Die Moderne leuchtet honiggelb

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Treffen sich zwei, um über die Möbel von Mies van der Rohe für das Landhaus Lemke zu sprechen: Wita Noack und Achim Stiegel über Satinholz, Proportionen und sonnige Schränke.

Für sie war das Mies van der Rohe Haus (vormals Landhaus Lemke) ihr Lebenswerk, er ist Kurator für die Möbelsammlung im Kunstgewerbemuseum: Wita Noack und Achim Stiegel. Wir sind mit beiden durch die Ausstellung mit den Möbeln gegangen, die einst in den Räumen am Obersee in Hohenschönhausen standen. Ludwig Mies van der Rohe hat das Wohnhaus mit dem L-förmigen Grundriss für das Druckereiehepaar Martha und Karl Lemke entworfen. Der zwischen 1932 und 1933 errichtete, eingeschossige Bau mit der Backsteinfassade war Mies‘ letztes Projekt vor seiner Emigration in die Vereinigten Staaten. Noch immer steht dieser Ort für Offenheit und Sorgfalt im Detail, für gelungene Proportionen und Harmonie. Für Kontemplation. In den Möbeln setzen sich diese Gedanken fort.

Erstmals hat das Mies van der Rohe Haus seine Möbel zurück – jedenfalls in der Imagination. Zwölf Kilometer liegen zwischen den Räumen und den Schränken, Tischen, Stühlen. Sind jetzt alle Rätsel über Mies‘ letztes Haus in Deutschland vor der Emigration gelöst?

Wita Noack: Ich bin wirklich begeistert, wie das Museum die Möbel restauriert hat und in welcher Geschlossenheit sie hier zu sehen sind. Lange wurde behauptet, die Möbel für das ehemalige Schlafzimmer seien aus Zitronenholz, die Experten hier wissen es besser: es ist Satinholz. Mich beeindruckt vor allem, wie das Holz so honiggelb leuchtet. Gerade auch wenn man sich die hellroten Ziegel vom heutigen Mies van der Rohe Haus dazu denkt. Das ist ein Erlebnis, ein Farberlebnis. Vergleichbar nur noch mit dem Leuchten der Onyxwand im Haus Tugendhat in Brno.

Achim Stiegel: Wir zeigen die Möbel auch, weil wir in der glücklichen Lage sind, eine große, originale Innenausstattung von Mies zu besitzen. Das findet man gar nicht so oft. Und wir räumen mit der Mär von der kühlen Moderne auf. Bei Mies ist sie warm und leuchtend und sonnig. Ausgangspunkt der jetzigen Präsentation war übrigens ein Projekt von Studierenden der UdK, die sich in einer sogenannten Kollisionswoche intensiv mit dem Ausstellen von Wohnensembles hier im KGM auseinandergesetzt haben. Das waren spannende Diskussionen und wir sind im Großen und Ganzen ihrem Entwurfsvorschlag gefolgt.   

Sind die Möbel neu erforscht worden?

Achim Stiegel: Ja, weil es im Bauhaus-Archiv auch ein Ensemble von Mies gibt, was dem Arbeitszimmer aus dem Haus Lemke sehr ähnlich ist. Auch Makassar, ebenholzfurniert. Bei Lichte betrachtet ist es aber so, dass es keine maßlichen Übereinstimmungen gibt, Mies also alles neu gezeichnet hat. Unsere Ausstellung macht deutlich, dass es bei Mies um das Detail der Proportionen geht. Ein Arbeitstisch, ein Halbschrank oder ein Stuhl können gleich aussehen, sind es aber keineswegs.

Haus Lemke, Arbeitszimmer mit Innenausstattung. Entwurf: Mies van der Rohe und Lilly Reich (?), 1934/35, Blick vom Schlafzimmer; Foto: Max Krajewsky, Berlin, 1937 (Originalabzug im Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin)
Haus Lemke, Arbeitszimmer mit Clubsessel. Entwurf: Mies van der Rohe und Lilly Reich (?), 1934/35, Blick zur Diele; Foto: Max Krajewsky, Berlin, 1937 (Originalabzug im Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin)

Aber was lehrt uns das?

Wita Noack: Für Mies waren die Möbel Architektur. Schauen Sie sich dagegen die Entwürfe von Erich Dieckmann oder Adolf Schneck zum Vergleich an. Mies baut auch innen, immer elegant. Und er setzt auf Bezüge. Im Arbeitszimmer von Haus Lemke herrscht das Quadrat im neunziger Maß vor, genau wie bei den Fensterfronten. Selbst der Beistelltisch folgt der Proportion.

