Wie rekonstruiert man Instrumente, die seit Jahrtausenden verstummt sind – und wie nah kommt ihr Klang dem historischen Original? Olga Sutkowska war drei Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin am SIM und kuratierte dort unter anderem eine viel beachtete Veranstaltung zum Thema. Sie beantwortet Ihre ForschungsFRAGEN und erklärt, welchen Einblick wir in das Sinnesleben der Menschen vergangener Kulturen durch die Musikarchäologie gewinnen können.
Wie gelingt es, jahrtausendealte Instrumente originalgetreu nachzubauen? Kann man sicher sein, dass rekonstruierte Instrumente tatsächlich so geklungen haben wie ihre historischen Vorbilder?
Die Rekonstruktion archäologischer Musikinstrumente bzw. Klangartefakte ist in der musikarchäologischen Forschung zentral, denn nur durch sie können wir die Klänge der Vergangenheit heute wieder hörbar machen. Der Rekonstruktionsprozess ist ein vielschichtiges Verfahren, bei dem alle zur Verfügung stehenden Quellen mitberücksichtigt werden sollen. Je nachdem wie vollständig die zu rekonstruierenden Instrumente erhalten sind, werden außer den archäologischen Funden auch deren Abbildungen in den ikonographischen Quellen sowie Beschreibungen in überlieferten Texten (wenn vorhanden) zu Rate gezogen. Die Vollständigkeit der archäologischen Klangartefakte hängt unter anderem davon ab, aus welchem Material sie hergestellt sind und welchen Bedingungen sie Jahrhunderte oder Jahrtausende lang im Boden liegend ausgesetzt waren. Auch die ggf. komplexe Konstruktion der Instrumente ist für deren möglichst originaltreuen Nachbau sowie die Authentizität der erzeugten Klänge ausschlaggebend. Diese Parameter – das Herstellungsmaterial, die Konstruktion der Instrumente, die Bedingungen der Bergung sowie das Vorhandensein und Umfang der vergleichenden Quellen – variieren bei den unterschiedlichen vergangenen Weltkulturen und Epochen.
So wurde im vorspanischen Amerika Ton als das bevorzugte Material für die Herstellung vieler Instrumente verwendet. Es gibt eine Fülle an Blasinstrumenten, wie Flöten verschiedenster Art, Okarinas, Schrillpfeifen, etc. von scheinbar einfacher Struktur, bei denen die Klangerzeugung nach keiner musikalischen Ausbildung verlangte. Wir verfügen über eine Menge archäologischer Funde aus solchen Kulturen, wie Mayas, Azteken, Theotihuacan, etc., die absolut vollständig ausgegraben worden sind. Wenn man als Archäologe oder Archäologin das Glück hat und über das notwendige musikarchäologisches Wissen verfügt, um unter den ausgegrabenen Artefakten diejenigen zu erkennen, die Klang erzeugen können, könnte man theoretisch sogar das originale Instrument, das Jahrhunderte oder auch Jahrtausende in der Erde verborgen blieb, direkt vom Boden aufnehmen und spielen. Aus konservatorischen und hygienischen Gründen tut man das eher selten, dennoch besteht die Möglichkeit ganz authentische Klänge nach mehreren hundert oder tausend Jahren zu erzeugen. Wenn man sich aber mit viel komplexeren Instrumenten beschäftigt, wie zum Beispiel mit den antiken Doppelschalmeien aus der römischen Kaiserzeit (griechisch Aulos/lateinisch Tibia), die sich durch einen vielschichtigen Aufbau der Spielpfeife auszeichnen – inklusive raffinierter Mechanismen zum Abschließen und Öffnen der Tonlöcher – hat man keine Möglichkeit, auf den Originalen zu spielen. Einerseits sind diese Instrumente nur selten vollständig erhalten, und selbst wenn, wird immer das Rohrblatt fehlen, das bei den Auloi/Tibiae für die Klangerzeugung zuständig ist. Andererseits sind diese Instrumente aus Knochen und Metall hergestellt, die nach zweitausend Jahren stark korrodiert und fragmentiert sind. Der Rekonstruktionsprozess verlangt hier unter Anderem nach akribischer Zusammenstellung möglichst vielen Daten, die vergleichbare archäologische Funde liefern. Das Einbetten in den Kontext der antiken Musiktheorie sowie der wenigen erhaltenen Musikstücke, die in den Textquellen überliefert sind, erhöht die Glaubwürdigkeit der musikarchäologischen Interpretation der zu rekonstruierenden Instrumente bedeutend. Der mehrdimensionale und interdisziplinäre Ansatz solcher Rekonstruktionsvorhaben veranschaulicht die neueste Publikation zu den Auloi aus Meroë , Nord-Sudan, die auch im Open Access verfügbar ist.

