte.
Impulse zur Anregung der Diskussion gaben sowohl das in Teilen aus freiberuflichen Computerspieleentwicklerinnen bestehende 3D-Team der Stabi als auch das auf Serious Games und künstlerische VR-Installationen spezialisierte Designstudio Neonature, dessen Arbeit die Outreach-Aktivitäten zahlreicher Museen unterstützt. Schirmherrin des Meetups im Haus Bastian war übrigens SPK-Präsidentin Marion Ackermann, was einmal mehr unterstreicht, wie wichtig es ist, den spartenübergreifenden Dialog von Archiven, Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen mit der Gamesbranche lebendig zu halten – denn diese Aufgabe ist in jeder Hinsicht kein Kinderspiel.

















































































































































