Achim Stiegel: Ja, das stimmt. Als ich die Ausstellung aufgebaut habe, wurde mir klar, dass die Möbel präzise stehen müssen. Wenn man einen Hocker zum Beispiel nicht im rechten Winkel stellt, dann sieht das einfach nicht gut aus.

Apropos Hocker. Die sind ja mit ihrer gebogenen Sitzfläche sehr besonders. Aber sie waren durch ihre Ledersitzbespannung auch eine Herausforderung für die Restauratoren.

Achim Stiegel: Genau. Die Hocker sind auch aus Satinfurnier, die Flächen sind allerdings, wie auch bei den Kopf- und Fußstücken des Bettes, mit Pergament bespannt. Das ist ästhetisch qualitätvoll, für die Restauratoren allerdings eine Herausforderung, weil Pergamentleder ein sehr dünnes Material ist und empfindlich auf Luftfeuchte reagiert. Wenn es reißt, dann schwindet die präzise definierte Form, die Silhouette sozusagen. Wir haben es geschafft! Dank auch den Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder und unseres eigenen Freundeskreises, der Julius-Lessing-Gesellschaft, ohne deren großzügige Unterstützung diese aufwändige Restaurierung nicht möglich gewesen wäre.

Wir könnten noch über das übergroße Sofa aus dem Damenzimmer sprechen oder über den Sekretär mit der schrägen Front. Sind Sie denn der Frage nähergekommen, ob die Möbel nun von Mies oder eher von seiner kongenialen Partnerin Lilly Reich stammen?

Achim Stiegel: Ich kann nur sagen, dass der Sessel aus dem Damenschlafzimmer von Friedrich Hirz ist (lacht). Bei den anderen Sachen weiß man das nicht so genau. Die Urheberschaft von beiden stimmt wahrscheinlich immer.

Wita Noack: Ich finde auch, dass man das nicht trennen soll. Sie haben wirklich gemeinsam gearbeitet. Wenn man den Quellen folgt, war Lilly Reich für die Komposition und Ausstattung der Innenräume zuständig. Mies, so lautet es in einem überlieferten Brief, hat vor allem die Möbel für das Arbeitszimmer entworfen. 

Achim Stiegel: Man müsste mehr über die Abläufe in Mies‘ Büro wissen. Man hat Mies lange als genialen Künstler gesehen, allerdings nicht so genau gefragt, wie das praktisch umgesetzt wurde. Hat Mies also die Hauptlinie vorgegeben und andere es ins Detail gebracht? Könnte sein. 

Haus Lemke, Schreibtischstuhl aus dem Arbeitszimmer. Entwurf: Mies van der Rohe und Lilly Reich (?), 1934/35, Makassar-Ebenholz furniert, (Einlege)polster mit Bezug aus Schweinsleder Foto: René Müller, Berlin, 2018 (Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin)
Haus Lemke, Hocker aus dem Arbeitszimmer. Entwurf: Mies van der Rohe und Lilly Reich (?), 1934/35, Makassar-Ebenholz furniert, Polsterkissen mit Bezug aus Schweinsleder Foto: René Müller, Berlin, 2018 (Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin)

Sie erzählen in der Ausstellung auch vom geteilten Berlin. Wie kam es dazu, dass die Möbel vom Landhaus Lemke hier im Kunstgewerbemuseum sind?

Wita Noack: Die Lemkes wurden 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht aus ihrem Haus vertrieben und zogen Anfang der Fünfzigerjahre in die Westsektoren. Man kann nur staunen, dass es ihnen gelang, die Möbel komplett mitzunehmen. Auch ihre Uhrensammlung konnten sie retten. Sie befindet sich heute ebenfalls im Kunstgewerbemuseum. Einiges ist auch verschollen, darunter KPM-Porzellan von Trude Petri, einige Gemälde und eine sehr schöne Bodenvase von Otto Douglas Hill.

Achim Stiegel: Martha Lemke hatte sich nach dem Tod ihres Mannes an das Kunstgewerbemuseum gewandt und angeboten, die Möbel nach ihrem Ableben dem Museum zu schenken. Seit 1984 sind sie hier.

Und weil sie ja nicht zurückkehren werden an den Obersee, müsste man hier doch gleich Tram-Fahrkarten für die M5 verkaufen, oder?

Wita Noack: Ja, oder einen Shuttle einrichten. Ohne das Mies Haus gesehen zu haben, kann man die Möbel nicht verstehen.


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