Teile von Auloi aus Meroë mit Mechanismen zum Abschließen und Öffnen der Tonlöcher. Ende des 1. Jh. v. Chr., Meroë (heute Begarawiyah), Sudan, nördliche Nekropole, Pyramide Beg. N6 der Königin Amanishakheto, Boston Museum of Fine Arts, Inv. 24.1821.
Foto: Arnd Adje Both, 2012
Unter der Voraussetzung, dass das Puzzle-Spiel aus vorhandenen Quellen möglichst vollständig zusammengebaut wurde, nähert sich der Klang der rekonstruierten Instrumente heute mit hoher Sicherheit dem ihrer archäologischen Vorbildern an. Wenn wir uns aber mit der längst verklungenen „Musik“ beschäftigen wollten, wird es deutlich schwieriger, zumal es bei unterschiedlichen Kulturen verschiedenste Konzepte von Musik gab. Dies ist eine sehr komplexe und äußerst spannende Forschungsperspektive, die auch eine gewisse Offenheit verlangt und häufig die Wissenschaft mit dem experimentellen und künstlerischen Ansatz verbindet.
ForschungsFRAGEN
Wie restauriert man eigentlich Papier? Woran erkennt man, ob ein Gemälde echt ist? Und wie spielt man denn nun Beethoven richtig? Mit den ForschungsFRAGEN geben wir Ihnen die Gelegenheit, uns Ihre Fragen zu stellen. In jeder Ausgabe des Forschungsnewsletters beantwortet ein*e Wissenschaftler*in aus der SPK ausgewählte Fragen aus der Community zu einem speziellen Thema.
Was kann man aus den Klängen rekonstruierter Instrumente über vergangene Kulturen lernen?
Die Rekonstruktion und das Erforschen vergangener Klänge gehört zu einem Forschungsansatz der Archäologie und der Kulturwissenschaften, der als „Archäologie der Sinne“ bezeichnet wird. Hier wird unter anderem untersucht, was die Menschen der Vergangenheit gegessen, gerochen und eben auch gehört haben. Musik und die Klanglandschaften um uns herum sind eine höchst sinnliche Erfahrung. Wenn es uns gelingt, die längst verklungenen Klänge so authentisch wie möglich wieder hörbar zu machen, gewinnen wir einen Einblick in das Sinnesleben der Menschen vergangener Kulturen. Wir erhalten die besondere Möglichkeit uns in deren Alltag einzufühlen und auf diese Art und Weise eine spürbare Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit zu bauen. Das Empfinden der rekonstruierten Klänge bzw. deren Auswirkung auf unser Gehirn wird im Rahmen der psychoakustischen Forschung untersucht.
Welche Epoche der Musikgeschichte ist aus musikarchäologischer Sicht am besten erforscht und welche am wenigsten?
Wenn wir die musikarchäologische Forschung als Teil der Musikgeschichte betrachten, sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, dass sich in den verschiedenen vergangenen Kulturen unter dem Begriff "Musik" unterschiedliche Bedeutungen und Vorstellungswelten verbergen. Sie zu enthüllen ist lediglich begrenzt möglich. Dies betrifft vor allem die ältesten Epochen und Kulturen der Menschheitsgeschichte, zu denen wir Zugang durch wenige erhaltene archäologische Fundstücke sowie beispielsweise Höhlenmalereien bekommen. Es gibt keine Textquellen aus der Steinzeit und diese sind ja für die Geschichtsschreibung und den Einblick in die Denkweise der Menschen aus vergangenen Zeiten essenziell. Eine große Hilfestellung bringt hier die musikethnologische Forschung, bei der traditionelle Kulturen im Fokus stehen. Die Schwirrhölzer, die weltweit in diversen voneinander unabhängig lebenden Ethnien als rituelle und tabuisierte Klangartefakte verwendet werden, können als gutes Beispiel dienen. Mit diesem Wissen lassen sich die an mehreren paläolithischen Fundorten ausgegrabenen länglich-ovalförmigen Objekte mit einer kleinen Öffnung an einem der Enden eben als Schwirrplättchen interpretieren. Die originaltreuen Nachbauten von ihnen beweisen, dass sie mit Leichtigkeit den charakteristischen brummartigen und für uns geheimnisvollen Klang erzeugen können.
Am besten erforscht ist aus musikarchäologischer Sicht ohne Zweifel die griechisch-römische Antike. Die Menge an verfügbaren Quellen ist in diesem Fall erheblich größer als in allen anderen vergangenen Weltkulturen. Dieser Sachverhalt hängt auch damit zusammen, dass die Antike schon seit geraumer Zeit als Inspirationsquelle in der europäischen Kultur diente. Vor allem die zahlreichen erhaltenen Textquellen und eine lange Forschungstradition der klassischen Philologie lassen die materiellen musikbezogenen Hinterlassenschaften, wie die archäologischen Funde von Musikinstrumente und ihre Darstellungen in den antiken Bildquellen plausibel interpretieren. Auch in der Antikensammlung der SPK befinden sich viele musikbezogene Artefakte, die in der Ausstellung "Klangbilder. Musik im antiken Griechenland" des Alten Museums in den Jahren 2021-2022 gezeigt wurden.
Wie verändert moderne Technik (3D-Scanning oder CT-Aufnahmen) die Musikarchäologie?
Wie in allen Wissensbereichen verändert die moderne Technik auch die musikarchäologische Forschung und lässt uns in vielen Fällen musikarchäologische Hinterlassenschaften neu interpretieren. Der größte Vorteil der CT- bzw. auch Röntgen-Aufnahmen ist, dass sie uns einen Einblick in die innere Struktur der Instrumente erlauben. Die Spielpfeifen der zuvor erwähnten antiken Doppelschalmeien aus der römischen Kaiserzeit sind aus einem Knochenkern und mehreren aufeinanderliegenden Metallschichten aufgebaut. Dabei sind nach etwa zweitausend Jahren die einzelnen Metallschichten stark korrodiert und häufig miteinander verbacken. Mit bloßem Auge sind sie nicht mehr zu erkennen. Nicht zu schweigen von den durch die mechanischen Vorrichtungen verdeckten Tonlöcher, die wir ohne CT- oder Röntgen-Aufnahmen gar nicht erkennen könnten. Dabei sind sie und ihre exakte Position ausschlaggebend für die musikalische Interpretation dieser Funde sowie unser Verständnis der damals angewandten Skalen. Ein weiteres Beispiel aus einem anderen Kontinent – die aztekische Totenkopfpfeife – zeigt, wie tiefgehend die Azteken über akustisches Wissen verfügten. Zugang zu der äußerst ausgefeilten inneren Struktur dieser kleinen Wind- und Heulgeräusche produzierenden Klangartefakte aus Ton konnten wir durch CT-Aufnahmen des Ethnologischen Museums in Berlin gewinnen.

3D-Scanning ist wiederum für das digitale Erfassen von Objektoberflächen zuständig. Dies ist von großer Hilfe nicht nur im Sinne der genauen Dokumentation und der Berechnung der exakten Maße, sondern erleichtert und beschleunigt auch die Rekonstruktionsprozesse der Klangartefakte. Das 3D-Scanning eröffnet uns nämlich die breiten Möglichkeiten des 3D-Druckes. Auf eine relativ schnelle und kostengünstige Art und Weise können wir die Rekonstruktionen ausdrucken und sie sofort für das Überprüfen und das klangliche Experimentieren greifbar machen. Die Spezialausgabe der italienischen Open Access Fachzeitschrift "Archeologia e Calcolatori" von 2021 – "From the Digitalisation to Virtual Reconstruction of Ancient Musical Instruments to Sound Simulation and Preservation" – liefert einen Vorschau der facettenreichen Anwendungen moderner Technik in der musikarchäologischen Forschung.

Weiterführende Links
- Staatliches Institut für Museumsforschung
- Vortrag "Die ältesten Klangräume der Menschheit. Zu den akustischen Phänomenen steinzeitlicher Höhlen" von Anna-Friederike Potengowski und Arnd Adje Both
- Tagungsbericht "Neue Ansätze in der Musikarchäologie" von Olga Sutkowska
- "Klangbilder": Doppelaustellung der SPK zur Musik im antiken Griechenland (Altes Museum) und im Alten Ägypten (Neues Museum)






















































































































































































































